BG Kritik:

The Big Short


Hat BG vor 10 Jahren gegründet und seither eine Menge neuer Filme gesehen. War als Redakteur für GameStar und Gameswelt tätig.

The Big Short (US 2016)
Regisseur: Adam McKay
Cast: Ryan Gosling, Christian Bale, Steve Carell, Brad Pitt

Story: Wenige Monate vor dem tragischen Bankencrash von 2008 vermutet der introvertierte Broker Michael Burry (Bale) folgerichtig, dass der US Immobilienmarkt zusammenbrechen wird. In Zuge dessen holt er sich Investoren ins Boot, um mit ihren Geldern aktiv gegen den Markt zu wetten. Während seine unheilvolle Prognose von den meisten Partnern und Kollegen mit Gelächter abgetan wird, wird ihm bald von drei Kollegen (Gosling, Carell, Pitt) nachgeeifert…

Reichtum reicht.

The Big Short gilt als Hauptfavorit für den Oscar für den besten Film des Jahres


Die überfüllte Bucht der Haie der Wall Street bot schon immer Stoff für packende, oder zumindest höchst interessante Filme. Vom Brokerklassiker Wall Street mit Michael Douglas als Financierikone Gordon Gekko bis hin zu Martin Scorseses tripartigen Wolf der Wall Street liefern die Facetten des oftmals bösartigen Weges und Umgangs des großen Geldes unermesslichen Erzählstoff. Umso überraschender ist es, dass Oscarkandidat The Big Short regelrecht leise Töne spielt. Der Film ist zwar kein kleines Indie-Drama und voller niemals endender Dialoge aufgebrachter Männer in Anzügen, doch das gezielte Ausgeben und Verwenden von Geld spielt hier keine Rolle.

Christian Bale beispielsweise, der für seine Rolle für den Oscar nominiert ist, sitzt in fast allen seiner Szenen bequem in seinem Büro und telefoniert. Seine Kollegen Pitt, Gosling, Carell sitzen zwar im Kontrast immer mit anderen mit hochgekrempelten Ärmeln zusammen, doch es werden auch bei ihnen keine Drogen von Brüsten teurer Prostituierten geschnupft, niemand fuchtelt mit Waffen rum, niemand zieht Bahnen in sündhaft exquisiten Pools absurd teurer Lagunenhäuser, niemand verliebt sich oder geht anderen an die Gurgel. Vielleicht passiert es den Figuren abseits der gezeigten Szenen, doch Regisseur McKay legte seinen Fokus bewusst auf den gewöhnlichen Joballtag seiner grob von echten Persönlichkeiten inspirierten Figuren.

Das hätte ein durchaus interessanter Ansatz sein können, hätte McKay die Schreibe eines Aaron Sorkin. Wenn Gosling mit Selbstbräuner im Gesicht gleich dutzende Broker-Fachausdrücke runterrattert und seine Gegenüber dazu langsam nicken, muss man ihm nicht folgen können. Das können seine Partner selbst nicht vollständig, aber darum geht es auch nicht. Beziehungsweise, darum geht es erst recht, denn McKay zeigt auf, dass das Wall Street Geschäft nichts anderes ist als ein riesiges, staatlich geduldetes Wettgeschäft mit Unsummen, bei dem sich Blender gegenseitig etwas vormachen und so versuchen, zwischen all ihren wertvollen Investitionen auch wertlose unbemerkt loszuwerden. Carell spielt einen moralisch hin- und hergerissenen Finanzfachmann, der andere in Frage stellt, Pitt einen ehemaligen Experten, der zwei jungen Anfängern hilft. Keine dieser Rollen ist schlecht, doch das schwache Script kann aus keiner von eine eine denkwürdige Figur machen. Geschuldigt bleibt dies nicht nur der schwachen Charakterisierung der Figuren, sondern auch einer recht eventlosen Story, die den ultimativen Crash nicht als Spannungs- oder Konfliktmoment aufbaut. Irgendwann tritt das Ende ein, für die Hauptfiguren hat sich kaum etwas verändert und wir als Beobachter scheren uns noch immer um keinen von ihnen.

