Kritik:
The Help
von
Christian Westhus
THE HELP
(2011)
Regie: Tate Taylor
Cast: Viola Davis, Emma Stone, Octavia Spencer, Bryce Dallas
Howard, Jessica Chastain, Sissy Spacek
Story:
Jackson, Mississippi in den 1960ern. In der kleinen Gemeinde sind
schwarze Hausmädchen seit vielen Jahren ganz normale
„Bestandteile“ eines Haushalts weißer
Besserverdienender. Die Frauen putzen, kochen und ziehen die Kinder
groß. Einige dieser Kinder sind inzwischen erwachsen und
können den vermeintlichen Gesellschaftsfakt, Schwarze seien
nur minderklassige Angestellte, nur schwer mit ihrer Lebenserfahrung in
Einklang bringen. Die junge Skeeter (Emma Stone) will Journalistin
werden und entscheidet bald, über das Leben der schwarzen
Hausmädchen zu berichten, das heißt, diese selbst
berichten zu lassen. Doch welches Dienstmädchen würde
in einer spießbürgerlichen Kleinstadt wie Jackson
schon über die eigenen Arbeitgeber sprechen?
Kritik:
Ein Film wie
„The Help“ ist eigentlich ein gefundenes Fressen
für überkritische Zyniker. Nicht nur das Dasein als
Verfilmung eines Millionenbestsellers stellt den Film in den
Generalsverdacht, glatt gebügelte Berechnung zu sein. Umso
mehr wird ein so optimistischer Blick der USA auf die eigene
Vergangenheit aus Sklaverei und Rassendiskriminierung schnell zum
Gegenstand von Gespött. „The Help“ ist
eine nur selten wirklich selbstkritische, stets ein wenig
oberflächliche Alibi-Auseinandersetzung mit einem eigentlich
wesentlich ernsteren und auch grimmigeren Thema. Sandra Bullocks naives
Oscarvehikel „The Blind Side“ ist als mahnendes
Negativbeispiel, wie solche Filme auch aussehen können, noch
all zu präsent. Weiße Gutmenschen mit dicker
Geldbörse, die ihre guten Taten für einzelne arme,
schwarze Individuen übergroß ausstellen. So ist auch
„The Help“ kein Film „wie es wirklich
war“, sondern eher ein bisweilen märchenhafter
Ansporn zu einer differenzierten Weltsicht und zu Gleichberechtigung,
um das verbohrte Bild der Hautfarben-Klassengesellschaft aufzubrechen.
Dem guten Willen kann sich auch ein beinharter Zyniker nicht entziehen.
Nicht zuletzt, weil auch überwiegend versucht wird, eine
„schwarze“ Perspektive einzunehmen. In erster Linie
aber ist „The Help“ die wohltuende und
unterhaltsame Dosis Positivismus, die der Film ist, weil er das
vielleicht stärkste und sympathischste Frauen-Ensemble des
Jahres bietet. Ein typisch Hollywood’sches Hin und Her aus
Humor und Rührung garantiert.
Seit
„Easy A“ („Einfach zu haben“)
hat sich Schauspielerin Emma Stone als ganz große neue
Junghoffnung etabliert. Auch hier gibt sie die Führungsrolle,
doch gleichzeitig ist sie diejenige, die im großartigen
Ensemble am wenigsten heraus sticht. Dabei ist sie gar nicht mal
schlecht, im Gegenteil, sondern sympathisch und humorvoll wie immer.
Ihre „Skeeter“, die als angehende Journalistin
über das Leben schwarzer Hausmädchen berichten will,
ist aber „nur“ die Verbindungsinstanz aller
weiteren Figuren, die eigentlich viel interessanter und reichhaltiger
sind. Der Verlust von Skeeters eigenem Hausmädchen, die wie
eine zweite Mutter war, ist der nötige Auslöser
für den forschen Drang, die kleinbürgerliche
weiße Welt von Jackson auf den Kopf stellen zu wollen. Mehr
als Ellenbogen und schnippische Kommentare zu den weißen
„Freundinnen“ sind danach nicht von Nöten.
Also auch nicht die halbherzig in die Handlung integrierte
Beziehungskiste, die Skeeters emanzipatorische Haltung (Arbeit statt
Hausfrau und Mutter) sogar ein wenig untergräbt.
„The Help“ ist nicht nur ein Film über
Toleranz und Hoffnung, sondern auch über Frauen und
Feminismus.
