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Kritik:
Take this Waltz


von Christian Westhus

TAKE THIS WALTZ
(2011/2013)
Regie: Sarah Polley
Cast: Michelle Williams, Seth Rogen, Luke Kirby, Sarah Silverman

Story:
Auf einem Flug zurück nach Hause lernt Margot (Williams) Daniel (Kirby) kennen, der sich als ihr frisch eingezogener Nachbar von gegenüber entpuppt. Margot merkt schnell, dass sie sich zu Daniel hingezogen fühlt und Single Daniel deutet auch mal mehr mal weniger deutlich sein Interesse an. Das Problem: Margot ist seit fünf Jahren mit Koch Joe (Rogen) verheiratet und eigentlich glücklich. Aber eigentlich auch nicht…

Kritik:
Die kanadische Schauspielerin Sarah Polley (Jahrgang 1979) ist mittlerweile vermehrt aufs Regiegeschäft umgestiegen. Dennoch hat es seit dem Erfolg des Demenzdramas „An ihrer Seite“ 2004 sieben Jahre gedauert (der Film kommt mit fast zweijähriger Verspätung nach Deutschland), bis sie einen neuen Film als Autorin und Regisseurin anging. Dass Polley an Menschen interessiert ist, auch an schwierigen oder gar düsteren Details, machte sich schon in ihrer Rollenauswahl bemerkbar. Ihr Liebesdrama „Take this Waltz“ wirkt zunächst wie eine leichte Tragikomödie um eine Dreiecksbeziehung, ist jedoch trotz humorvoller Szenen und einem ständig sonnigen Ambiente nicht unbedingt der unterhaltsamste Blick auf die Wirren der Liebe. Der Film wirft die Frage auf, ob die Ehe vielleicht doch nur eine Verpflichtung ist. Wie lange darf und sollte es dauern, bis man sich von dieser löst und etwas Neues und Besseres versucht? Zu wem ist man durch den Neuanfang eigentlich ehrlich, zu sich selbst oder zum vorigen Partner? 

Polley nimmt das Ende in gewisser Weise vorweg, blickt nach einem einleitenden Erzählkniff zurück auf die Entwicklung, wie wir so weit kamen. Diese in neun von zehn Fällen unsinnige und schädliche Vorwegnahme wird nur dadurch gerettet, dass Polley die Details noch ein wenig im Unklaren lässt und das tatsächliche Ende des Films noch einen bedeutsamen Schritt weiter geht. Wir folgen Michelle Williams‘ Margot, die vom Zufall oder Schicksal gelenkt auf Daniel trifft und sich fast sofort in ihn verguckt, obwohl er nicht viel mehr macht, als sie anzusehen und humorvoll-spöttisch auf ihre Lektüre im Flugzeug zu reagieren. Als sie sich nach einer Taxifahrt trennen, um jeweils nach Hause zu gehen, wirkt es, nach den Gesichtern zu urteilen, als sei diese frische, wahre und neue Liebe schon direkt wieder schmerzhaft zerbrochen. „Schade“, meint Daniel, als Margot ihm erzählt, sie sei verheiratet. Doch nicht nur weil man quasi gegenüber wohnt, kommen beide nicht voneinander los. Dabei wirkt Margot in ihrer Ehe mit Koch Joe eigentlich glücklich. Beiden wirken vertraut und eingespielt in diversen Spielchen, wer glaubwürdiger „Ich liebe dich“ sagen kann. Sie entwickeln in kindlich-alberner Innigkeit Mord- und Folterfantasien für den Partner, als Liebesbeweis. Erst langsam deuten sich die kleinen, aber auch irgendwie klassischen und banalen Probleme einer jeden Beziehung an. Joe, für den Seth Rogen trotz gedrosselter Bärigkeit noch genügend Charme übrig hat, ist für sein Kochbuch ständig in der Küche beschäftigt, Margot hat eigentlich den Traum zu schreiben, im Liebesleben ging es wohl auch schon mal heißer her und der Alltag macht sich breit.

