BG Kritik:

Die letzte Versuchung Christi


Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!

Diese Kritik erschien im Rahmen der Kritikenreihe 'Treasure Monday'. Was ist 'Treasure Monday'?

The Last Temptation of Christ (USA, Kanada 1988)
Regisseur: Martin Scorsese
Cast: Willem Dafoe, Harvey Keitel, Barbara Hershey

Story:
Basierend auf dem Roman von Nikos Kazantzakis: Das Leben Jesu Christi; die Zerrissenheit zwischen seiner menschlichen und göttlichen Natur, seinen Selbstzweifeln und den Versuchungen des Satan.

Martin Scorsese nähert sich dem Leben Jesu Christi nicht über die Evangelien, sondern über einen den Evangelien nachempfunden, nicht-kanonischen Roman, der 1953 veröffentlicht wurde.

Barbara Hershey schenkte Scorsese die Buchvorlage 1972 bei den Dreharbeiten zu "Boxcar Bertha".


„Du bist eine Schande. Du bist ein Jude, der Juden tötet.“ So beschimpft Harvey Keitels Judas seinen Freund Jesus zu Beginn von Martin Scorseses Meisterwerk „Die letzte Versuchung Christi“. Zimmermannssohn Jesus fertigt Kreuze für die Römer. Wir sehen ihn, wie das Kreuz für einen zum Tode Verurteilten anfertigt, es nach Golgatha trägt und dort aufzurichten hilft. Der Jesus, den Scorsese nach Vorlage von Nikos Kazantzakis entwirft, ist ein Mann des Leidens, schon bevor seine eigene Passion beginnt. Jesus ist geplagt von Ahnungen, von Stimmen, von Gott, der mit ihm in Kontakt zu treten versucht. Jesus ahnt, dass Gott etwas Großes mit ihm plant, doch er kann den Göttlichen Druck nicht ertragen, fühlt sich verfolgt und versucht den Plänen Gottes zu entkommen. Doch Jesus entschließt sich zuzuhören, Gott einen Schritt entgegen zu kommen. Der neue Weg, den er beschreitet, führt ihn zunächst zur Prostituierten Maria Magdalena, einer Bekannten aus Kindertagen, der er um die Vergebung seiner Dienste für die Römer bittet, ehe er sich in die Wüste aufmacht.

Scorsese zeigt Jesus, der mit dem effektiv ungewöhnlichen Gesicht von Willem Dafoe daherkommt, als Mann im Zweifel. Selbst als er sich Gott öffnet und ihm dienen will, hinterfragt er, zweifelt an sich und will nicht besonders sein, obwohl er schnell feststellt, dass er eine andere, eine stärkere Bindung zum Gott Abrahams hat, als die übrigen Gläubigen, denen er begegnet. Jesus zeigt Schwächen. Er hat menschliche, sinnliche Verlangen und Lüste, die er unterdrückt aus Angst, nicht aus Glauben oder mentaler Stärke. „Luzifer wohnt in mir“, sagt Jesus, als er in die Wüste geht, wo ihm Luzifer unter anderem als schwarze Kobra und als Feuersäule begegnet. Erst langsam entdeckt er, wie er seine Verbindung zu Gott auf andere Menschen anwenden kann, wie Gottes Worte aus ihm kommen, ohne dass er es steuern kann. So hat er bald eine kleine Gruppe Gläubiger um sich geschart, darunter seine zwölf engsten Begleiter. Doch erst die Begegnung mit Johannes dem Täufer und die 40 Tage des Fastens in der Wüste bewegen Jesus näher zu seinem vorbestimmten Ziel.

Der Film hatte in einigen US-Bundesstaaten ein Aufführungsverbot und war gänzlich verboten in Argentinien, Chile, Mexiko, der Türkei, den Philippinen und Singapur.


Es ist eigentlich nicht verwunderlich, warum „Die letzte Versuchung Christi“ zum Zeitpunkt der Erscheinung einen solchen Wirbel auslöste. Martin Scorsese drehte Filme über Mörder, über Kriminelle und Mafiosi, über Gewaltmenschen, Soziopathen, Psychopathen, Drogendealer, Zuhälter und Vergewaltiger, doch es war dieser Film (neben „Kundun“, einem Film über den Dalai Lama), der Scorsese beinahe die Karriere kostete. Die Kontroverse um den Film ist bis heute beachtlich und erschütternd. Schon bevor Jesus der zentralen „letzten Versuchung“ gegenübersteht, muten Scorsese und Kazantzakis ihren gläubigen Zuschauern einiges zu. Doch es ist das vermeintliche Sakrileg des Schlussakts, welches die Menschen zu Hundertschaften protestierend auf die Straßen trieb. Dabei sind Scorseses Absichten gleichermaßen positiv wie offensichtlich. „Die letzte Versuchung Christi“ ist keine Satire, keine kritische Schrift, keine gallige Blasphemie. Es ist ein zutiefst spiritueller und religiöser Film, der eine neue und noch stärkere Nähe zur Figur Jesus Christus sucht.

Religion spielt in nahezu jedem Film von Martin Scorsese zumindest eine gewisse Rolle. Ehe er sich für das Filmstudium an der Universität von New York einschrieb, plante der Sohn italienischer Einwanderer ins Priesteramt einzutreten. Diese Auseinandersetzung mit Jesus, der Versuch, das Menschliche und das Göttliche zu vereinen und neu rezipierbar zu machen, pumpt mit literweisem Herzblut durch diesen Film. Als hätten „Taxi Driver“ und „Raging Bull“ nicht eh schon untermauert, welch mutiger und hochbegabter Regisseur Martin Scorsese ist, wirkt „Die letzte Versuchung Christi“ wie der endgültige Beweis der Meisterklasse und Mutes des Filmemachers. Das geringe Budget kommt der Produktion zugute. Handlung und Figuren können sich in den kargen Kulissen entfalten, aus denen Kameramann Michael Ballhaus einige betörende und hochintensive Bilder destilliert, die mit Peter Gabriels meisterhaftem „Passion“ Musikscore und Scorseses unaufhaltsamer Energie zu purer, bewusstseinserweiternder Emotionalität verknüpft werden. Kaum ein anderer Film ist so sehr daran interessiert und ist auf so künstlerisch formvollendetem Niveau erfolgreich, die Figur Jesus Christus nachvollziehbar zu machen. Es ist kein Film der Blasphemie, sondern ein hochpersönliches, hingebungsvoll gespieltes Meisterwerk, welches auch in Zweiflern ein vages Gefühl der Spiritualität zu wecken vermag.

Fazit:

Radikales, leidenschaftlich entschlossenes und noch immer brisantes Meisterwerk, in dem Martin Scorsese Jesus Christus als faszinierende Persönlichkeit zeigt und das Bedeutungsspektrum seines Opfers in einem neuen, faszinierenden Licht erkundet.

9,5 / 10

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