BG Kritik:

Das Talent des Genesis Potini


Manuel Föhl ist seit 2004 aktives Mitglied bei Bereitsgesehen. Als Redakteur war er u.a. für 35 Millimeter - Das Retro Filmmagazin tätig.

The Dark Horse (NZL 2016)
Regisseur: James Napier Robertson
Cast: Cliff Curtis, James Rolleston, Kirk Torrance

Story: Der Film erzählt die wahre Geschichte von Genesis Potini, einem überdurchschnittlich begabtem, neuseeländischen Schachspieler. Sein Problem bestand aber darin, dass er unter bipolaren Störungen litt, die ihn dazu zwangen seine Karriere als Schachspieler aufzugeben. Nach und nach entdeckt er einen Ausweg, indem er Kindern aus problembehafteten Hintergründen mit Hilfe des Schachspiels half neue Hoffnung und Perspektiven für das Leben zu finden.

Genesis Potini lädt zu einem Spiel ein. Schach oder Schachmatt?

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Das Schachspiel scheint gerade wieder en Vogue im Kino und abseits davon zu sein. Wenige Wochen nachdem Edward Zwick in den deutschen Kinos mit PAWN SACRIFICE (Bauernopfer – Spiel der Könige, USA/CND 2014) den Konflikt des Kalten Krieges auf ein Schachspiel projizierte, folgt nun der nächste Filmstoff mit dem beliebten Strategiespiel als Aufhänger im Kino. Und auch auf dem DVD-Markt erschien erst Anfang des Monats mit CHECK MATE (Schachmatt – Spiel ohne Ausweg, USA 2015, R: Timothy Woodward Jr.) ein Film, der zumindest im deutschen Verleihtitel mit den Mechanismen des Spiels wirbt. Die Liste von Filmen mit Schachspielen im Handlungsverlauf ließe sich endlos weiterführen. In THE DARK HORSE, dem Originaltitel des Films und dem Kosenamen von Cliff Curtis Figur im Film, ist das Spiel mehr Mittel zum Zweck. Im Vordergrund steht das Porträt eines Menschen, der eigentlich niemandem etwas böse will, sondern nur mit sich selbst zu kämpfen hat. Unter fast gleichem Titel, DARK HORSE, erschien bereits 2003 eine mehrfach ausgezeichnete Dokumentation über den begnadeten Schachspieler.

Wer bei dem Wort „Schach“ schon laut aufstöhnen muss, dem sei hier gesagt, dass das eigentliche Spiel eigentlich nie so prominent auftritt, wie man das vielleicht erwarten würde. Ja es gibt am Ende (natürlich!) ein großes Turnier, aber da der Film schon zuvor nicht versucht aus den Zuschauern Profischachspieler zu machen – in Wirklichkeit werden zu keiner Sekunde irgendwelche Regeln erklärt – versucht er auch nicht im Turnier Spannung durch längere Schachspielsequenzen aufzubauen. Es soll keine Faszination für das Spiel aufgebaut werden, sondern für das was ein Spiel oder der Zusammenhalt einer Gruppe mit (jungen) Menschen machen kann und der Person selbst, die sie fördert. Der Film hält sich dabei etwas bedeckt, was die genaueren Hintergründe der jugendlichen Kinder betrifft, bleibt aber auch so gleichzeitig seiner Linie treu die Geschichte des Genesis Potini erzählen zu wollen. So gibt es auch beinahe ausnahmslos nur Szenen aus seiner Perspektive zu sehen.

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Den zentralen Konflikt des Films bietet der Zwist zwischen Potini und seinem Bruder Arikiri, bei dem er nach der Entlassung aus einer Anstalt leben soll. Arikiris Sohn Mana (John Rollesston), soll Teil seiner kriminellen Biker-Gang werden, möchte aber eigentlich lieber wie die anderen Kinder durch das Schachspiel neuen Mut und Zuversicht finden um aus den schlechten sozialen Verhältnissen einen Ausweg zu finden. Der Handlungsstrang wirkt manchmal etwas konstruiert und manchmal auch etwas zu unscheinbar dafür, dass es die zentrale emotionale Basis des Films bilden soll. Hier fehlt der letzte Schliff um die wirkliche emotionale Wucht dieser Beziehung deutlich zu machen. Auch wirkt die Auflösung des Konflikts am Ende etwas uninspiriert.

Cliff Curtis ist kein unbeschriebenes Blatt in der Filmwelt mit seinen aktuellen Auftritten in der Serie FEAR THE WALKING DEAD oder Rollen in diversen amerikanischen Produktionen der 2000er. Mit DAS TALENT DES GENESIS POTINI kehrt Curtis in sein Heimatland zurück. Er, der jetzt schon hier und da als Geheimfavorit für einen großen amerikanischen Filmpreis gehandelt wird – der Film ist wohl von 2014, kam aber auch erst dieses Jahr offiziell in die amerikanischen Kinos – spielt sich hier förmlich die Seele vom Leib. Mit relativ unorthodoxen Mitteln brachte er sich für den Film in Form, so trank er über sechs Wochen jeden Tag 12 bis 24 Bier und nahm innerhalb von wenigen Monaten, auf Wunsch des Regisseurs, mehr als 25 Kilogramm zu. Auch half er sich indem er während den Dreharbeiten im Sinne des Method Acting nie seine Rolle verließ. Und es hat sich gelohnt. Curtis vermag die ruhige, verletzliche Seite genauso eindrucksvoll darzustellen, wie seine aggressive, verwirrte. In vielen Momenten mag man förmlich in die Leinwand reinspringen und für ihn da sein oder ihn beruhigen.

Regisseur James Napier Robertson, der auch selbst eine kleine Rolle im Film hat, verzichtet in großen Teilen auf ausufernde Rührseligkeit der Bilder. Die größtenteils vom Klavier getragene Filmmusik wird wenn dann nur sehr spärlich eingesetzt, ansonsten lässt Robertson lieber seine Schauspieler und ihre Emotionen für sich sprechen. Mit der Handkamera bleibt er dabei immer sehr nah und lange bei seinen Protagonisten ohne zu hektisch zu werden. Klug inszeniert er den Film um das Schachspiel herum ohne es wirklich in den Vordergrund zu stellen, verlässt sich aber des Öfteren zu sehr auf übliche Genremechanismen. Auch montiert er den Part von Genesis Beginn im Schachclub bis zum Turnier sehr flott, so dass ein paar charakterliche Entwicklungen zwischen den Figuren etwas am Zuschauer vorbeirauschen. Die einzelnen Kinder werden clever mit charakterlichen Eigenschaften aufgeladen, doch wie ihre eigentlichen sozialen Hintergründe, bleiben sie auch selbst eher im Hintergrund. Bei der Figur von Genesis Potini verzichtet er bis auf eine Ausnahme auf irgendwelche subjektiven Eindrücke der Hauptfigur um sein Innenleben für den Zuschauer zu visualisieren und somit erfahrbarer zu machen, sondern gibt jedem die Chance einen objektiven Blick auf den Charakter zu bekommen.

Fazit:

In seinen Erzählmustern folgt der Film größtenteils bekannten Dramaturgien und doch lohnt sich ein Kinogang nicht nur wegen Cliff Curtis eindringlichem Spiel, sondern auch der überraschungsfreien, aber doch herzerwärmenden Geschichte. Das Schachspiel und die Kinder, die Genesis betreut, werden nie zum Zentrum der Handlung, sondern Genesis bleibt die zentrale Figur, der König des Films. Sehenswert!

7 / 10

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