BG Kritik:

A.I. Künstliche Intelligenz


von Christian Westhus

Diese Kritik erschien im Rahmen der Kritikenreihe 'Treasure Monday'. Was ist 'Treasure Monday'?

Artificial Intelligence A.I. (USA, 2001)
Regisseur: Steven Spielberg
Cast: Haley Joel Osment, Jude Law, Frances O’Connor, William Hurt

Story:
In der Zukunft dienen hochfortschrittliche Roboter den Menschen in verschiedenen Funktionen. Nun entwickelt eine Firma einen Roboterjungen, der darauf gepolt werden kann, seine menschlichen „Eltern“ zu lieben. So kommt Mecha David (Osment) zu Monica und Terry, deren leiblicher Sohn schwer krank im Koma liegt. Bald schon vergöttert David seine neue Mutter, doch David muss erkennen, dass er die erwiderte Liebe seiner Mutter nur erhält, wenn er – getreu der „Pinocchio“ Geschichte – ein richtiger Junge wird.

Kaum ein Film von Steven Spielberg hatte und hat bei Publikum und Kritik einen derart schweren Stand wie „A.I.“. Dem Schatten von Stanley Kubrick kann selbst ein Gigant wie Spielberg nicht so leicht entkommen. Widersprüchliche Erwartungshaltungen standen einer zuweilen undurchsichtigen Informationsgrundlage der langwierigen Entstehungsgeschichte gegenüber. Und dann ist da noch das regelmäßig fehlgedeutete Ende, das die Filmwelt bis heute spaltet und das nicht nur beim „Wie“, sondern bei der grundsätzlichen Frage was überhaupt passiert.

Mal drauf achten: David blinzelt nicht.


Kubrick überließ seinem Freund Spielberg noch zu Lebzeiten die Ideen zu „A.I.“, meinte er doch, das Projekt würde besser zu ihm passen. (Und Kubrick wartete darauf, dass die Hauptrolle von einem echten Roboter gespielt werden könnte, aber das ist eine ganz eigene Geschichte.) Man erkennt sofort, warum der Regisseur von „2001 – Odyssee im Weltraum“ und „Clockwork Orange“ den Regisseur von „E.T.“ und „Schindlers Liste“ besser geeignet fand. Gerade das erste Drittel ist thematisch wie auf dem Silbertablett für Spielberg hergerichtet. Mecha David als besonderer Junge, der ein trauerndes Elternpaar aus der Lethargie holen soll und durch unabdingliche programmierte Liebe echte Liebe wecken soll. Mutter Monica lässt sich bald drauf ein, andere Kinder sind neugierig und Vater Terry fügt sich ein in eine bei Spielberg beachtliche Reihe von überstrengen, abwesenden oder schlicht negativ gezeichneten Vätern.

Wenn Spielberg Science-Fiction anpackt, kommt fast immer etwas Besonderes bei heraus. Es ist faszinierend, was für emotionale und ethische Fragen das Konzept aufwirft und wie natürlich Spielberg sie uns häufig stellt. Dabei geht es nicht nur um die Erforschung der Möglichkeit echter Gefühle in einer künstlichen Lebensform, sondern auch um die Reaktionen der eigentlich von Natur aus empathischen Menschen. In einem der weniger subtilen Momente richtet Davids Erschaffer William Hurt eine an ihn gerichtete ethische Frage weiter an die „Eltern“, die eine moralische Verpflichtung im Umgang mit ihren und Davids Gefühlen haben. David ist ein trostspendender Ersatz, der sich verselbstständigt und bald selbst ersetzt wird. Haley Joel Osment, das damalige Wunderkind aus „The 6th Sense“, liefert hier immerhin eine zweite gute Leistung ab, die unterstreicht, dass sein kurzlebiger Erfolg kein Zufall war. David ist neugierig, ahmt seine Mutter nach, muss die Eigenheiten seiner neuen Umgebung erst noch kennen lernen. Osment ist dabei gleichermaßen unheimlich wie faszinierend, wenn er mit großen Augen und befremdlichem Grinsen auftritt. Frances O’Connor als Davids „Mutter“ Monica liefert den passenden Gegenpol. Zunächst empört und abgestoßen von der künstlichen Kreatur, nimmt sie David bald als Surrogat-Sohn für ihren schwer-rettbar kranken echten Sohn an. Und hier zeigt sich Spielbergs Genie, denn bei all den Vorwürfen der Meister von Kitsch und Sentimentalität zu sein, versteht es Spielberg wie kaum ein zweiter, die richtigen Strippen zu ziehen, um den größtmöglichen Effekt zu bekommen. In einem Film, der selbst für Spielberg Verhältnisse übervoll mit Spiegeln, Spiegelungen, Prismen und außergewöhnlichen Perspektiven ist, ragen zwei Momente der ersten Hälfte heraus. Die Aktivierung der Liebe in David und schließlich der für ihn unfreiwillige Abschied sind die Art von effektiver Sentimentalität, wie sie nicht vielen gelingt.

