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Kritik:
The Grandmaster


von Christian Westhus

YI DAI ZONG SHI
(2013)
Regie: Wong Kar-Wai
Cast: Tony Leung Chiu Wai, Zhang Ziyi

Story:
Die Geschichte von Wing Chun Großmeister Yip Man, von den 1930er Jahren in China, der japanischen Besatzung, dem Exil in Hongkong und seinem Werdegang zum großen Wegbereiter seiner Kunst.

Kritik:
Die markantesten Duftmarken im chinesischen Martial Arts Film setzten als Regisseure in den letzten Jahren Ang Lee und Zhang Yimou. Während sich Lee nach seinem einmaligen – und meisterhaften – Versuch „Tiger & Dragon“ an Neuem versuchte, hinterließ Zhang insbesondere im Westen mit „Hero“, „House of Flying Daggers“ und „Der Fluch der goldenen Blume“ maßgeblich seinen Stempel. Zhangs opernhaft überbordender Stil, sein Gespür für Kostüme, Ausstattung, Formen und Farmen, machten aus seinen Filmen überlebensgroße Fantastereien der inhaltlich meist melodramatisch angehauchten Kampfkunst. Lee und Zhang ließen ihre Figuren noch höher, noch weiter, noch formvollendeter schweben und fliegen, wider jeder Physik, als Ausdruck einer andersweltlichen Körperlichkeit. Regisseur Wong Kar-Wai ist nicht unbedingt für Kampfkunstfilme bekannt. Bis auf den Historienfilm „Ashes of Time“ und der nachgereichten neuen „Redux“ Fassung, fühlt sich Wong im reinen Drama deutlich wohler. Das merkt man auch hier. Und doch ist Wong als Stilist Zhang Yimou gar nicht so unähnlich. Im direkten Vergleich bodenständiger, dunkler, langsamer, aber mit einem ausgeprägten Gespür für Licht und Schatten, für Menschen in Gebäuden und Landschaften. 

Wong, dessen Filme manchmal mehr für ihren zirkulierenden Zigarettenqualm bekannt sind, erzählt die Lebensgeschichte von Kampfkunstmeister Yip Man. Der auch bei uns recht beliebte Film „Ip Man“ mit Donnie Yen erzählt dieselbe Geschichte, könnte aber ansonsten kaum unterschiedlicher sein. „The Grandmaster“ ist ein Wong Kar-Wai Film durch und durch; im Guten und im Schlechten. Eine Lebensgeschichte in permanenter Rückschau, durchzogen von Rückblenden und sich überkreuzenden Handlungssträngen. Denn neben der Geschichte von Yip Man widmet sich Wong auch der Geschichte von Gong Er, gespielt von Zhang Ziyi („Hero“, „House of Flying Daggers“). Nachdem Yip Man Gong Ers Vater, einen alternden Großmeister, in einem Abschiedsduell besiegt, das in einem philosophischen Trick mündet, hat es Gong Er auf Yip Man abgesehen. Sie will ihm zeigen, dass die Familie Gong und ihre hauseigene Technik über jeden Zweifel erhaben ist. Nicht aus Rache, sondern aus kampfkunstphilosophischem Stolz. Was diesen beiden Figuren auf den sich über die Jahrzehnte sporadisch kreuzenden Handlungssträngen widerfährt, was sie verbindet und voneinander fern hält, dürfte niemanden überraschen, der mehr als zwei Filme Wongs gesehen hat.

