hauptseite  |  vorschauen  |  kritiken |  impressum |  forum



 

 

Kritik:
The Grey
Unter Wölfen


von Christian Mester

THE GREY
Regie: Joe Carnahan
Cast: Liam Neeson, Wölfe

Story:
Jäger John Ottway (Liam Neeson) kennt sich im unwirtlichen Norden Alaskas aus, doch als er zusammen mit anderen Arbeitern eines Ölbohr-Teams mit einem Flugzeug abstürzt, ist er plötzlich fernab jeglicher Zivilisation. Ohne Nahrung, ohne Waffen und bei hohen Minusgraden schlagen sich die wenigen Überlebenden hoffnungslos gen Süden, unerbittlich gejagt von einem Rudel Wölfe...

Kritik:
Hand aufs Herz - mit wem könnte man besser in der Wildnis bruchlanden als mit Liam Neeson? Der fast 2m große Ire hat Batman, Darth Vader und Perseus ausgebildet und führte das A-Team an, gilt somit nicht ohne Grund als Hollywoods Vorzeigeausbilder und -anführer Nummer 1. Seine Rolle in The Grey verlangt ihm nun nicht viel neues ab, setzt aber gerade auf die Stärken, die er zuvor schon unzählige Male ausspielen konnte. So wirkt er gewohnt autoritär, intelligent und erfahren, stets mit einer gewissen Zurückhaltung, die ihn angenehm unberechenbar bleiben lässt. Obgleich die Figur im Film nicht viel hergibt - so rechten Überlebenswillen hat er nicht, zum einen, weil er sich vor dem Flug bereits selbst umbringen will, zum anderen, weil ihm klar ist, wie gering ihre Chancen sind, zudem, weil sich all die Männer untereinander recht fremd und somit nicht weiter wichtig sind - doch Neeson macht aus wenig Substanz brauchbares. Sein Ottway ist schwer einzuordnen und nicht leicht sympathisch zu finden, doch wie er kämpferisch in den Schnee zieht, so folgt man gern, dank Neesons Präsenz.

Dass die übrigen Figuren weder von bekannten Gesichtern gespielt werden, sie untereinander einander außerdem auch nicht allzu bekannt sind, entwickelt erst nach und nach sein eVorteile. So fällt es schwerer, abzusehen, wer es abgesehen von Neeson lange schaffen wird, und der langsame Aufbau der nötigen Männerfreundschaften ist gelungen. So sind manche der Männer anfangs noch arrogant und nicht in der Lage, den Ernst ihrer zu erkennen. Regisseur Carnahan zieht eine solide Spannung daraus, den Fokus regelmäßig von Nebenfigur zu Nebenfigur zu verschieben, sodass man unentwegt miträtseln darf, und sich freuen darf, wenn sich Feindschaften wandeln und sich unauffällige nach vorn spielen.

The Grey ist in erster Linie ein Survival-Film, in dem es ums Nicht erfrieren, Nicht verhungern, Nicht verzweifeln geht, doch wenn es Nacht schlägt, kann man von einem geradlinigen Horrorfilm sprechen. Die eindrucksvollen Wölfe, die nur hin und wieder auftauchen, sorgen für guten Grusel, insbesondere durch eine grandiose Surround-Soundkulisse. Weit entferntes Heulen, basslastiges Knurren, Geknirsche auf Schnee oder unzuordbares Geknister im Unterholz machen die Nächte zum packenden Erlebnis. Die Wölfe tauchen so selten auf wie der Hai in Der Weiße Hai, lassen die ausgehende Bedrohung aber konstant anmerken. Wenn sie zuschlagen, dann plötzlich und schockierend. In der Ferne werden sie hervorragend computeranimiert dargestellt, kommt es jedoch zu Überfällen, bleibt erstes Blut im Schnee. Jeder Angriff wird mit Animatronics umgesetzt, dann allerdings so hektisch verwackelt eingefangen, dass es beinahe den Trash-Faktor diverser DVD-Tierhorrorfilme erreicht, in denen man kein Geld für gute Tiermodelle hatte.

Das ist zuweilen noch das geringste Problem, denn was The Grey schlussendlich ein wenig ausblutet, sind weitere Strecken Ablenkung. So werden vielfach Erinnerungsfetzen Ottways in grellen Flashbacks eingestreut, in denen er neben seiner Frau liegt oder als Kleinkind bei seinem Vater ist. Nicht nur, dass es störend aus dem Jetzt reißt, sind sie auch noch mit kitschigen Dialogen und Erläuterungen beseelt. Hinzu kommen philosophische Momente, in denen darüber geratschlagt wird, ob es einen Gott gibt, ob er ihnen dies extra antut, was Glaube ist, was er nützt, etc. Es trägt inmitten dieser ohnehin antriebslosen Trinker und Ex-Knackis nichts zur Geschichte bei und wirkt wie Erinnerungen mehrfach aufgezwungen, etwa, wenn Ottway atemlos ein Gedicht seines Vaters zitiert, das fast genau so wie das aus Ridley Scotts Robin Hood klingt, hier aber nicht so recht zum Weitermachen motiviert. Gegen Anfang erschießt er auf seiner Jagd einen Wolf und scheint es Bereuen, doch Carnahan greift diesen Moment nicht mehr auf. Diese Schwächen sind beklagenswert, da sie nur eines erzielen: die Intensität des Überlebenskampfes zu lockern, zu pausieren. Fast erwartet man Sean Penn zu sehen, der wie in Tree of Life grüblerisch durch Tür-Rahmen in der Wüste stapft - nur dass es in einen Tree of Life passt, nicht aber in einen harten Survival-Abenteuerfilm, in dem sich Neeson zerbrochene Flaschen um die Fäuste klebt, um damit unerschrocken auf Wölfe einzupunchen. Das macht er, und das macht er gut, nur wird es mehrmals unnötig unterbrochen. Es geht auch zum Leidwesen von Score und Kamera, die beide erstklassig sind und eine bessere Geschichte verdienen.

Fazit:
Neesons unfreiwilliger und zeltloser Camping-Trip ist zuweilen starkes Horrorkino, schick, stimmig untermalt und vom Frontmann gut gespielt, verrennt sich dann jedoch.über unverzeihliche Strecken in maue Rückblenden und philosophisch-/religiöse Aspekte, die zäh und knorpelig bleiben.

6 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

> Deine Meinung zum Film?

Copyright © 2004-2050 bereitsgesehen.de, alle Rechte vorbehalten
bereitsgesehen.de ist nicht für die Inhalte verlinkter Websites verantwortlich