BG Kritik:

The Assassin


Manuel Föhl ist seit 2004 aktives Mitglied bei Bereitsgesehen. Als Redakteur war er u.a. für 35 Millimeter - Das Retro Filmmagazin tätig.

The Assassin (TWN/CHN/HK/FRA 2015)
Regisseur: Hou Hsiao-Hsien
Cast: Shu Qi, Chang Chen, Yun Zhou uvm.

Im China des neunten Jahrhunderts, zur Zeit der Tang-Dynastie, kehrt die junge Frau Nie Yinniang (Shu Qi) nach 13 langen Jahren der Abwesenheit zurück in ihre Heimat. Einst wurde Nie von einem hochrangigen General entführt und von einer Nonne aufgezogen, die sie in die Kampfkünste einführte. Sie wurde zur tödlichen Attentäterin ausgebildet und soll nun ihren ersten Auftrag ausführen. Dieser wird für sie zu einer Reise in die eigene Vergangenheit: Sie muss sich entscheiden, ob sie an ihrem Auftrag festhält oder auf ihr Herz hören soll.

Lauter wie eine Feder im Wind wird es hier nicht.

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Der taiwanesische Filmemacher Hou Hsiao-Hsien ist mehr ein Mann für die Festivals. Vorliegender Film lief bereits letztes Jahr in Cannes und bescherte dem Regisseur die begehrte Auszeichnung für die beste Regie. Es waren zuvor schon andere Festivals, die sein Werk schätzten und bekannt machten. In Deutschland steigerte sich sein Bekanntheitsgrad in den 80ern durch die Berlinale, wo er 1985 für A TIME TO LIVE, A TIME TO DIE den FIPRESCI Award überreicht bekam. Venedig gab ihm vier Jahre später den Goldenen Löwen für EINE STADT DER TRAURIGKEIT und mittlerweile wurde er schon sechsmal in Cannes eingeladen, wo er bereits 1993 für THE PUPPETMASTER den Preis der Jury erhielt. Doch sein minimalistisches Kino hat nur selten wirklich abseits der Festivals ein größeres Publikum gefunden. Auch sein Ausflug in das beliebte Wuxia-Genre, nach 8 Jahren Schaffenspause, wird daran nicht viel ändern können.

Viel ist schon vor Filmbeginn passiert und viel wird auch noch nach Filmende passieren müssen. Hou Hsiao-Hsien ist weniger an einer Auflösung seiner Geschichte interessiert, als mehr der Entfaltung dieser. Der Weg ist bei ihm ganz klar das Ziel. Während einem in den ersten Minuten viele Namen, Gesichter, Geschichten und Orte vorgestellt werden, tritt der Film in der Folge stark auf die Bremse und verharrt in einer kleinen Zwischenblase. All die Fragen, die der Film aufwirft, wird er nicht beantworten. Zumindest nicht verbal. Manches lässt sich erahnen, bei anderem ist es dem Zuschauer selbst überlassen darüber zu urteilen und die Geschichte weiterzuspinnen. Immer mal wieder verirrt sich unterschwellig ein Trommeln in den Hintergrund und gibt den Film eine Unruhe und Spannung, die aber nie wirklich ausbrechen kann. Selbst emotionale Szenen werden im Filmverlauf nur noch spärlich von Musik unterstüzt, als ob die Macher verhindern wollten den Zuschaue zu steuern.

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Schauspielerin Shu Qi – im Westen vor allem bekannt durch ihre Rolle in THE TRANSPORTER (FRA 2002) – scheint trotz mittlerweile 40 Jahren keinen Tag älter geworden zu sein und kann somit problemlos einen 23 Jahre alten Charakter spielen. Für sie ist es bereits die dritte Zusammenarbeit mit dem Regisseur nach MILLENNIUM MAMBO (2001), der ihr persönlicher internationaler Durchbruch war, und THREE TIMES (2005). Wiederholungstäter ist in dem Sinne auch Chang Chen, der ihren Cousin und Gouvernor von Weibo mimt, er war auch schon bei THREE TIMES vor der Kamera zu sehen und zuvor schon auch einem internationalen Publikum bekannt geworden durch seine Zusammenarbeit mit Wong Kar-wai in HAPPY TOGETHER (1997) – später dann auch bei 2046 (2004) und THE GRANDMASTER (2013) – und Ang Lees Megaerfolg TIGER AND DRAGON (2000). Die Beziehung zwischen ihren beiden Figuren ist eigentlich das Zentrum der ganzen Charade und doch werden zwischen ihnen kaum mehr als ein paar Satzbrocken gewechselt. Shu Qi als die Attentäterin Yin Niang ist die innere Zerrissenheit fast in jeder Szene anzumerken. Der Kampf in ihr zwischen Pflichtgefühl und ihren Gefühlen gegenüber dem Mann, den sie eigentlich umbringen soll.

