BG Kritik:

The Guest


von Michael Eßmann

The Guest (USA, 2014)
Regisseur: Adam Wingard
Cast: Dan Stevens, Maika Monroe, Sheila Kelley, Leland Orser, Brendan Meyer

Story:
Familie Peterson hat erst kürzlich den Sohn, bzw. Bruder im Krieg verloren, als dessen Kamerad David an der Haustür klingelt und Einlass erbittet. Aber was will der Fremde, und entpuppt sich der charismatische Hausgast gar als etwas mörderisch anderes, als seine himmelblauen, freundlichen Augen und sein warmes Lächeln vorgeben?

Laut Regisseur Wingard ein Horrorfilm im Stile eines Actionthrillers.


Der charmante David Collins (Dan Stevens aus „Downton Abbey“) stellt sich den Petersons als ein Freund und Kriegskamerad ihres jüngst im Kampf gestorbenen Sohnes Kaleb vor, und wird kurzerhand eingeladen, noch etwas zu bleiben. David entpuppt sich alsbald als der perfekte Hausgast, denn er kocht, putz,… greift dem schüchternen Sohn Luke (Brendan Meyer, der auf irritierende Art ausschaut wie die männliche Version von Chloë Moretz) als Ersatzbruder gegen ihn drangsalierende Sportskanonen unter die Arme, flirtet ein wenig mit Tochter Anna (Maika Monroe aus dem kommenden, vielerorts gefeierten „It Follows“), trinkt abendlich ein Bierchen mit Papa Spencer (Leland Orser), und verhält sich auch sonst wie ein Traum von Gast. Bis die Fassade Risse bekommt, und zu bröckeln beginnt, denn natürlich geschehen alsbald auch blutige und unheimliche Vorfälle, und Dinge sind nicht so, wie sie vorgeblich zu sein scheinen. Alles andere wäre nach Adam Wingards „You’re Next“ in dessen neuen Kinofilm wohl auch eine glatte Enttäuschung gewesen, denn nach dem überaus gelungenem, mit den Genre-Konventionen spielenden und gleichermaßen lustigen wie spannenden und blutigen Home-Invasion Film hieß es gespannt sein auf Adam Wingards neuen Film, „The Guest“.

Dan Stevens hatte für eine vorherige Rolle 30 Pfund abgenommen, ehe er sich für diesen Film in Topform brachte.


Das Ergebnis ist um es direkt zu sagen dann aber doch (zumindest etwas) ernüchtern, und nicht nur keine Steigerung, sondern speziell im Spiel mit den Genre-Konventionen ein deutlicher Rückschritt. Schade, wurde die Story doch wieder von Simon Barrett geschrieben. Doch genau an dieser Geschichte harkt es diesmal an vielen Ecken und Kanten, und es will nie ein richtig homogenes Ganzes entstehen, und so wirkt „The Guest“ eher wie ein Mix aus einem Best-Of Genres, - in dem möglichst viel abgedeckt werden sollte - als wie ein filmisches Gesamtwerk. So beginnt es als ruhiges und emotionales Drama um eine Familie, die gerade den ältesten Sohn an die Schlachtfelder des Krieges verloren hat, um dann zu einem atmosphärischen Psycho-Thriller zu werden, der darauffolgend in eine 80er Jahre Ballerorgie kumuliert, um daraufhin auch noch einen (buchstäblich) Abstecher in einen klassischen 80er Horror-Slasher vorzunehmen. Nur wollen diese Teile sich eben nicht so recht vermischen, und ergeben am Ende ein nicht völlig befriedigendes Ganzes, dem man aber andauernd anmerkt, mehr sein zu können. Und gerade dies ist so schade, denn da wäre gut mehr drin gewesen, als nur ein ganz guter Film. Hier hätte etwas mehr Feinschliff am Drehbuch eventuell Wunder gewirkt. Denn z.B. nur weil der ehemalige Soldat David klingelt und behauptet, die letzten Worte des verstorbenen Sohnes persönlich vernommen zu haben, und nun der Familie verkünden zu wollen, wird dieser mehr oder weniger in die Familie aufgenommen, im Zimmer des Sohnes einquartiert… Man mag es dem Mix aus Trauer und dem Charme des Gastes zuschreiben, aber die Ausgangslage einen völlig fremden Soldaten mal eben bei sich aufzunehmen und ihn auch noch aktiv in den Familienalltag einzubeziehen, wirkt nicht nur ein klein wenig von zweifelhafter Logik durchzogen. Auch wirkt die finale Auflösung und Begründung für den Besuch wenig logisch (gar widersprüchlich), originell und noch dazu unbefriedigend, obgleich sie hier selbstverständlich nicht verraten werden wird. Denn was Hausgast David genau will, ist (Held, Killer, Helfer in der Not...), oder eben auch nicht ist (Held, Killer, Helfer in der Not...), sollte man selbst erkennen, auch wenn es am Ende nicht wirklich beeindruckt, und wohl kaum mehr als ein Gähnen generieren wird. Eher generisch und nach Klischee - ohne groß damit zu spielen. Der gute und vielfach gegenwärtige böse Humor glättet hier aber einige Unwuchten und lässt zwinkernd über vieles hinweg sehen. Auch über einige Längen. Vor allem weil der Film insgesamt recht gut unterhält und zwischenzeitlich gar so manch großen, zum mitfeiern einladenden Moment bereithält, und durch seine Coolness und seinen netten Blut- und Goregehalt einfach Spaß macht. Um es klar zu machen: „The Guest“ ist im letzten Drittel ziemlich blutdurchtränkt und hat immer wieder harte Szenen und ist dabei bitterböse. Hat aber auch viele Längen.