Dabei ist die erste Dreiviertelstunde ein wunderbar geschlossenes Einzelstück von Kampfkunstfilm. Nicht jedoch, weil der Film mit einer überbordenden Choreographie aufbieten könnte. Es kracht selten im Gebälk und doch überzeugt die knappe erste Hälfte mit der Mischung aus Kampfszenen, Kampfphilosophie, politischen Querverweisen und Metaphern, sowie nachvollziehbaren Figurenkonstellationen. Und Wong inszeniert sich einen Ast. Knapp zwei Jahre lang kehrte er immer wieder zum Film zurück, um hier und da wieder eine neue Szene zu drehen, eine neue Einstellung, um dann in zeitintensiver Kleinstarbeit in einem Meer aus Filmmaterial seinen Film zu suchen. Wong Kar-Wai zelebriert Zeitlupe, nutzt immer und immer wieder extreme Nahaufnahmen, kombiniert Hände, Füße und die Elemente. In der ersten Dreiviertelstunde geht es ganz zentral um das Wesen der Kampfkunst. Was ist Kung Fu, was macht einen Kämpfer aus, was will ein Kämpfer? Stile werden kombiniert, der Norden und der Süden des Kung Fu sollen vereint werden, wie das Land vereint werden soll, unmittelbar vor der Invasion und Besatzung durch die Japaner. 

Das Wesen der Kampfkunst als ein Thema, das der Film nie verliert, das ihm aber zusehends aus dem Fokus gleitet, wenn die beiden Hauptfiguren ihre unabhängigen Wege gehen und die vielen Zeitsprünge das Script zerfasern lassen und das Tempo mehr als nötig verlangsamen. Was danach zuweilen unharmonisch, ein wenig ruppig wirkt, hat zu Beginn Hand und Fuß. Kleinigkeiten stören. Das „Fliegen“ wird aufs Nötigste beschränkt, dabei aber so reduziert, dass es direkt negativ auffällt, wenn es genutzt wird. Zumeist überzeugt Wongs extrem stilisierter Ansatz, präsentiert die Kampfszenen in einer gelungenen Mischung aus elegischer Langsamkeit, Übersicht, durchdrungen von präzisen Kamerabewegungen und einem dynamischen Schnitt. Manchmal infiziert Wong mit seinem Hang zur Langsamkeit aber auch die Action, die sich dann nur behäbig entfaltet. Die erste Auseinandersetzung zwischen Tony Leung und Zhang Ziyi ist so ein Beispiel. 

Wongs Action ist mehr an einem Gefühl, als an Körperlichkeit interessiert. Trotz all der Nahaufnahmen. So ist auch kaum verwunderlich, dass der Lebensweg der beiden Figuren zu einem reinrassigen Drama wird. Das ist immerhin Wong gewohntes Metier. Umso bedauerlicher, dass hier die Schwachpunkte des Films liegen. Wir fühlen zu wenig. Das Script wirkt unharmonisch, mit Nebenfiguren angereichert, die zu deutlich sind, dass man sie ignorieren könnte, die aber auch zu oberflächlich sind, um wirklich zu funktionieren. Zeitsprünge und Rückblenden kommen erschwerend hinzu in eine Handlung, die nicht arm an komplexen Themen ist. Innerhalb weniger Minuten überwinden wir die finsteren Jahre der japanischen Besatzung, das Problem der Kollaborateure, der sich radikal verändernden Lebensumstände der Hauptfiguren. Die Philosophie der Rache, der Zusammenhalt von Familie und Freundschaft, der immerwährende Konflikt zwischen Tradition und Moderne, all das ist faszinierend genug, überwuchert aber auch die Haupthandlung eines Films, der ursprünglich ja mit dem bloßen Werdegangs von Meister Yip Man genug zu erzählen hätte. Und das alles in permanenter Parallele zu Gong Ers Schicksal. Tony Leung und Zhang Ziyi überzeugen sowohl physisch, als auch darstellerisch, und doch wird beider Schicksal nie so intensiv, wie es Wong in seinen besten Werken vermochte.

Fazit:
Visuell aufregender, zeitweise betörender Ausflug in die Philosophie des Kung Fus. Häufig mehr Drama als Actionfilm, aber mit zu vielen Handlungssträngen, zu vielen Zeitsprüngen und einer gelegentlich zu unfokussierten Dramaturgie. Vieles gelingt Wong Kar-Wai in seinem Ausflug zum Martial Arts Genre, doch die Geschichte und die Emotionen wirken nicht immer rund.

6,5 / 10

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