Polleys Drehbuch konzentriert sich stark auf Michelle Williams. Ihre Margot ist eine schwierige, zu Beginn häufig verkrampfte und widersprüchliche Frau, von Impulsen getrieben, die sie zu bekämpfen versucht. Williams versinkt einmal mehr in einer Figur, aber für lange Zeit bleibt uns Margot ein wenig suspekt. Wie sie zwei Drittel des Films um die Idee des Ehebruchs oder des Ehe-Endes herumtänzelten, Daniel gleichermaßen lockt und abweist, scheint ein wenig in die Länge gezogen, doch Williams‘ natürliches und ehrliches Spiel einer nicht immer klar zuzuordnenden Figur fasziniert immerhin. Die beiden Männer sind hingegen etwas simpler gestrickt, vielleicht sogar flacher. Polleys Script will unparteiisch sein, beobachten, verschiedene Sichtweisen und Lebensziele gegeneinander ausspielen und abwiegen. Doch es wirkt übertrieben, wenn Joe romantisch gedacht und doch respektlos wirkend meint, kein Interesse an Gesprächen mit seiner Frau zu haben, da er sie doch kennt. Wozu kommunizieren, wenn man verheiratet ist? Kein Wunder, dass Margot, die vielleicht spürt, dass sie nicht mehr lange hat, um ihr Leben radikal zu verändern, nach solchen Aussagen Interesse an Daniel entwickelt. Der ist als Rikscha-Fahrer, als nicht veröffentlichender Künstler und durch Luke Kirbys deutlich maskulinere Züge fertig charakterisiert, verbleibt überwiegend passiv. Er wartet ab, was die verheiratete Frau macht, deutet nur an, was er bei Gelegenheit mit ihr machen würde. Im Vergleich überrascht Seth Rogen allerdings mit einer feinfühligen Darstellung innerer Wehmut, die man dem sonst kumpelhaften „Man-Child“ nicht unbedingt zugetraut hätte. 

Als dringend nötige zweite weibliche Stimme taucht Sarah Silverman als Schwägerin Geraldine auf. Die abstinente Alkoholikerin deutet gegenüber Margot an, wie das Eheleben nach einem Kind und nach ein paar weiteren Jahren aussieht, wie froh man doch über manch kleine Dinge sein kann. Geraldine hat aber auch ihre ganz eigenen Ansichten, wie man sich der Rolle und den inneren Sehnsüchten nach Veränderung zu stellen hat. Polleys Script reduziert die Dialoge, setzt ganz auf das Spiel der Darsteller und findet ansprechende Bilder, um die innerlichen Tumulte der Figuren darzustellen. Das wirkt manchmal ein wenig schwammig oder beliebig, ist jedoch von einer Offenheit und oftmals auch Bitterkeit geprägt, die bewegt. Spätestens dann, wenn Joe seinen Trick mit dem kalten Wasser verrät. Zwei treffende Symbole findet Sarah Polley als Regisseurin, um mehr zu sagen, als in Dialogen möglich gewesen wäre: Momente der Bewegung und „Video killed the Radio Star“. Den Titel hat der Film eigentlich von Leonard Cohens gleichnamigem Lied entliehen, das in einer zentralen – und immens diskussionswürdigen – Szene zum sprichwörtlichen „Tanz“ einlädt. Doch „Video killed the Radio Star“, der Quasi-Klassiger der „Buggles“, wird gleich mehrfach gespielt. Video ersetzte das Radio, aber von Dauer war Video auch nicht. So macht Polleys narrative Kreisbewegung fast Sinn, wenn sich Ende und Neubeginn die Hand geben.

Fazit:
Gut gespieltes Liebesdrama, das nicht unbedingt so bitter und ungemütlich ist wie „Blue Valentine“ mit Michelle Williams, aber eben auch nicht die leichte Liebesdramödie ist, die man vielleicht erwartete. Das Script von Regisseurin Sarah Polley lässt sich hier und da etwas viel Zeit, irritiert durch mal flache, mal ungewohnt realistisch-komplizierte Figuren, fasziniert jedoch auch durch kluge Ideen und ehrliche Emotionen.

6,5 / 10

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