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Kritik:
The Amazing Spider-Man


von Christian Mester

THE AMAZING SPIDER-MAN (2012)
Regie: Marc Webb
Cast: Andrew Garfield, Emma Stone, Rhys Ifans

Story:
Der pfiffige, aber einsame Peter (Andrew Garfield) will eines Tages unbedingt herausfinden, was mit seinen verschollenen Eltern geschah, und so führt ihn seine Suche ins Oscorp Labor von Dr. Curt Connors. Über Umwege wird er dadurch zu Spider-Man, als der er gleichermaßen versucht, sein Privatleben und neues Heldenleben unter Dach und Fach zu bekommen, während woanders ein Monster entsteht, das natürlich haar-, oder besser: schuppensträubende Pläne hat, die es aufzuhalten gilt.

Kritik:
Die meisten Genrefans mosern seit Monaten über zweierlei Fakt: dass der Neustart der Spider-Man Reihe doch nur fünf Jahre nach Raimis Teil 3 kommt und damit gefühlt überflüssig ist, und dass der neue Parker sicherlich ein Hipsterteen ist, der sich berechnend in die Herzen junger Twilightgirls zu skaten versucht. Beides ist glücklicherweise falsch, doch trotzdem schwingt sich Webbs Reboot nur verhältnismäßig ausreichend in die nächste Trilogie.

Hauptdarsteller Andrew Garfield ist nicht zu kritisieren. Mit perfekter Spider-Man Körperfigur spielt er Parker als dreidimensionalen Charakter, der merklich anders als Maguires Fassung ausfällt, damit fraglos interessant wird und beinahe allein den Reboot-Gedanken relativiert: der neue Parker ist kein schusseliger Nerd, er ist ein Loner, der keinen einzigen Freund hat und desweilen dazu neigt, Widerworte zu geben. Er ist zwar noch immer ein lieber Junge, der sich schüchtern verliebt und nebenbei im roten Spandex Schurken verprügeln geht, aber Garfield gibt ihm einen eigenen Spin. Dass dieser Peter mit dem Skateboard unterwegs ist, erweist sich als gute Idee: so ist er bereits athletisch, geschickt und mit Stürzen vertraut, anders als Stubenhocker Maguire im ersten. Schade ist jedoch, dass Webb maßgeblich gegen Spaß lehnt. In den einzigen beiden amüsanten Szenen des Films ist Parker kurzzeitig unterhaltsam frech, und verhöhnt einen Mitschüler und einen Dieb. Sofort greift Webb ein und degradiert den ansonsten vor allem für seine flotten Verspottungen bekannten Spider-Man zu einem recht ernsten Kämpfer, der primär vernünftig agieren soll. Was der Grundfigur Spider-Man konzeptionell an Spaß nimmt.

Wer nun schätzt, der Regisseur von (500) Days of Summer setze stattdessen auf die Beziehung zwischen Parker und seiner Gwen Stacy (süß, aber zu kurz vorkommend, immerhin nie Damsel in Distress: Emma Stone), liegt überraschend falsch. Im Vergleich spielt sie sogar eine kleinere Rolle; wichtiger ist es dem neuen Parker, die Geheimnisse seiner Vergangenheit zu lösen. Das große Mysterium: was geschah mit seinen Eltern? Peter ist es wichtig, der Handlung jedoch anscheinend nicht. Zum einen bleiben die Enthüllungen über seine Eltern dafür insgesamt viel zu vage, zum anderen ist Peters Schnüffelei nur wenig gelungen. Der schicksalshafte Biss der Spinne passiert als Folge von unglaubwürdigem, glücklichen Pech, und der weitere Kontakt mit Dr. Curt (im Film: Curtis) Connors bringt nur Vermutungen und Schätzungen zutage, was denn wirklich geschah. Komisch ist, dass Spider-Man einige seiner Recherchen ins Leere laufen lässt und nicht fortführt, wodurch der Film an sich öfters unkoordiniert und ziellos wirkt.

Die größte Kerbe steckt im Gegner, dem Lizard. Taucht er das erste Mal auf und wirft mit seiner massigen Gestalt brüllend mit Autos um sich, scheint er ein eindrucksvoller Behemoth zu sein – bis er denn dann seinen Close-Up bekommt. Nicht nur, dass sein Gesicht wie das eines Goombas aus Super Mario Bros – Der Film aussieht, neigt er auch noch ständig zu dümmlich wirkenden Grimassen, die ihn eher zu Elliot, dem Schmunzelmonster, als dem furchterregenden Monster machen, das ein fast drei Meter großer Echsenmann sein sollte. Dann beginnt er auch noch zu sprechen, was exekutiv eine Katastrophe ist. Der so schon entkräftigte Lizard unterstreicht seine Beschränktheit mit albernsten 0815-Phrasen, wie sie sonst nur von billigen Gegnern in Computerspielen kommen. Er gibt fast ausschließlich Dinge wie „haha, das ist dein Ende“ oder „bald wird die Stadt mein sein“ von sich. Und auch unter der zugegebenermaßen technisch gut gemachten Echsenhaut harperts, denn Rhys Ifans weiß nie, ob er gerade ein rastlos neugieriger Wissenschaftler ala Seth Brundle ist, ein trauriger Zeitzeuge Peters Vergangenheit, ein uneinsichtiger Narr, ein Wahnsinniger oder ein Dummbeutel, der bloß mit Kittel und Brille clever ausschaut. Mal will er Spider-Man in Stücke reißen und zerfetzen, dann geht er (für's Rating?) seltsam behutsam mit ihm um, wohlwissend, ihn jederzeit mit einem Schlag töten zu können. Ifans und Webb gelingt es nicht, aus dieser verkopften Mischung etwas Brauchbares, funktionierendes zu machen: Curtis ist ein verfehlter Charakter, der Lizard ein alberner Saftschreck. Der dann noch weiter ins Fettnäpfchen tritt, indem er in einer Szene aus einer Toilette hervorkriecht und anschließend einen miserablen Showdown bekommt. So bescheuert, dass man schon wieder darüber lachen kann, ist sein großer Plan, der hier nicht verraten sei, aber lachhaft bescheuert ist. Der Echsenmann passt in seiner Albernheit auch so gar nicht zum restlichen Ton des Films, der eher auf realistisch und straßennah gehalten ist.

