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Kritik:
The Impossible


von Christian Westhus

LO IMPOSIBLE
(2012)
Regie: Juan Antonio Bayona
Cast: Naomi Watts, Ewan McGregor, Tom Holland

Story:
Maria und Henry, ein englisches Paar, beruflich zuletzt wohnhaft in Japan, verbringt mit den drei Söhnen den Weihnachtsurlaub in Thailand. Man packt bei Sommertemperaturen Geschenke aus, entspannt am Strand oder albert im Pool herum. Bis nach einem Seebeben eine gewaltige Flutwelle alles unter sich begräbt und die Familie trennt. Maria und der älteste Sohn Lucas versuchen sich in Sicherheit zu bringen und ihre Familie wieder zu finden. Doch Hunderttausende sind betroffen. Es ist der 26. Dezember 2004.

Kritik:
„Basierend auf wahren Ereignissen“ – so verkündet es der Film zu Beginn. Wer es nicht besser weiß oder hinterher aufwändig recherchieren will (oder generell ein Skeptiker ist), schluckt diese Vorgabe erst mal. Natürlich ist den meisten Zuschauern bewusst, dass eine tatsächliche Geschichte aus Gründen der Dramatisierung und Konsumierbarkeit für einen solchen Film angepasst wurde, aber im Groben und Ganzen gehen wir davon aus, dass sich das ungefähr so zugetragen hat. Ungefähr so geriet wohl tatsächlich eine Familie im Thailandurlaub in die verheerende Naturkatastrophe, die insgesamt weit über 200.000 Todesopfer forderte. Ungefähr so gerieten Mama und der älteste Sohn in ein überfülltes Krankenhaus, wo sich der Sohn als Teilzeit-Mutter-Theresa die Zeit vertreibt, bis es Mama besser geht oder bis es eine Möglichkeit gibt, nach Papa und den Brüdern zu suchen. Ungefähr so wird das schon passiert sein. Man wagt beinahe nicht, die allzu offensichtliche Konstruktion des Scripts zu hinterfragen, die typischen Naturkatastrophenklischees als solche zu identifizieren und die künstlich aufgebauschte Dramatik abzulehnen. Wir wollen der ungefähr so aussehenden Familie respektvoll begegnen, immerhin ist das hier ihre Geschichte. Wir waren – die meisten von uns – nicht dabei. 

Die wahre Familie, nach der dieser Film seine Geschichte modelliert hat, kam aus Spanien. Der Film, von „Das Waisenhaus“ Regisseur Juan Antonio Bayona, ist eine überwiegend spanische Produktion in englischer Sprache und mit einer britischen Familie. Für diese Information brauchen wir nicht zu recherchieren, präsentiert man am Ende doch ein Foto der echten Familie. Es ist nicht der einzige irritierende Umgang mit Nationen und Gruppierungen. Der gesamte Film wirkt eigenartig weiß. Kaukasisch weiß. In einem Oberklassehotel in Thailand mag es nicht ungewöhnlich sein, überwiegend Europäer und weiße Amerikaner zu sehen, doch spätestens als sich die Katastrophe ereignet, als wir durchs Hinterland reisen und die überfüllten Krankenhäuser und Auffanggebiete für Überlebende erkunden, irritiert die Häufigkeit von weißer Haut und blondem Haar. Die thailändische Bevölkerung hilft den verunglückten Touristen, sich wieder zu sammeln. Sie sind Ärzte, Busfahrer, freiwillige Helfer, die schon mal die Tür ihrer äußerst bescheidenen Behausung entfernen, um eine verwundete Touristin ins Krankenhaus zu transportieren. Die thailändische oder allgemeiner asiatische Bevölkerung leidet nicht. Egal ob es für Einheimische separate Krankenhäuser oder Obdachlosenkamps gab, der Film kreiert das Bild einer touristischen Katastrophe. Ein paar einsame Kinder auf einem Auffang-LKW sind das Höchste der Gefühle. Eine Ärztin ist die einzige Nicht-Touristin, mit einer größeren Sprechrolle. Absicht möchte man den Filmemachern nicht unterstellen, doch die gewählte Geschichte und ihre eigenartige Perspektivierung sind mindestens unglücklich zu nennen. Von der in gewisser Weise gar grotesken Schlussszene ganz zu schweigen.

Dabei hätte Bayonas Film das Zeug dazu, ein wirklich gutes Katastrophendrama zu sein. Das Script ist keine Meisterleistung, ist teilweise sehr durchschaubar und neigt zum hemmungslosen Kitsch. Es ist ein Film für all diejenigen, denen es Freude macht oder die es als spannend empfinden, wenn sich Personen die sich suchen wieder und wieder knapp und auf kuriose Weise verpassen, weil sie zum Beispiel rückwärts aneinander vorbei laufen und dann in unterschiedliche Richtungen abbiegen. Abgesehen davon ist Bayonas Regie voll auf der Höhe. Die spektakulären und brutalen Flutwellensequenzen zeigen noch einmal, wie lächerlich nahezu alles an Clint Eastwoods Tsunami-Episode in „Hereafter“ war. In „The Impossible“ schlägt die Naturgewalt drastischer zu und reißt dabei alles mit, was nicht gerade ein fest vermauertes Luxushotel ist. Besonders eindringlich die Unterwasseraufnahmen, häufig in Ultrazeitlupe mit plötzlicher Beschleunigung. In der braunen Brühe werden Trümmer, Äste und Menschen wahllos herumgeschleudert und unfreiwillig gegeneinander geschlagen. Ein Haufen Dreck mit Gefahrenpotential, der besonders Naomi Watts schwer zu schaffen macht. 

Watts ist als Mutter, als emotionaler Halt für den Sohn, als verwundetes Leittier glaubwürdig und stark. Doch nach einer Weile nimmt sie das Script fast komplett aus dem Spiel. Ähnlich ergeht es Ewan McGregor, der – sympathisch wie immer – die tränenreicheren, sentimentaleren Szenen abbekommt, aber auch nicht immer im Vordergrund steht. Dort steht der junge Tom Holland als ältester Sohn Lucas, der eine beeindruckende und überzeugende Leistung abliefert. Über die Glaubwürdigkeit und Notwendigkeit seiner Taten im Mittelteil kann man streiten, doch es ist nicht zuletzt Holland zu verdanken, dass uns der Film mit all seiner Inszenierungs- und Kitschgewalt tatsächlich hin und wieder kriegt. Bei all der Kritik, die man der unglücklichen Perspektive und dem schwammigen Script anlasten kann, sind Figuren, Darsteller und Bilder stark genug, um uns zu bewegen und – wenn man das angesichts der Prämisse so sagen darf – mitzureißen.

Fazit:
Die wahre Tsunamikatastrophe vom Dezember 2004 wird zur touristischen Familienkatastrophe. Wer über die eigenartige Perspektive hinweg sehen kann, bekommt ein gut inszeniertes und stark gespieltes Katastrophendrama, das nicht wirklich originell ist, aber bewegt, dabei aber natürlich auch zum Kitsch neigt.

6 / 10

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