BG Kritik:

The Jungle Book


von Michael Eßmann

The Jungle Book (US, 2016)
Regisseur: Jon Favreau
Cast: Neel Sethi

Story:
Bei Wölfen im Indischen Dschungel aufgewachsen, muss das Menschenkind Mogli nach Jahren in der Wildnis vor den todbringenden Pranken des Tigers Shir Khan flüchten.

Neuverfilmung des Disney Zeichentrick-Klassikers Das Dschungelbuch im modernen Mix aus Realfilm und Computeranimationen.

2018 folgt eine weitere Verfilmung des Stoffes, von und mit Andy Serkis...


Aus dem Hause Disney erreichen derzeit nicht nur regelmäßig Sternenkrieger und Marvel-Superhelden die Lichtspielhäuser, sondern seit einigen Jahren auch gerne Realfilm-Neuverfilmungen der hauseigenen (sogenannten) Zeichentrick-Klassiker. So brachte uns Regisseur Tim Burton einen neuen Trip zu Alice ins Wunderland, Angelina Jolie durfte uns in Maleficent – Die dunkle Fee eine anderen Version der Dornröschen-Geschichte näher bringen, bevor im vergangen Jahr Regisseur Kenneth Branagh mit der erstaunlich klassischen und doch frischen Cinderella Neuinterpretation nachlegte. Diesem folgt nun Regisseur Jon Favreau mit seinem The Jungle Book, bevor es später im Jahr bereits wieder ins Wunderland gehen soll. Die Unkenrufe im Vorfeld waren nicht zu überhören, als man im Hause Disney ausgerechnet eine Neuverfilmung von Das Dschungelbuch in Bewegung setzte. Erneut, denn 1994 durfte ja Die Mumie-Regisseur Stephen Sommers bereits einen Versuch starten, den Klassiker unter den Zeichentrick-Klassikern neu zu interpretieren. Einen, dessen Melodien man wohl ohne großes Nachdenken mitsummen oder pfeifen kann.

Probier's mal mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit trellerten Balu der Bär und Mogli seinerzeit und bis heute durch Kinos, Wohn- und Kinder-Zimmer. Mit Ruhe und Gemütlichkeit ist es diesmal aber nicht so weit her, denn dieses Dschungelabenteuer ist ein sehr viel dunkleres und gefährliches, als es seinerzeit in 1967 entstand. Das jetzt vorschnell als schwache Idee und typische moderne Version in düster abzutun, wäre allerdings gewagt, und auch schlicht falsch. Denn wie üblich war auch hier die gezeichnete Disney-Version eine deutlich aufgeheiterte Variante, die auch inhaltlich nur grob mit dem Buch und den Motiven der Dschungelbuch-Erzählungen von Rudyard Kipling übereinstimmte. Letzteres ändert sich auch diesmal nicht, denn die Geschichte von The Jungle Book ähnelt doch recht stark der gezeichneten Version. Nur diesmal stimmt der dunklere, rauere und gefährlichere Ton eben viel eher mit dem Buch von Kipling überein. Hier gibt es also in etwa die Geschichte des Zeichentrick-Klassikers, mit dem Tonfall des Literatur-Klassikers. Eins zu Eins ist die Story allerdings nicht neu verarbeitet worden, nur so im groben und als eine Art Leitliane, an der man sich vorwärts ins Abenteuer schwingt, die man aber auch problemlos mal loslassen kann, um eine andere Richtung einzuschlagen. Überraschungen und Änderungen bleiben also auch für Kenner des gezeichneten Klassikers absolut nicht aus.