Die anderen Figuren sind akzeptabel bis gut, wobei ein paar viel zu kurz kommen und der interessanteste Kontakt von ihnen - Gwens Vater, ein stoischer Cop (übrigens bezeichnend für den Film, da dieser toternste Charakter von dem ehemaligen Comedian Denis Leary gespielt wird; Webb mag keinen Spaß) nicht weit genug ausgebaut wird. Ein großer und unbedingt zu benennender Schwachpunkt führt zurück zum ersten Absatz dieser Kritik und stellt eine vorher getätigte Aussage in Frage. Trotz neuen Konstellationen, neuem Gegner, neuer Gewichtung und anderem Stil kommt man nicht darum herum, zahlreiche Deja Vus zu erleben. Manche sind charmant, etwa wenn Spider-Man in eine alte Sporthalle stürzt und der Ring entfernt an Maguires ersten Kampf gegen Bone Saw (Macho Man Randy Savage) erinnert. Anderes hingegen ist trotz anderem Anstrich völlig identisch, und zieht sich überall fort. Drei Beispiele: wie der Green Goblin im ersten Spider-Man hat auch Connors eine gespaltene Persönlichkeit und redet mit sich selbst; das erste ernste Gespräch zu Tisch hat Peter dieses Mal nicht mit MJ und Norman Osborn, aber identisch mit MJ-Ersatz Gwen und ihrem an Norman erinnernden Vater; und je weniger über Ben Parkers auf Ewigkeit schicksalshafte Nacht gesagt sei, umso besser. Punkt ist, in den rund 140 Minuten The Amazing Spider-Man bekommt man unzählige Male Szenen spendiert, die man ähnlich, oder fast genau so schon mal gesehen hat – in der nicht allzu alten letzten Fassung. Als Fan der alten Filme darf man sich getrost fragen, ob das Recycling somit wirklich nötig, günstig war, ob sich die ähnlichen Szenen nicht noch stärker unterscheiden konnten. Keatons Batman war ein reicher Schnösel, der in Kostüm und Sportwagen das Trauma seiner Kindheit auslebte. Bales Batman ist ein Weltreisender, der im Ninjakloster ausgebildet wurde und anschließend mit einem Panzer auf Gangsterjagd geht: grandioser Neuanstrich. Zu gering sind die Unterschiede zwischen Spider-Man und The Amazing Spider-Man, die zwar grundlegend anders ausfallen, in vielen Schlüsselszenen aber wieder langweilig zueinander finden.

Insgesamt ist der Film auch zu lang, und doch zu kurz. Der Film ist insofern zu kurz, als das viele Handlungsmomente beschnitten, reduziert, eingeschränkt oder nicht ausgeführt wirken; hier täten weitere 30 Minuten Handlung gut. Andererseits sind die 20 Minuten Überlänge, die es gibt, nicht von Nöten: Webbs Charakterentfaltung Peters ist lobenswert, käme in gekürzter Form aber nicht schlechter davon. So sind Szenen, in denen Peter einsam in Hinterhöfen Skaten geht nicht weiter von Belang. Teilweise zieht sich der Film und lässt Mini-Längen aufkommen, was verrückt wirkt, bedenkt man den wichtigen fehlenden Inhalt anderer Szenen. Technisch beeindruckt Webb mit einem ansehnlich umgesetzten Big Budget Film, mit dem er beweist, dass der Sprung von ein- zu dreistelligem Millionenbetrag problemlos möglich sein kann. Der Schnitt ist angenehm, die Action stets übersichtlich und mit guten Effekten umgesetzt, (TAS hat zudem den lustigsten aller Stan Lee Cameos), der Score ist akzeptabel, wenn auch Klassen unter dem der Raimi-Filme angesiedelt  (es gibt leider kein greifbares Thema); was dem Film fehlt, ist ein ausgefeilteres Script und einige andere Regieentscheide. 3D? Unnütz, da der Film dadurch zwar in einigen Kletterszenen leichten Höhenkoller schafft, es aber viel zu selten vorkommt, als dass es zu empfehlen wäre. Fast schon frech wirkt der allerletzte Shot des Films, der zu sagen scheint "hier übrigens das 3D".

Achtung: inmitten des Abspanns gibt es noch eine weitere Szene, die extrem vage den nächsten Teil ankündigt


Fazit:
The Amazing Spider-Man ist ein netter Sommer-Blockbuster, aber kein Genre-Highlight und leider alles andere als Amazing. Noch ist nicht alles verloren und ein Sequel kann weit mehr draus machen, doch eines lässt sich nach langer Sorge sagen: sie war dann doch gerechtfertigt.

6,5 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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