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Kritik:
Take Shelter 

Ein Sturm zieht auf


von Christian Westhus

TAKE SHELTER
(2012)
Regie: Jeff Nichols
Cast: Michael Shannon, Jessica Chastain

Story:
Arbeiter Curtis schuftet hart, um seine Familie zu ernähren. Und gerade jetzt ist seine hörgeschädigte Tochter auf Geld und die berufliche Krankenversicherung angewiesen. Doch Curtis hat Albträume, Vision von einem mächtigen Sturm, der alles verändern wird. Er beginnt, einen alten Tornadoschutzbunker zu renovieren, nicht wissen, ob seine Visionen real sind, oder nur Auswüchse eines psychisch Kranken.

Kritik:
Der Wind, der Wind, das himmlische Kind. Hurrikan Kathrina und die Folgen, oder die Bankenkrise und das Empfinden der westlichen Welt. Wenn man wollte, könnte man Jeff Nichols apokalyptisches Psycho-Drama mit diversen größeren und kleineren Wehwehchen der USA verknüpfen. Natürlich sind finanzielle Nöte eines Paares kein neuer Einfall, sondern absoluter Standard im Dramatisierungsrepertoire von Filmen. Und doch lässt sich das Gefühl von sozialer Ungerechtigkeit und Wirtschaftskrise nicht abschütteln. Und wenn es im Film stürmt, wartet man nach dem nächsten Schnitt geradezu auf Bilder zerstörter Städte, in Gedenken an New Orleans und Co. Curtis (Michael Shannon) ist ein einfacher Arbeiter. Natürlich ist er das. Er arbeitet kraft- und zeitintensiv in einer Firma für Boden- und Sandarbeiten. Im Duo mit seinem Kollegen und besten Kumpel ist er zwar der Chef, doch in der Firma ist Curtis „nur“ ein Angestellter. Daheim hält seine Frau Samantha (Jessica Chastain aus "The Help“ und „The Tree of Life“) den Haushalt in Schwung und kümmert sich um die gemeinsame, hörgeschädigte Tochter. Ein teures Hör-Implantat könnte dem Mädchen helfen und dank Curtis‘ Krankenversicherung aus der Firma, stehen die Chancen gut, dass die kleine Hannah bald wieder hören kann. Doch weil Curtis erschreckend real wirkende Albträume hat und zu viel Zeit und Geld in den Ausbau eines Tornadoschutzkellers steckt, ziehen bald dunkle Wolken im finanziell wackligen Familienidyll auf. 

Curtis gehört natürlich auch zu der Sorte Mann, die ungern über vermeintliche Banalitäten wie Albträume und körperliche Reaktionen darauf sprechen. Seine Mutter wurde wegen Wahnvorstellungen in ein Pflegeheim gesteckt und so glaubt Curtis natürlich, dass er denselben Weg einschlägt. In teils beklemmend effektiven Traumsequenzen, die gelegentlich zu sehr versuchen, den Zuschauer an der Nase herumzuführen, träumt Curtis von einem gewaltigen Sturm, von öligem Regen, merkwürdigen Vogelformationen und von Menschen, die zu gewalttätigen Semi-Zombies werden. Ohne große Effektszenen zieht der Film vom allerersten Moment an intensiv in seinen Bann und lässt bis zum Schluss nicht mehr los. Curtis beobachtet bedrohlich dunkle Wolkenformationen und dazu spielt das unheimlich kalte Hauptthema. Er widmet sich gleichzeitig dem Bunker und therapeutischen Gesprächen. Keine der beiden möglichen Wahrheiten soll sich für ihn bestätigen, aber wenn der Sturm, dieser Sturm, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat, wirklich kommt, will er vorbereitet sein.

Eine ungesunde Mischung aus Lügen, Verdächtigungen und bedrückender Stille befällt die Familie und die Ehe. Paranoia und Misstrauen reißen Curtis und Samantha weiter auseinander, das finanzielle Damoklesschwert droht jederzeit zu fallen. Der chronisch unterschätzte Michael Shannon beherrscht den gesamten Film. Allein der intensive Blick aus seinem markanten Gesicht lässt tief in die aufgewühlte Seele dahinter blicken. Natürlich gehört Curtis auch zu der Sorte Mann, die, einmal in der Öffentlichkeit mit einer „Macke“ konfrontiert, beim Versuch, die Öffentlichkeit zu überzeugen, verbal wild um sich schlagend den ursprünglichen Vorwurf eher bestätigen, denn abweisen. Doch Shannon hält Curtis‘ Glaubwürdigkeit immer auf Kurs. Es ist eine großartige Darstellung von Shannon und die wahrscheinlich herausforderndste seiner bisherigen Karriere. Jessica Chastain, die 2011 von Null auf Hundert katapultiert wurde, steht dem kaum nach. Sie ist mehr als ein verunsichertes Heimchen, das sich zunehmend vom eigenen Mann entfremdet fühlt. Chastain gibt der Rolle emotionale Relevanz und lässt sich von Shannons bedrohlich bebender Dominanz nicht verschlucken. 

Autor und Regisseur Nichols avanciert mit diesem Film indes zu einem Namen im US-Indiefilm, den man sich merken muss. Gekonnt hält er die Auflösung des Films in der Schwebe, spielt mit den Erwartungen der Zuschauer an Genrefilme, seien es Katastrophenfilme um ungehörte Propheten, oder Dramen um hysterische Spinner. Geschickt wird die Verbindung zur Mutter thematisiert, die Theorie der Erblichkeit psychischer Störungen. Und doch denkt man jedes Mal, wenn es sich am Himmel zuzieht, wenn es auffällig braust, oder verdächtig still wird, dass es jetzt losgeht, dass der groß angekündigte Sturm bevorsteht. Mit ruhiger Hand führt Nichols durch den Film, überlässt die Bühne den Darstellern und beschränkt sich ganz auf die paar Traumszenen und das kontinuierlich gesteigerte Gefühl von Panik und Unbehagen. So wird schon der Blick auf die Auslage an Gasmasken in einem Geschäft zum beklemmenden Blick auf eine unabwendbar geglaubte Katastrophe. Und zum Finale dreht Nichols nochmal so richtig an der Spannungsschraube. Unbeschreiblich intensive Minuten vergehen, ehe wir tatsächlich wissen, was vor sich geht. Mit Curtis, der tickenden Zeitbombe in Menschengestalt, ist wirklich alles möglich. Nichols verliert bis zum Schluss nie den ambivalenten Charakter, vermeidet aber gleichzeitig, sich mit einer unentschlossenen Halbwahrheit billig aus der Affäre zu ziehen. Ein meisterhafter Kniff, der den Film noch lange nachwirken lässt.

Fazit:
Ist Michael Shannon Prophet oder Spinner? Stark gespieltes und endlos faszinierendes Psycho-Drama mit Apokalypsen-Touch. Spannend von der ersten Minute bis zum grandiosen Finale.

8,5 / 10

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