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KRITIK:
The Kids are all right
von
Christian Wessthus
THE KIDS ARE ALL RIGHT (2010)
Regie: Lisa Cholodenko
Cast: Julianne Moore, Mark Ruffalo
Story:
Zwei Jugendliche (Josh Hutcherson, Mia Wasikowska)
erleben eines Tages ein Treffen mit ihrem leiblichen
Vater, wobei beide von unterschiedlichen Müttern (Julianne
Moore, Annette Benning) stammen, die mittlerweile
als Paar zusammen leben. Seltsame Tage beginnen...
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Mark Ruffalo spielt
den neuen HULK |
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Kritik:
Die Familie als Sozialnetzwerk, die moderne
Patchworkfamilie als Knotenpunkt zwischen
Emotionalität und Praktikabilität. Die konsequente
Aussparung der Onlinewelt lässt Lisa Cholodenkos
wunderbaren Film wie einen familiären Gegenpol zu
David Finchers „The Social Network“ wirken. Im 21.
Jahrhundert ist das traditionelle Bild der
patriarchalisch geprägten Familie aufgehoben,
aufgesplittet in Weiterentwicklungen von
Lebensgemeinschaften. In der vermeintlich liberalen
westlichen Kultur dürfen nun verschiedene
Spielformen des menschlichen Miteinanders
ausprobiert werden, in vielen Ländern auch
unterstützt vom Staat. Nic (Bening) und Jules
(Moore) führen mit ihrer lesbischen Ehe eine
Denkweise vor, die sich mit all ihren Vor- und
Nachteilen, den guten wie den schlechten Tagen,
abstrahiert auf die meisten Partnerschaften
übertragen lässt. Das ungewohnte Bild dieser
Verbindung schärft nur den Blick für die Mechanismen
und Cholodenkos Film fühlt sich dabei so locker
leicht und doch zielstrebig ernsthaft an, dass
Freude aufkommt.
Zwei Frauen als Ehepartner, mit jeweils einem Kind
vom selben Samenspender – gleich mehrere Facetten
der Möglichkeiten der modernen Familie greift dieses
gleichermaßen konstruiert wie absolut natürlich
wirkende Beispiel auf. Das Leben scheint harmonisch
und ausgeglichen, die dann doch noch irgendwie
außergewöhnliche Elternsituation scheint bei den
Kindern und deren Freunden akzeptiert oder schlicht
Gewohnheit. Da Schulszenen ausbleiben, erspart man
sich auch dämliche Lästereien von unaufgeklärten
Klischee-Maulhelden. Nic ist Ärztin, bringt das Geld
nach Hause und scheint auch tendenziell in der
Hierarchie einen Tacken höher zu stehen als Jules,
die ihren beruflichen Platz noch nicht gefunden hat.
Da ist dann auch die Verteilung von Femininem und
Maskulinem so simpel wie nahe liegend. Bis Tochter
Joni 18 ist und, angetrieben vom jüngeren Bruder
Laser (der heißt wirklich so), ihre Herkunft
hinterfragt, ist der Alltagsablauf der Familie
absolut natürlich und mit seinen Höhen und Tiefen
harmonisch.
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Nicht im Bild:
Gerard Butler |
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Da fragen sich die beiden Mütter natürlich, warum
ihre Sprösslinge plötzlich ihren biologischen Vater
kennen lernen möchten, wo die
Zwei-Mütter-Elternschaft doch eigentlich
funktioniert und ausreichen müsste. Dahinter steckt
bei den Kindern weniger der Drang zum
konventionellen Familienbild, sondern eher die
Frage: Woher komme ich? Quasi
romantisch-nostalgische Genetik-Gedanken
Heranwachsender. Und plötzlich sitzt da ein Typ am
Familientisch, als wäre er der erste feste Freund
von Joni. Doch ist er 25 Jahre älter und natürlich
der plötzlich ins Familienleben getretene Erzeuger,
der einen ganzen Rattenschwanz an Erwartungen,
Forderungen und Erinnerungen mit sich bringt. Die
Kinder fragen und vergleichen, die Mütter
vergleichen ebenfalls, wägen ab und irgendwie
gleicht dieser freigeistige Hippie-Gärtner nicht
mehr der Beschreibung des Mannes, der damals für ein
paar Mäuse in einen Becher onaniert hat.