Robin Williams sprach den Text für seine animierte Figur schon für Stanley Kubrick.


Nachdem David, begleitet vom großartigen Robo-Stoffbären Teddy, seine Pinocchio-Odyssee beginnt, verändert sich der Film und macht deutlich, dass doch mindestens zwei Herzen in ihm schlagen. Das futuristische Sex-Las-Vegas ‚Rouge City‘, mit seiner sexualisierten Architektur in einem Meer aus Neon, ragt in Spielbergs doch recht a-sexueller Filmographie klar heraus. Hier schwebt der Geist von Kubrick, von Alex DeLarge und Moloko Plus, wenn Sex-Roboter Gigolo Joe (Jude Law) nach einem schwammig begründeten Zwischenfall die Stadt verlässt und bald auf David trifft. Spielberg ist dennoch ein Meister der Bilder; selten subtil, aber meistens effektiv. David trifft auf marode, ausgesonderte Roboter, die vom „Mond“ gejagt und von Anti-Robotik Aktivisten auf einem grellen Jahrmarkt rituell zerstört werden. Spielberg lädt die Flucht und die Zerstörung der Roboter auf mit einer Holocaust Symbolik und berührenden Zwischenmomenten, wie dem Kurzauftritt der Roboter-Frau, deren Kopf kaum mehr als Gesicht und Haare ist. Man spürt, dass Spielberg sich bei der Familiengeschichte daheim wohler fühlte, doch er ist ein zu guter Regisseur, um nicht auch das weitere Abenteuer Davids spannend und faszinierend zu gestalten.

Dem arg gebeutelten Ende kann man eigentlich nur einen Vorwurf machen. Es ist zu redselig und nimmt uns thematisch zu sehr an die Hand, um Dinge zu erklären, die gar nicht so viele Worte benötigen. Das Design der Figuren, denen David am Ende begegnet, ist vielleicht ein wenig unglücklich, doch eigentlich besteht kein Zweifel daran, wen oder was diese Figuren darstellen. Am Schlussakkord machte man den größten Unterschied zwischen Kubrick und Spielberg aus, denn angeblich hätte Kubrick so etwas ja niemals gedreht. Ein irrelevantes Argument. Noch viel mehr, wenn man erkennt, wie viel „2001“ in „A.I.“ steckt, gerade am Ende. Spielberg ist nun mal nicht Kubrick. Er bricht die Kühle und Strenge des Meisters auf und setzt den Fokus auf die Emotionen. Das kann man mal wieder kitschig und überkandidelt finden, aber es funktioniert. Und wer am Ende glaubt, Spielberg habe das kitschigste Happy End aller Zeiten gedreht, sollte den Film vielleicht sofort neu starten und genauer hinschauen.

Fazit:

Häufig missverstandenes Sci-Fi Drama von Steven Spielberg, der spannende Fragen aufwirft und überwiegend gelungen den Geist Kubricks mit seiner eigenen Vorliebe für Familiendramen und Jungenabenteuer kombiniert. In der an Meisterwerken nicht gerade armen Filmographie Spielbergs ein Film, den man nicht so schnell links liegen lassen sollte.

7,5 / 10
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