Für Regisseur Hou Hsiao-Hsien ist es der erste Ausflug in den Wuxia-Bereich, angereichert mit Martial Arts-Szenen. Ein Genre das regelmäßig im chinesischen Kino auftaucht. Dabei behalten aber seine Figuren größtenteils die Füße auf dem Boden und beginnen nicht durch die Luft zu schwingen. Die wenigen Kampfszenen die es gibt, sind dann weniger auf Spektakel aus, sondern zelebrieren mehr die Ruhe und Konzentration, die die Kämpfer(innen) in diesem Moment auch halten müssen. Keine Musik unterstreicht das Gesehene zusätzlich die Geräusche werden bis auf das klirrende Aufeinandertreffen der Kampfwerkzeuge heruntergeschraubt. Dass nicht für die Kamera gekämpft wird zeigt schon alleine, dass Hsia-Hsien mit seinem Kameramann Mark Lee Ping Bing immer wieder in den besagten Szenen versucht dem Publikum das Gefühl eines geheimen Beobachters zu geben. Dabei schleichen sich Bäume, Vorhänge oder andere Gegenstände immer wieder in die Kadrage und geben der Szenerie aus Zuschauersicht etwas Voyeuristisches und dem Akt des Kampfes etwas Privates. Selbst Anfang und Ende des Kampfes sind nicht genau festlegbar und ins Zentrum der Handlung geraten die Auseinandersetzungen ohnehin nur selten.

Die Bildkomposition ist einen Diskurs für sich wert. Die ersten Minuten des Films halten die Macher noch in Schwarzweiß, was dem Ganzen mehr einen Prolog-Charakter gibt, auch wenn die Szenen direkt an den restlichen Film, in Farbe, anschließen. Für das Kinopublikum aber noch überraschender und gewöhnungsbedürftiger dürfte das gewählte Bildformat sein. Bis auf eine Ausnahme ist dies nämlich 1,33:1, also 4:3, das verpönte alte Fernsehformat was früher noch Standard war. Kurios dabei ist, dass die einzige Szene im Breitwandformat dem Zuschauer nur eine Konkubine zeigt, wie sie eine in China sehr bekannte Geschichte über einen einsamen Hüttensänger erzählt, der nur dann singen kann, wenn man einen Spiegel neben seinen Käfig stellt. Diese Szene besteht aus einer Einstellung, die nur die betreffende Person zeigt, aber scheinbar die einzige, wo es eine wirklich Freiheit gibt. Ein Großteil des Films spielt dann auch in engen Räumen, in dem Vorhänge aber nicht nur jeden Raum auf eine Art noch mehr zu einem Käfig werden lassen, sondern den Zimmern auch eine ungewisse Tiefe geben. Da der Film weitestgehend auf Großaufnahmen verzichtet, hat man als Zuschauer eigentlich viel Zeit sich zu orientieren, doch gerade wegen diesen räumlichen Anordnungen schafft es Hou Hsiao-Hsien auch in den Zimmern ähnlich wie der Film an sich eine unruhige Spannung aufzubauen und mit Vorhängen im Bildkader auch die Distanz zwischen Zuschauer und Filmgeschehen zu wahren. Selbst bei den bildgewaltigen Aufnahmen in freier Natur nützt der Filmemacher das Format so, dass er mit Hilfe der mehr zur Verfügung stehenden Höhe, anstatt der Breite, gekonnt spielt und seine Figuren darin teilweise wie kleine Zwerge erscheinen lässt. Erdrückt von der schier endlosen Pracht und Größe der Natur.

Fazit:

Ruhig erzähltes Liebesdrama in dem die Kampfszenen rar gesät sind und zurückhaltend inszeniert wurden. Wer sich aber in Bildern und stummen Emotionen verlieren kann und nicht darauf pocht, dass alles ausgesprochen werden muss, den erwartet ein fesselndes und beeindruckendes Erlebnis.

7 / 10

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