Sämtliche zentralen
Figuren (inklusive der Chefin des Buchverlags) sind Frauen,
sämtliche wirklich relevanten Entscheidungen werden von Frauen
getroffen. Obwohl die weißen Frauen, die sich mit
Kaffeekränzchen und unaufrichtigen
Wohltätigkeitsveranstaltungen die Zeit vertreiben, fast alle
„Trophy Wives“ reicher Männer sind, haben
sie in Entscheidungsfragen die Hosen an. Als eine Hausdienerin nach
einem Vorschuss fragt, zieht sich der Zeitung lesende Mann demonstrativ
vom Tisch zurück, um seiner Frau die Bühne zu
überlassen. Entsprechend weit und vielschichtig
gefächert das Angebot an Frauenrollen, -figuren und
Darstellerinnen, die damit mitunter stärker wirken, als das
eigentliche Thema des Films. Durch Emma Stones zentraler Bindungsfigur
eingeführt, übernimmt Viola Davis die
Führung. Mit Hingabe kümmert sich Aibileen als
Dienstmädchen um eine weiße Tochter, die nicht ihre
eigene ist. Die eigentlich herzensgute, aber überforderte
richtige Mutter ist zu schwach und zu ängstlich, um sich dem
gesellschaftlichen Idealbild der Familie zu widersetzen. Den meisten
Druck übt die dominante Hilly (Bryce Dallas Howard) aus, die
die Treffen der weißen Frauen organisiert, Spenden
für Hilfsbedürftige sammelt, aber gleichzeitig
gesonderte Toiletten für Dienstpersonal fordert. In Hilly
kommt die tückischste Form von Rassismus zum Vorschein, wenn
man sich über die Auswirkungen seiner Taten so unklar ist,
dass man gerechtes Verhalten mit Diskriminierung verwechselt. Da kann
auch Hillys halb demente aber noch immer schlagfertige Mutter (herrlich
in einer kleiner Rolle: Sissy Spacek) nicht viel dran ändern.
Und Bryce Dallas Howard ist als intrigantes Biest eine Wucht.
Bei Hilly funktioniert nicht,
was Skeeter dazu verleitet, die Arbeit der Hausmädchen nicht
nur wertzuschätzen, sondern sie als voll- und gleichwertige
Menschen anzusehen. Obwohl auch Hilly nicht von ihrer eigenen Mutter
aufgezogen wurde, hält sie mit besten Absichten am
Gesellschaftsbild fest. Aber die überwiegend gesondert in
kleinen Häusern außerhalb der eigentlichen Stadt
lebende schwarze Bevölkerung nimmt die unerwartete Hilfe
natürlich auch nicht einfach so an. Zu unsicher ihre Stellung
in den weißen Haushalten und zu groß die
Abhängigkeit vom streng regulierten Lohn. Während mit
Viola Davis die tragische Seite aufgegriffen wird, übernimmt
Octavia Spencer als Minny den humoristisch-sarkastischen Part. Zu oft
spricht sie wie es ihr passt und provoziert auch mal, eckt damit
natürlich an. Das sich in ihr natürlich auch
stereotype Vorstellungen etwas fülligerer schwarzer Frauen
spiegeln, lässt nicht verhehlen, mit wie viel Witz und Wonne
Spencer diesen lebhaften Charakter anpackt. Neben Minny gesellt sich
bald die faszinierende Nebenhandlung um Celia Foot, und die dieses Jahr
überpräsente Jessica Chastain gibt den vielleicht
strahlendsten Stern in diesem Frauenensemble ab. Celia ist naiv, ein
bisschen schwer von Begriff, ja mitunter wirklich langsam im Kopf, aber
so herzensgut, dass sie einfach ihrem Instinkt folgt. Celia ist das
Gegenkonzept von Hilly, denn Celia handelt ohne nachzudenken und nimmt
das schwarze Hausmädchen ganz natürlich als
gleichwertige Freundin im Haushalt wahr.
Mit diesen – und
weiteren – Figuren entspinnt sich die sympathische,
humorvolle und in den richtigen Momenten traurige Episodengeschichte.
Regisseur Tate Taylor lässt das alles im beinahe permanentem
Sonnenschein (Regen hat nur dramaturgischen Effekt) und in knalligen
Farben aufleuchten. Trotz leichter Überlänge hat die
Geschichte bzw. haben die verschiedenen Handlungsstränge immer
genügend Zug und im Zweifelsfall retten eh immer die
Darsteller, ohne die der Film beinahe hoffnungslos verloren
wäre. Viola Davis und Jessica Chastain dürften lange
im Gedächtnis bleiben, aber ebenso machen Octavia Spencer,
Bryce Dallas Howard und Sissy Spacek viel Spaß, zusammen mit
einer Emma Stone, die ihre überwiegend funktionelle Rolle gut
ausfüllt. Am Ende kommt so ein Film natürlich nicht
ohne die ganz große Ladung Sentimentalität und
Kitsch aus, aber selbst der funktioniert bei diesen Figuren erstaunlich
gut. Man hat vielleicht nicht wirklich etwas über die wahren
Zustände in den 1960ern der USA gelernt, aber immerhin auf
charmante und kurzweilige Art und Weise seine eigene Sicht der Dinge
hinterfragt. Und wenn das nicht, gibt es mit der
„Kuchenszene“ immerhin einen Moment, der beim
nachträglichen Erzählen des Films mit Sicherheit als
allererstes zitiert wird.
Fazit:
Tolle Figuren und ein umwerfendes Frauenensemble machen „The
Help“ zu einer charmant-unterhaltsamen Dramödie über
ein eigentlich viel ernsteres Thema. Märchenhaft und
überoptimistisch, ist dies sicherlich nicht der realistischste
Film über das Thema Toleranz/Rassismus, aber der gute Wille ist
jederzeit spürbar. Und ganz nebenbei ist der Film witzig und
emotional genug für einen schönen Kinobesuch.
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