Eine Änderung die nichts mit der Story, dafür aber dem modernen Kino und den technischen Innovation der vergangenen gut 50 Jahre zu tun hat, ist die Art diese Geschichte zu erzählen. Statt klassischer Folienanimation setzt man nun auf einen Mix aus im Studio gedrehten Realfilmaufnahmen und im Computer generierten Tier und Landschaftsbildern, unterstützt von Motion Capture-Aufnahmen der Darsteller und Sprecher der Tiere. Auf der realen Seite steht Neuling Neel Sethi als Hauptfigur Mogli, nur umgeben von einigen Studiobauten, Requisiten und Referenzpunkten. Zu ihm gesellen sich unzählige und mit einer erstaunlichen Artenvielfalt daher kommende Scharen von allesamt am Rechner hinzugefügten und erstellten Tieren, sowie aus selbiger Quelle stammendes Dschungel-Interieur wie Bäume, Gräser und weitere Pflanzen. Erstaunlicherweise ist dies aber so gut wie überhaupt nicht störend. Wie schon bei den neuen Planet der Affen-Filmen oder dem Schiffbruch mit Tiger gelingt das Kunststück, Realität und Illusion zu einem homogenen und sich lebendig und auch erstaunlich real anfühlendem Ganzen zu verweben. Moderne Kino-Magie und märchenhafte Unterhaltung in ihrer schönsten Form, denn CGI ist ja bekanntermaßen immer dann am besten, wenn man es gar nicht als solches wahrnimmt. Ähnlich wie die außerirdische Flora und Fauna, in James Camerons Avatar – Aufbruch nach Pandora. Und ebenso wie dort, wird auch in diesem Dschungel des 3D zum absoluten Hochgenuss und zu einer absoluten Bereicherung des Filmerlebnisses genutzt.

... der Film mit Namen Jungle Book: Origins wird jedoch ein Prequel sein


So scheint diese Welt im hohen Maße wirklich - wenn auch auf eine leicht märchenartige Weise - und nimmt sich dabei selbst ernst. In eigentlich allen Momenten des Abenteuers gibt es fotorealistisch anmutende Tiere zu bestaunen - welche manchmal aber Überlebensgröße annehmen. Letzteres zu sehen beim Chef der Affenbande und der Riesenschlange Kaa – im Originalton gefährlich verführerisch eingesprochen von Scarlett Johansson. Regisseur Jon Favreau wollte damit laut eigener Aussage ein Gefühl der Ehrfurcht und erhöhten Bedrohung schaffen. Beides ist ihm außerordentlich gut gelungen, und so unterstreichen diese Monstrositäten aus einer fremden Welt, den Märchencharakter der Geschichte. Dazu passt auch weiter das Sprechen mit menschlichen Stimmen, um die Geschichte zu erzählen. Dass die Stimmen dabei aus diesen schon ungemein realistisch erscheinenden tierischen Schnauzen und Mäulern erklingen, wirkt im Gesamtkontext erstaunlicherweise weit weniger befremdlich, als es dürfte. Denn aufgrund der ungeheuren Dichte an Atmosphäre die das Werk über den Look und die gelungene, aber bis auf Referenzen zum Original wenig einprägsame Musik von John Debney erzeugt, gerät das alsbald in Vergessenheit und in den Hintergrund. Als Zuseher schaut man viel zu gebannt in diesen lebendig wirkenden 3D-Dschungel, als die Tatsache es hier mit sprechenden und singenden Tieren zu tun zu haben, zu hinterfragen. Ja, singende Tiere. Denn auch im neuen Dschungelbuch wird gesungen. Wenn auch deutlich weniger. Und was eigentlich wie völliger Schwach- und Blödsinn wirken müsste, gelingt hier trotzdem. Zumindest in den meisten Fällen, aber dazu etwas später.

