BG Kritik:

The Fall


Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!

Diese Kritik erschien im Rahmen der Kritikenreihe 'Treasure Monday'. Was ist 'Treasure Monday'?

The Fall (USA, Indien 2006)
Regisseur: Tarsem Singh
Cast: Lee Pace, Catinca Untaru

Story:
Ein Randbezirk in Los Angeles 1920: Die junge Alexandria (Untaru) trifft in einem Krankenhaus auf Hollywood Stuntman Roy (Pace). Roy hat körperliche und seelische Verletzungen, die er mit Medikamenten erträglich machen und abtöten will. Alexandria wird zum verlängerten Arm des bettlägerigen Mannes, der ihr parallel die allegorische Geschichte eines maskierten Diebes und dessen Trupps erzählt, die sich gegen einen bösen Herrscher auflehnen.

Regisseur Tarsem Singh ist nicht unbekannt, auch wenn bisher keiner seiner vier Filme (u.a. „The Cell“ und „Spieglein Spieglein“) ein wirklicher Welterfolg war. Bekannt ist Tarsem, wie er sich regelmäßig nennt, in erster Linie für seinen visuellen Einfallsreichtum, tatkräftig unterstützt von Ausstatter Tom Foden (hier ausnahmsweise nicht dabei) und der inzwischen leider verstorbenen Kostümdesignerin Eiko Ishioka. „The Fall“ ist Tarsems Passionsprojekt. Und das merkt man.

Laut Regisseur Tarsem gibt es keine Computereffekte im Film.


Passionsprojekte haben die dumme Angewohnheit, zwar mit dem spürbaren Herzblut ihres Erschaffers durchgepumpt zu werden, aber auch dessen ungefilterte Selbstgefälligkeiten mitschleppen zu müssen. Produziert von David Fincher und Spike Jonze, die in erster Linie dafür sorgten, dass der Film überhaupt ein Publikum erreichte, finanzierte Tarsem diesen Film größtenteils aus eigener Tasche. Über vier Jahre drehte der Inder an diversen Schauplätzen der Erde, von Indien, über Kambodscha und Fiji bis Nordafrika, von der Türkei bis Italien und Chile. Einmal quer über den Globus, ehe die Hauptdreharbeiten 2004 in Südafrika stattfanden. Imposante, architektonisch ausgefallene und geradezu surreale Bauwerke stehen einer farbenprächtigen, kontrastreichen und bizarren Naturwelt gegenüber, die insbesondere die erzählte Binnenhandlung des Films zu etwas Besonderem machen.

Tarsem fühlt sich beim Schwelgen und Schwärmen über seine wunderschönen Schauplätze sichtlich wohl und lässt es sich nicht nehmen, jede Gelegenheit zu nutzen dort extravagant gekleidete Menschen in formschön eingefangenen Bildern zu zeigen. So begegnen wir zu Beginn Alexander dem Großen, der durch dieselbe orange-weiße Wüste irrt, in der schon Jennifer Lopez in „The Cell“ unterwegs war. Es ist eine erste kleine Geschichte, die Hollywoodstuntman Roy der jungen Alexandria erzählt, noch bevor er mit der Hauptgeschichte beginnt, die diese wechselseitige und zuweilen unausgeglichene Beziehung der beiden Protagonisten beherrscht. Tarsems Geschichte braucht diesen Alexander der Große Einschlag nicht, jedenfalls nicht derart aufwändig, aber wir bekommen ihn dennoch.

Gedreht in 28 verschiedenen Ländern.


Anders jedoch, als man Tarsem als vermeintlichem „Style over Substance“ Regisseur gemeinhin unterstellt, hat er hier tatsächlich etwas zu sagen und eine Geschichte zu erzählen. „The Fall“ ist ein Film über das Geschichtenerzählen, über Realitätsflucht, über Schein und Sein, über Fantasie und Hollywood. Damit versucht „The Fall“ mehr, als letztendlich geleistet werden kann, doch spannend ist es allemal. Nach einem Stunt-Unfall, den uns Tarsem in der gloriosen schwarz-weißen Introsequenz andeutet, ist Roy ans Bett gefesselt. Gleichzeitig ist die Frau, die er liebt, bei einem anderen Mann. Roy ist schwach, wütend und sucht nach physischer und psychischer Schmerzlinderung. Über Alexandria lernen wir Roy kennen. Das junge Mädchen mit dem gebrochenen Arm hat selbst schon viel durchgemacht, nachdem ihr Vater gestorben ist und das Familienhaus von „wütenden Menschen“ abgebrannt wurde. Doch ihrer Neugierde tut das keinen Abbruch. Alexandria und Roy gehen einen Deal ein; für die Fortsetzung der Geschichte muss Alexandria Roy bei ein paar Kleinigkeiten behilflich sein, z.B. neue Tabletten besorgen.

Roy erzählt vom blinden Banditen und Tarsems Script, an dem auch „Nightcrawler“ Autor und Regisseur Dan Gilroy mitgeschrieben hat, tut gut daran, die improvisierte Natur der Geschichte zu unterstreichen. Zu Beginn ist der maskierte Bandit noch Alexandrias Vater, doch bald darauf muss er auf Wunsch des Mädchens Roy sein, da der Vater ja nun mal tot ist. Roy erzählt, doch es sind Alexandrias Bilder, die das Team des Banditen mit Gesichtern ihres Umfelds besetzt oder mit Schätzen aus ihrer kleinen Metallbox ausstattet. Zwischen Erzähler und Träumerin entsteht eine faszinierende und unterhaltsame Diskrepanz, u.a. weil man beim englischen Wort „Indian“ nicht zwischen Inder und Indianer unterscheiden kann. Die Stationen des Banditenteams, die gegen den finsteren Odius vorgehen, um Rache zu nehmen, laufen nach bekannten Mustern ab, jedoch präsentiert in Bildern, die man so noch nicht gesehen hat. Durch die regelmäßige Rückkehr ans Krankenbett erhält das Fantasyabenteuer den nötigen dramatischen Unterbau, auch weil Roy als zunehmend labiler Erzähler mit seiner negativ belasteten Psyche Einfluss nimmt und als Gott der Handlung Entscheidungen trifft, die der unter ihrer kindlichen Neugierde um Hoffnung flehenden Alexandria nicht passen. Das zerstörerische Ungleichgewicht zwischen Erzähler und Zuhöherin macht den Reiz dieses betörend eingefangenen Bilderreigens aus. Tarsem ergeht sich manchmal in Kleinigkeiten, in nichtigen Details, doch selten hatte er eine thematisch und emotional so reizvolle Basis für seine Fantastereien, auch dank wunderbarer Schauspielleistungen von Lee Pace und der damals sechsjährigen Catinca Untaru, deren Leistung nicht nur deshalb verblüfft, da Englisch ihre Zweitsprache ist.

Fazit:

Ein betörender Bilderbogen in extravaganten Schauplätzen und grellen Kostümen, mit Wonne eingefangen und präsentiert. Zudem erzählt Regisseur Tarsem eine faszinierend Geschichte über das Geschichtenerzählen, was seinem Abenteuer neue Dimensionen verleiht.

7,5 / 10

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