BG Kritik:

The Discovery


Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!

The Discovery (USA 2017)
Regisseur: Charlie McDowell
Cast: Jason Segel, Rooney Mara, Robert Redford

Story: Ein Wissenschaftler (Redford) hat die Existenz einer Art Jenseits bewiesen und löst damit eine globale Selbstmordwelle aus. Zurückgezogen mit einer kleinen Gruppe Helfer und Assistenten will er weitere Beweise für den genauen Ablauf im Jenseits finden, bis Sohn Will (Segel) und die junge Isla (Mara) hinzustoßen. Zwischen Vater und Sohn herrschen nach dem Tod der Mutter Spannungen.

Was wäre wenn? Manchmal möchte man eine Theorie, ganz egal wie absurd sie auch sein mag, einfach mal durchspielen. Was wäre, wenn morgen die Sonne nicht aufgeht? Was wäre, wenn Hitler nie an die Macht gekommen wäre? Was wäre, würde die Zombie-Apokalypse real? Oder, wie im Fall von „The Discovery“, was wäre, wenn die Existenz eines Jenseits, einer Art Leben nach dem Tod bewiesen werden könnte?

Bei Netflix verfügbar.


Robert Redford hat es geschafft. Der von ihm gespielte und schlicht Thomas genannte Wissenschaftler konnte nachweisen, wie ein nicht körperlicher Teil des Menschen im Todesfall entschwindet und an einen anderen Ort wechselt. Oder so. Normalerweise sind die Erklärungen in solchen Theorien, die mehr Fantasy denn Science-Fiction sind, nicht besonders wichtig, doch „The Discovery“ nimmt seine Pseudowissenschaft ernst, denn Thomas ist noch nicht fertig. Er will das Jenseits, will diesen anderen Ort „danach“ sehen, denn bisher sind die Beschreibungen, was uns nach dem Tod nun erwartet, noch vage Vermutungen. Sicher ist nur, dass uns irgendetwas erwartet, dass der Tod kein ultimatives Ende darstellt.

Dieses vage Versprechen scheint vielen Menschen ausreichend, denn eine Selbstmordwelle geht um die Welt, fordert Hunderttausende Opfer, die nicht darauf warten können endlich die Erlösung zu erlangen. In der Welt, d.h. in der perspektivischen Wahrnehmung der Welt von „The Discovery“ ist der Film überraschenderweise nicht im Geringsten an Religion interessiert. Man sollte meinen, die Weltreligionen und ihre Anhänger hätten durch den „Beweis“ einer Nachwelt einen gewaltigen Ruck erfahren oder sie würden die neue Anmaßung der Wissenschaft zumindest mit aller Macht anfechten. Doch nichts dergleichen. Nicht einmal die Idee von Selbstmord als Sünde wird ins Spiel gebracht, was nicht heißt, alle Menschen wären froh über die Entdeckung.

Will („How I met your mother“ Jason Segel) war schon vorher nicht gut auf seinen Vater Thomas zu sprechen, doch die Entdeckung hat der Beziehung beider noch weiteres Konfliktpotential hinzugefügt. Dennoch begibt sich Will zum abgelegenen Forschungsinstitut und trifft unterwegs die verunsicherte Isla, die er direkt mitnimmt. Was folgt ist ein bemüht intellektueller und streng „wissenschaftlicher“ Blick auf menschliche Phänomene wie Schuld, Vergebung, Empathie und ganz zentral natürlich Liebe. Das Problem liegt darin, dass „wissenschaftlich“ die nette Ausdrucksweise für unterkühlt und distanziert ist, denn die Erkenntnisse dieser „Was wäre, wenn“ Beobachtung sind verhältnismäßig simpel und banal.

Premiere in Sundance und dann ohne Kinorelease von Netflix gekauft.


Während wir langsam ein genaueres Verständnis von der Funktion der Nachwelt erhalten, entschlüsseln sich nach und nach die drei zentralen Figuren Thomas, Will und Isla, für die die Nachwelt mehr und mehr zu einem ganz persönlichen Schlüssel wird. Doch statt frühzeitig die Hintergründe, die versteckten Motivationen und Traumata dieser Figuren zu etablieren, die später von großer Wichtigkeit sind, verbringen wir Zeit mit einem Unbekannten, mit einem Test-Toten, und lassen eine unnötig ausgedehnte Sequenz über uns ergehen, in der ein neuer Toter beschafft und schließlich zurückgebracht wird.

Nach Filmende zurückblickend ist es unmissverständlich, dass Regisseur und Autor Charlie McDowell eine menschliche Geschichte über Traumabewältigung und Zwischenmenschlichkeit erzählen wollte, doch sein dazugehöriger Film verbringt fast zwei Drittel der Spielzeit damit, die ohnehin nicht wasserdichte Wissenschaftsgrundlage vorzuführen, wissenschaftliches Arbeiten darzustellen und neue Erkenntnisse auf halbwegs greifbare Quasi-Beweise zu fußen. Zweitwichtigster Aspekt der ersten rund 75 Minuten ist das Team von Thomas, der, so Will, einen Sektenkult um sich und die Entdeckung geschaffen hat. Wirklich aussagekräftig sind diese Beobachtungen von Gruppendynamik, emotionaler Abhängigkeit und Autorität jedoch nicht. Auf den letzten Filmmetern wird auch dieser Aspekt zu einem nicht uninteressanten, aber weitgehend irrelevanten Detail, während McDowell mit forcierten Wendungen und urplötzlicher Melodramatik in pure „Was wäre, wenn“ Fantasy abdriftet, die man vielleicht schon eine gute halbe Stunde früher hätte erreichen können.

Was wäre, wenn „The Discovery“ nach Etablierung und vage pseudowissenschaftlicher Grundlagendbildung zur Jenseitstheorie schon im zweiten Akt die Dinge konkretisiert hätte, die hier erst reichlich spät und dann rasend schnell vollzogen werden? Womöglich wäre es ein besserer Film geworden. „The Discovery“ fühlt sich an wie die Filme, in denen zuletzt meist Brit Marling die Hauptrolle spielte (und häufig auch am Drehbuch mitschrieb). Filme wie „Another Earth“, „Sound of my Voice“, „I Origins“ und zuletzt die Netflix Serie „The OA“ spielen mit kühnen Plot-Theorien, wollen diesen aber mit Vernunft, Aufmerksamkeit und emotionaler (d.h. inszenatorischer) Beherrschung begegnen, was aufgrund maximal durchschnittlicher wissenschaftlicher und philosophischer Tiefen zu interessanten, aber selten wirklich geglückten Werken führt. Ähnlich ergeht es „The Discovery“, einem sehenswerten, originellen und stets bemühten Film, der uns das Herz erklären will, statt es uns zu öffnen.

Fazit:

Originelle Ideen und sehenswerte Akteure, doch „The Discovery“ steht sich selbst im Weg, um daraus einen wirklich herausragenden Film zu machen. Die besagte Entdeckung soll mehr sein als ein simpler Plot-Mechanismus für Melodrama und Emotionen (siehe z.B. „Click“), wird in ihrer Pseudowissenschaft aber zunehmend schwammiger (das hat z.B. „Primer“ konsequenter gemacht). Das ergibt einen interessanten, aber durchwachsenen Film irgendwo dazwischen.

6 / 10

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