Reiche Schauspieler spielen reiche Investmentbänker auf der Jagd nach noch mehr Reichtum


Für McKay war in dieser Geschichte kein Platz für Unbeteiligte, nicht einmal für Ehefrauen, die das Geschehen am Rande mitkriegen und kommentieren. Er hat blauäugige Anfänger, wie Charlie Sheens Figur in Wall Street 1, außerdem ältere Experten mit Gewissensbissen, doch jeder dieser emotionalen Anknüpfpunkte, jeder Figurenaspekt der interessant werden könnte, wird nur grob angeschnitten und übergangen. Wir sollen auf Abstand bleiben und nur beobachten.

Seinen ernst gewählten Ton korrupiert McKay durch Einschübe, in denen Promis wie Margot Robbie oder Selena Gomez uns, dem Zuschauer, in direkter Ansprache ausgesuchte Sachverhalte erklären. McKay gelingt es damit spielend leicht, das tatsächliche Geschehen inmitten des ganzen Bullshit-Jargons klar zu erklären, doch so könnte es kaum platter verpackt sein. McKay kommt aus dem Comedybereich und hat zuvor ausschließlich Filme mit Will Ferrell gedreht: Die etwas anderen Cops, Anchorman 1+2, Die Stiefbrüder und Ricky Bobby. In The Big Short findet seltsamerweise nichts von seinem Comedygespür Verwendung, damit leider auch nicht die Art bissiger Satire, die er in Anchorman 2 ausgesprochen gut setzen konnte. Mit Ron Burgundys zweitem Auftritt schuf er ein albern-witziges, aber gleichzeitig clever-kritisches Bild des Zerfalls seriöser TV-Nachrichten zu gunsten leichter konsumierbarer Häppchen-Spektakel-News. The Big Short hingegen tut so, als wäre es reiferer Stoff, kann sich allerdings nicht ansatzweise gegen interessantere, wenn auch etwas schwierigere Veröffentlichungen wie dem Film Margin Call oder der deutschen, He-man losen Doku Master of the Universe durchsetzen.

Sein Film hat keine karikaturhaften unterhaltsamen Figuren oder Lachnummern, ist zu platt um ehrlich mitzureißen, ist zu kalt und emotionslos, um zu berühren. Weder Bales Burry noch der Film an sich stellt sich je der Einsicht, dass einige wenige an dem Verlust von Millionen von Menschen reich werden wollen. Niemand jenseits oder diesseits der Leinwand gewinnt neue Erkenntnisse über die wahre Natur des Systems. Es existiert, ist kaum geschützt, es wird beeinflusst von Korruption und schierem Pech, und letzten Endes geht es allen Beteiligten bloß immer darum, wie sie ihr Vermögen vergrößern können. Betroffenheit fehlt, mehr noch, ein kreativer Aufschrei.

Fazit:

The Big Short gibt einen kurzweiligen Einblick in die Geschäftswelt des großen Investments. Abgesehen von seiner charismatischen Besetzung hat McKay allerdings inhaltlich wie unterhaltungstechnisch nichts groß zu offerieren. Weder ist der Weg zum großen Crash spannend oder packend aufgebaut, noch lernt man sonderlich neues; weder wird die Faszination des Geschäfts adäquat rübergebracht, wie es etwa bei The Social Network der Fall war, noch illustriert man es mit interessanten Figuren, und weder ist das Script besonders einfallsreich, witzig oder unterhaltsam, noch bietet es denkwürdige Dialoge oder Auseinandersetzungen. Besser Margin Call oder Wall Street oder Der Wolf der Wall Street zweitsichten.

4,5 / 10
10 - Meisterwerk // 8-9 - sehr gut // 6-7 - gut // 5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend // 0-2 - gar nicht mal so gut

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