BG Kritik:

The Green Inferno


von Michael Eßmann

The Green Inferno (USA, 2014)
Regisseur: Eli Roth
Cast: Lorenza Izzo, Ariel Levy, Nicolás Martínez, Daryl Sabara, Kirby Bliss Blanton

Story:
Eine Gruppe aus Studenten und Umweltaktivisten aus New York bricht ins Amazonas-Gebiet in Südamerika auf, um einen einheimischen Stamm vor der Ausrottung durch ein westliches Unternehmen zu retten, welches die Regenwälder der Eingeborenen und damit deren Lebensraum bedroht. Was die optimistisch gestimmten Retter nicht ahnen, der einheimische Stamm hat die jungen Leute zum Fressen gerne.



Bereits im Jahr 2007 erschien Eli Roths letzter filmischer Regie-Beitrag in Form von „Hostel 2“, und doch ist sein Name gefühlt ständig da, wenn man sich in den aktuellen Breitengraden rund um das Genre des Horrorfilms umsieht. Er wechselte eben nur die Position, vom Regisseur zum Produzenten, Autor und Schauspieler, und versorgte das Publikum in diesen Funktionen u.a. mit „Der letzte Exorzismus“, „Aftershock“, „The Sacrament“ oder der TV-Serie „Hemlock Grove“. Nach diesen und mehr, hat Roth nun aber den Weg zurück zur Regie eines Kinofilms gefunden, und der „Hostel“-Regisseur präsentiert mit „The Green Inferno“ einen Kannibalenfilm. Und wenn der in seinen bisherigen drei Kino-Regiearbeiten schon nicht für Zimperlichkeiten bekannte Mann sich einem derartigen Thema verschreibt, kann man als Zuschauer wohl in etwa abstecken, in welche Richtung dies gehen dürfte. Schließlich ist das vor allem durch italienische Beiträge in den 1970er und 80er Jahren geprägten Splatterfilm Sub-Genres des Kannibalenfilms, wohl eines der kontroversesten und härtesten Genres, in dem man sich ausprobieren kann. Voll von eimerweise Kunstblut und nackter Haut.

Inspiriert von Cannibal Holocaust und Cannibal Ferox


Gedreht wurde „The Green Inferno“ u.a. in Peru und Chile mit einem überschaubaren Budget von ca. 6 Millionen Dollar, und mit Zuhilfenahme von 200 einheimischen Statisten, welche als Kannibalenstamm fungieren. Diesen soll Roth, - wie es in einer Anekdote zum Dreh heißt - Ruggero Deodatos „Cannibal Holocaust“ (dt. Titel „Nackt und zerfleischt“) vorgeführt haben, um ihnen zuerst das Medium Film, und zugleich seine Absichten und die Richtung von „The Green Inferno“ zu verdeutlichen. Angeblich haben sich die späteren Statisten dabei köstlich amüsiert, heißt es weiter. Seinen Hauptcast scheint Eli Roth dagegen teilweise schlicht beim von ihm produzierten „Aftershock“ von Nicolas Lopez rekrutiert zu haben, denn neben Lorenza Izzo schaffen es auch Ariel Levy und Nicolás Martínez von dort in den neuen Roth-Film. Aber weltbekannte Namen braucht es für einen Film dieser Gattung eh nicht, und so reihen sich neben den benannten Darstellern noch weitere, vorwiegend unbekannte Jungschauspieler und auch Produktionsmitglieder in den Cast ein.

Diese reisen als blauäugiger Weltverbesserer-Trupp nach Südamerika, um sich an die Gerätschaften der Holzfäller im Regenwald zu ketten, und via Livestream im Internet über den Protest gegen die Ausbeutung der Urvölker und Abholzung deren Wälder zu berichten. Bevor es jedoch soweit ist, präsentiert uns Roth eine typische Einführungsphase, in der wir die Figuren und Motivationen kennen lernen. Dies funktioniert ganz nach bekanntem Schema, und irgendwie kommen einem die Figuren so direkt bekannt vor. Da hat man den pummeligen Kumpel-Typen, genau wie das egoistische Arschloch oder die zickige Blondine. Und die Heldin ist natürlich noch jungfräulich, wohnt aber mit der Campusmatratze zusammen. Kennt man, funktioniert, und Roth spielt dies auch offenkundig sehr bewusst so aus. Schließlich ging es beim Kannibalenfilm nie um tief gezeichnete Charaktere, und es ging hier ja augenscheinlich um eine Hommage und mögliche Renaissance des Genres. Dementsprechend geht der Trip zur Rettung der Wälder natürlich auch alsbald schief, und der Trupp aus der „zivilisierten Welt“ bekommt es mit den menschenfressenden Eingeborenen zu tun. Roth ist also wieder bei seiner Lieblingsbeschäftigung angekommen, und schickt junge Amerikaner in einen Höllentrip im Ausland. Diesmal sind es halt rot bemalte südamerikanische Kannibalen, anstatt osteuropäischer Folterknechte.