Wo es absolut funktioniert ist bei Balu, welcher auch diesmal seine berühmte Hymne schmettert. Das passt einfach, auch wenn der Grundton um diese Szenen herum diesmal deutlich dunkler daher kommt. Sicherlich ließe sich dieser Wechsel problemlos als uneinheitlicher Erzählton beschimpfen, oder aber auch als ein lebensnaher und realistischer Stimmungswechsel bezeichnen. So wie auf Regen wieder Sonnenschein folgt, ergeht es auch dem kleinen Menschenkind in der roten Hose auf seiner Reise zur Mannwerdung. Und käme nicht die heitere Phase mit Balu, so wäre Moglis Reise womöglich auch eine zu durchgehend dunkle, und eintönige. Durch die freundliche Färbung so zur Halbzeit gelingt gefühlt ein weitaus komplexeres Kinoerlebnis, in dem nicht nur Spannung und Abenteuer, sondern auch wieder Freude im Dschungel vorherrschen darf. Diese Aufheiterung - und weitere an anderer Stelle, nur nicht so ausgeprägt - verhindert womöglich ein zuschauerseitiges resignieren aufgrund von Action auf Action-Szene auf. Denn Action gibt es durchaus viel. Und zwar von der realistisch und gefährlich anmutenden Abenteuer-Sorte. Ja, die Gefahr des Dschungels wirkt hier greifbar, und auch ohne die FSK-Freigabe zu kennen (eine FSK-12 erscheint hier absolut angebracht) lässt sich klar sagen, dieses Dschungelbuch ist keine Kindergeschichte. Zumindest nicht für die ganz Kleinen, welche z.B. durch die realistischen Attacken und Prankenschläge eines Shir Khan vermutlich Alpträume davon tragen würden. Die Gefahr in Persona, also jener Tiger ist hier zudem großartig interpretiert und absolut kein eindimensionaler Bösewicht, der nur böse ist, um böse zu sein. Er hat nachvollziehbare Beweggründe für sein Handeln - und wird im Original wunderbar bedrohlich und charismatisch zugleich von Idris Elba eingesprochen. Ähnliche Loblieder lassen sich problemlos auch auf das restliche Star-Ensemble an Sprechern anwenden, denn ob Ben Kingsleys weiser und erhabener Baghira oder Bill Murrays Balu, jeder Sprecher ist Weltklasse.

Ein wenig als Ausnahme muss leider dann aber doch Christopher Walkens King Louie herhalten. Was aber nicht an Walkens Qualitäten, sondern nur an einer einzelnen Szene liegt. Und diese ist eine der ganz rar gesäten Probleme (wenn man das überhaupt so nennen darf) des Films. Anders als im Zeichentrick ist dessen Louie allerdings kein allzu spaßiger Gesellen, und mehr mörderischer Tyrannenkönig, der sich offenkundig durch seine schiere Masse, Kraft und Größe zum totalitären Herrscher und sozusagen zum Kingpin über den Affen-Tempel aufgeschwungen hat. Und der singt dann sein Liedchen aus dem Disney-Original, welches hier wohl von bedrohlicher Natur sein soll, aber leider, leider eher unfreiwillig komisch daher kommt, und im Gegensatz zur Gesangseinlage des Bären, einfach nicht recht passen will, und gar eher stört. Aber das ist vielleicht eine Minute, in einem ansonsten überwiegend grandiosen Film, der daneben kaum offenkundige Schwächen aufweist. Eines wäre dann allerdings doch noch etwas schwächer, und das ist Mogli. Neel Sethi wirkt wie ein aufgeweckter kleiner Fratz und hat den passenden Look. Sein Spiel wirkt allerdings hier und da etwas unbeholfen und hölzern, was aber auch daran liegen mag, beim Dreh oft schlichtweg allein vor der Kamera gewesen zu sein. Die Tiere sind ja schließlich trotz Motion Capture-Aufnahmen der Darsteller allesamt erst später eingefügt worden. Aber auch das ab und an nicht wirklich überzeugende Spiel des Kindes wertet den Film nicht extrem herab, da er so gut funktioniert und voller Herzblut steckt. Gratulation. Nachdem er u.a. den Ton und den Grundstein der Marvel-Filme aus dem Avengers-Universum (mit)kreierte, darf man Jon Favreau nun zu seinem ersten (mindestens beinahe) Meisterwerk gratulieren. Sein Film ist mindestens auf Augenhöhe mit dem Zeichentrick-Film aus 1967.

Fazit:

Das Dschungelbuch muss ganz und gar nicht zwingend nur heiter und lustig daher kommen, den Beweis hat Jon Favreau hiermit erbracht. The Jungle Book ist technisch nah an der Perfektion, bildgewaltig und groß, und dabei herzlich, warm und menschlich. Kino-Pflichtprogramm, in wunderbarem und spektakulärem 3D.

9 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel
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