Auch ist der Film wunderschön fotografiert, referenziert tolle Einstellungen von Sergio Leone, über John Carpenter, bis Quentin Tarantino und sieht dabei auch noch deutlich teurer aus als er war, und wird belebt von einem gut aufspielenden Cast. Allen voran Dan Stevens, welcher als Kriegsveteran David scheinbar spielend zwischen Schwiegermuttertraum und mörderischem Alptraum hin und her wandelt, und auch den Bad Ass perfekt gibt. Von Stevens wird man nach dieser Vorstellung noch hören, u.a. im neuen „Beauty and the Beast“ Musical von Disney. Ähnliches sollte auch für Filmtochter Maika Monroe gelten, welche mit ihren großen Rehaugen sowohl Verletzlich- und Traurigkeit, aber auch deutlich taffere Attitüde an den Tag legt. Was den Film aber explizit auszeichnet, - und garantiert am längsten von allen Bestandteilen im Gedächtnis haften bleiben wird - ist der Soundtrack, welcher irgendwo zwischen Nicolas Winding Refns „Drive“ und fast allem von John Carpenter aus den 1970ern und 80ern angesiedelt ist. Ein dunkler und rauer Synthie-Pop Sound voller Schwermut und Coolness, welcher auch immer wieder Teil der Geschehnisse wird. Denn der Soundtrack untermalt nicht nur, sondern ist Teilnehmer und Akteur der vielerorts in die Handlung integriert wurde, da es sich gerne mal um in der Filmrealität abgespielte Musik handelt, welche die Akteure also ebenso wahrnehmen, wie der Zuschauer dies tut. Ein Interessanter Kniff, speziell wenn Anna ihrem Besucher eine CD brennt, deren Inhalt an späterer Stelle noch eine ganz besondere Szene mit ungemeiner Atmosphäre ausstattet. Fein. Insgesamt ist die Synthesizer-lastige Musik vielleicht nicht ganz so perfekt wie die zu „Drive“ ausgewählt, aber „The Guest“ hat zumindest einen der besten Sountracks seit dem. Und das ist ja auch schon mal was.

Fazit:

Der Soundtrack ist phantastisch, die Kameraarbeit und Action gut, der Film im Paket ist aufgrund der inhomogenen Mischung und wenig originellen Wendungen und Genrespielen aber nur gut, und nach „You’re Next“ was das angeht eine mittelschwere Enttäuschung. Trotzdem kein schlechter Film, mit grandiosem 80er Touch, dunklem Humor, 100 Prozent Coolness, tollen Darstellern, ordentlich Blut, und einem netten Easter Egg zu Wingards „You’re Next“.

6 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel
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