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Kritik:
The Human Centipede 2:
Full Sequence


von Christian Mester

THE HUMAN CENTIPEDE 2: FULL SEQUENCE
Regie: Tom Six
Cast: Laurence R. Harvey

Story:
Parkhauswächter Martin ist ein fanatischer Fan von Tom Six' Skandalhorrorfilm The Human Centipede: First Sequence, der 2009 dank grotesker Filmidee durch alle Medien ging. Martin, der zuhause von einer bates-schen Mutter drangsaliert wird, verrennt sich heimlich in wilde Fantasien und nimmt sich vor, dem holländischen Meister mit aufwendigem Dr.Heiter-Cosplay zu huldigen. Sodann beginnt er, nach und nach ahnungslose Parkhausbesucher niederzuknüppeln, um mit den neuen Freunden eine ganz eigene Centipede zu kreieren. Diese soll länger werden als die im Film.

UK DVD

K
ritik:
Als Tom Six seinen Horrorfilm The Human Centipede (Der menschliche Tausendfüssler) vorstellte, hatte es durchaus Gründe, wieso der Film schlagartig bekannt wurde. So eine bizarre Idee hatte man selten gesehen: drei Menschen, aneinandergedoktert, Mund an Po. Drei Menschen, die somit einen gemeinsamen, organischen Verdauungstrakt ergeben - die Konsequenz für die hinteren beiden Segmente ist eine ebenso abscheuliche, wie irrwitzige Vorstellung. So irrwitzig, dass man sogar bei South Park drüber lachte. Six erreichte also erfolgreich weite Aufmerksamkeit, doch konnte der Film überhaupt was bieten?

Fast nichts, wäre da nicht Dieter Laser gewesen. Der Deutsche spielte den verrückten Dr. Mengele-Arzt mit einer unheimlichen Authentizität, die den Film aus den schwach gespielten Horrorfilmen der letzten Jahre herausragen ließ. Der Film selbst war indes nicht der Rede wert; kannte man den Trailer, hatte man bereits alles gesehen. Mehr als lange Wartezeit bis zu der OP und anschließenden Genuschel und Gewimmer der Zusammengenähten gab es nicht. Interessant war jedoch das Ende, das auf sehr düsterer Note schloss und rätseln ließ, wie man die Geschichte wohl fortsetzen wolle.

Die Antwort lautet nun "gar nicht", denn Teil 2 schließt nicht an den ersten an. Stattdessen ist es ein Meta-Spin-Off, da Six eine Dimension zurückgeht und einen Film über seinen vorherigen Film gemacht hat. Nicht nur das: weitere große Änderungen gibt es in Filmformat und Dialogkonstrukt. Aus einer wahnwitzigen Laune heraus entschied sich Six dazu, Teil 2 in Schwarz/Weiß zu drehen, sowie fast völlig auf Dialoge zu verzichten. Es ergibt sich damit ein völlig anderes Wirken, das zusammen mit seiner Idee, seinen Vorgängerfilm im Sequel zu referenzieren und kommentieren die Möglichkeit aufwirft, dass es ein anspruchsvoller Indie-Titel werden könnte. Prinzipiell ein weit lobenswerterer Ansatz, als Heiter bloß zurückkehren und ihn neue Leute an neue Körperöffnungen zusammennähen zu lassen. Leider ein Ehrgeiz, den Six nicht erfüllen kann.

Der neue, aufgebohrte S/W-Look ist visuell gelungen und ein enette Abwechslung, doch es genügt nicht, die übrigen Mängel zu kaschieren. Six vermasselt beispielsweise den interessanten Meta-Aspekt, in dem er schlicht nichts damit macht. Er könnte es nutzen um darauf aufmerksam zu machen, dass Teil 1 nur ein Film war, dessen Pressekontroversen übertrieben waren. Er könnte kritisch auf alle Horrorfans herabblicken, die den Film gut fanden, sie gar feiern, oder seine eigenen Regieschwächen untersuchen, sie verteidigen, sich darüber lustig machen oder sie bestätigen. Er macht leider nichts dergleichen; dass Martin einen Film sieht, der als Film selbst schon besteht, spielt überhaupt keine Rolle, sagt nichts aus. Damit ist es unnütz und lässt nur bleiben, was sonst noch da ist. Und das ist nicht gut, denn abgesehen von allen Formatänderungen und Meta-Aspekten ist es doch bloß eine einfallslose Fortführung nach Schema F. Neuer Killer fängt neue Menschen, agiert krasser. Auch das wäre so noch nicht beklagenswert gewesen, da die meisten Sequels dem Pfad folgen und damit auch Solides zustande bringen, doch hatte der Kampf der beiden Mädchen gegen den urigen Dr. Heiter noch gewisse Spannungswerte, hat Martins Cosplay nichts dergleichen. In Langeweile wird man Zeuge, wie der wortlose Martin in sich ständig wiederholenden Szenen Opfer umhaut, sie in sein Auto lädt und in sie in sein Spielzimmer schleift. Er wirkt zwar zugegebener Maßen ebenso authentisch krank wie Dr. Heiter, doch ihm fehlt, was der Doktor hatte: Bedrohlichkeit. Mit einer herrischen Mutter und einem bärtigen Psychologen im Haus wird Martins Psyche etwas beschrieben, aber zu wenig, zu platt, um zu wirken. Derweil fehlt seinen Opfern Belang, denn Six zeigt kein einziges von ihnen im Detail. Die Idee, eine der Opfer-Darstellerinnen aus dem ersten Teil zu einem "Realopfer" in diesem zu machen, erscheint gelungen, doch bekommt die Darstellerin hier nicht genügend Szenen, um relevant zu werden - es bleibt so gesehen ein Cameo, der überhaupt keine Bedeutung hat, verpasst man mitzukriegen, wer sie ist. Es bleiben somit völlig charakterlose Körper, deren Verbleib egal bleibt, egal ob oder wie sie zusammengenäht werden. Dazu balanciert Six falsch: obwohl Teil 2, nicht von den Motiven, aber von der Kameraarbeit her merklich schicker wirkt, ist der Film vom Schnitt her weit zäher und langatmiger. Demnach hat man eine schick, aber zäh inszenierte, wirkungsarme Horrorschote mit belanglosen Opfern und einem einsilbigen Bösewicht. Was da maximal noch bleibt, ist Horrorspektakel. Gibt es aber auch nicht fast keines, denn obwohl der der Film oftmals sehr hart wird, ist es dann stumpfes, spannungsarmes, oftmals bloß ekliges Gefolter gegen ausgelieferte Gefesselte, was kaum vernünftigen Horrorzweck erfüllt.

Fazit:
Mutig ist Six, das muss man ihm lassen. Die gewählte stilistische Gratwanderung und die Film-im-Film-Meta-Idee lässt Full Sequence anfangs in einem unerwartet neuen Licht erscheinen. Der Schein trügt jedoch, denn alle Ambitionen verlaufen ziellos ins Leere. Was bleibt, ist ein dann doch recht typisches Sequel, dieses Mal mit schlechteren Figuren, keinerlei Spannung und einer sehr zähen Regie.
Fragt sich nun, was er aus seinem kommenden dritten Teil macht. Wird auch der sich optisch von den anderen unterscheiden? Steckt er sich die gleichen Ziele und schafft sie dieses Mal, oder besinnt sich wieder auf Spannung und Grusel? So oder so, Final Sequence kann eigentlich nur besser werden als Full Sequence.

1,5 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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