Eli Roth drehte Hostel 1+2 und Cabin Fever


Enttäuschenderweise, bzw. zumindest erschreckenderweise hat es ein extrem markantes Detail der Vorbilder wie „Mondo Cannibale“, „Nackt unter Kannibalen“ und natürlich „Cannibal Holocaust“, aber kaum in den Film geschafft. So ist die Hommage an den Kannibalenfilm, ein Kannibalenfilm ohne explizite oder gar voyeuristische Darstellung nackter (vorwiegend weiblicher) Haut geworden. Verrückt und eigentlich undenkbar, gedenkt man der „Klassiker“. Denn in Roths Menschenfresser-Film geht es was das angeht gesittet, ja fast prüde zu. Nacktheit und Handlungen mit sexuellem Charakter werden entsprechend nur angedeutet, und so dürfen die schmackhaften Touristinnen hier auch ihre Höschen anbehalten. Vermutlich ein Zugeständnis an die Freigabe, um nicht mit einem NC-17 Rating bestraft zu werden. Anders die Gewalt, denn hier ist von Andeutung oder Zurückhaltung deutlich weniger zu vernehmen. Insbesondere die erste Schlachtung, - anders kann man es nicht ausdrücken - geizt nicht mit Brutalität und Details. Da werden Gliedmaßen und weitere Körperteile bei beinahe vollem Bewusstsein des Opfers, in Nahaufnahmen abgetrennt, entfernt und sofort und körperwarm verzehrt oder zum Kochen vorbereitet. Mahlzeit. An dem Punkt kommt in der Szene aber ein Kniff hinzu, den Roth im Film auch schon vor dieses expliziten Szene im Film nutzt: Humor. Und zwar von der schwärzesten, ironischsten und zynischsten Art. Immerhin dreht auch dieser Kannibalenfilm den Spieß um, und verarbeitet so hier die Menschen aus den Ausbeuterländern zur Nahrungsquelle der „Unzivilisierten“. Diese werden natürlich mehr oder weniger als Klischee Kannibalen, die alles und jeden verkochen wollen dargestellt. Sogar ihre Möchtegern-Retter. Ironie des Schicksals, und ausgleichende Gerechtigkeit möchte man fast meinen.

Und wo „Aftershock“ Kollege Nicolas Lopez den Ton und die Kombination aus Brutalität und Humor nicht vollends traf, überzeugt Roth deutlich besser. Denn wenn es z.B. an das Würzen geht, Giftpfeile von links und rechts, und allen weiteren Richtungen niedergehen, oder ein niedliches Kleinkind fröhlich grinsend mit einem frisch abgehacktem Unterschenkel samt Schuh daher spaziert, wird über den Ton der Inszenierung und die entstehende Situationskomik, die Brutalität sichtlich aufgelockert und für den Magen bekömmlicher gemacht. Roth kombiniert so über die 103 Minuten Lauflänge einen Mix aus Kannibalen-Exploration und Terrorfilm mit gelungener Situationskomik und dunklem Humor, der sich in klassischen Mustern aufhält. Wer beispielsweise als erstes im Kochtopf der Eingeborenen landet, dürfte dem Zuschauer bereits vor dem Ofen aufheizen klar sein. Auch benutzt Roth weitere bekannte Muster und Motive der Vorbilder, stellt diese nach, und präsentiert beispielsweise eine Neuauflage der allseits bekannten Pfahlszene aus „Cannibal Holocaust“. Im Umkehrschluss bedeutet dies aber auch, „The Green Inferno“ fehlen weitestgehend neue und eigene Ideen, und es herrscht eine phasenweise recht hohe Vorhersehbarkeit. Hoch anzurechnen ist dem Regisseur aber eines: Er zelebriert, aber überstrapaziert seine Bildern der Gewalt nicht. Denn es wäre wohl ein leichtes gewesen, eine nur platte und plumpe Blutorgie ohne Bewusstsein für die Grenzen, nicht nur des guten Geschmacks aufzutischen. Es ist blutgetränkt, hätte aber extremer ausfallen können. Zusammenfassend erschafft Eli Roth mit „The Green Inferno“ zwar keinen massenkompatiblen, aber zumindest einen für die Masse kompatibleren Kannibalenfilm. Das Ganze vor einer unwirklichen, aber ungemein schönen Naturkulisse der Regenwälder, die einen extremen Kontrast mit dem Schrecken bilden.

Fazit:

Ein stimmiger Beitrag zum Kannibalenfilm, - dessen Sequel bereits geplant ist - und welcher vielleicht den Anstoß zu einer neuen Phase des Kannibalenfilms gibt. Die Story ist platt, die Figuren ganz nach Klischee, der Ablauf Genre-typisch und gespickt mit Referenzen und Motiven, wobei das Blut in Strömen fließt… eben fast genau was der Film sein musste, um als Hommage und Wiederbelebung in einem zu funktionieren, und lediglich weniger nackig als die Vorbilder. Wer einen resoluten Magen hat und an derben Humor Geschmack findet, kann sich also ruhig ins grüne Inferno stürzen. Aber wer dagegen bereits bei den OP-Szenen in „Grey's Anatomy“ das Nervenflattern bekommt, sollte etwas leichtere Kost, mit weniger Knorpel- und Eingeweideanteil wählen.

7,0 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel
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