Mit dieser gleichermaßen faszinierenden wie
amüsanten Ausgangssituation wird der Film zu einem
herrlich witzigen und gleichzeitig erfreulich
ernsthaften Blick auf eine Familie, auf
Veränderungen und die individuelle Vorstellung von
Glück und Zufriedenheit. Dank eines hervorragenden
Drehbuchs und fünf durchweg grandiosen
Hauptdarstellern ist der Film stets natürlich,
authentisch und unverkrampft, mit stetem Bezug zu
den Figuren und Charakteren. Aus dem Leben
gegriffener Humor, der gleichzeitig amüsiert, jedoch
auch einen inhaltlichen Zweck erfüllt. So stimuliert
sich das Lesbenpaar zum Beispiel mit eher
ungewöhnlichem Videomaterial, verwirrt damit aber
auch noch den Sohn. Ein Gespräch über eine taube
Zunge hat genau die richtige Dosis an frivoler
Doppeldeutigkeit und das erste Treffen von Vater und
Kindern ist so nachvollziehbar verkrampft, dass man
gleichzeitig schmerzhaft wegschauen oder amüsiert
lachen kann, wie die drei Personen nicht so recht
wissen, was sie von diesem Treffen wollen und wie es
aussehen soll.
Ganz in der Tradition des modernen amerikanischen
Indie-Films (im Bereich Tragikkomödien) erstrahlt
der Film ganz natürlich in schönen, hellen
Sonnenfarben. Cholodenko inszeniert flüssig und
flott, der Schnitt ist übersichtlich, zieht nur
manchmal das Tempo kurz an und montiert kleine
Eindrücke. Insgesamt aber ist es ein Darstellerfilm
und dank ihres Drehbuchs (zusammen mit Stuart
Blumberg verfasst), kann sich Cholodenko ganz auf
ihre Darsteller verlassen. Annette Bening und
Julianne Moore ragen natürlich heraus, bekommen
beide wundervolle Szenen, mal witzig, mal tragisch.
Besonders für Bening seit langer Zeit mal wieder
eine Top-Rolle. Und Ruffalo scheint für diesen Part
geboren zu sein, gibt seinem schluffigen
Motorradfahrer viel Wärme und sympathische
Hilflosigkeit, wie er so urplötzlich als Fremdkörper
ins kalte Wasser einer eigentlich funktionierenden
Familie geworfen wird. Auch Josh Hutcherson und Mia
Wasikowska geben hervorragende Leistungen ab, denn
unsichere Teenager können auch ganz schnell zu
Stereotypen werden. Joni und Laser sind
nachvollziehbar und interessant, hängen z.B. beide
mit jeweils einem/einer „unpassenden“ Freund/in rum,
der/die in den Augen der Mütter ein schlechter
Einfluss ist. Neu-Dad Paul ist ein neuer Einfluss
auf die Kinder, zeigt ihnen eine andere Sichtweise
und eckt dabei auch mal bei den Müttern an.
Interessenskonflikte in der Kindererziehung sind
natürlich vorprogrammiert, doch der gesamte Film
setzt sich mit Konflikten auseinander. Verschiedene
Gruppen, Interessen und Lebensvorstellungen prallen
aufeinander und müssen überwunden werden, wenn das
Sozialnetzwerk Familie erhalten bleiben soll. Nics
bildungsbürgerliche, tendenziell konservative Welt
harmoniert nur wenig mit Pauls „Laisser-faire“
Mentalität, die bei Jules hingegen erwidert wird.
Darüber schwebt symbolisch und mit erfreulich
uneindeutiger Rollenverteilung ein
Liberalismus-Konservativismus-Disput. Wer
beeinflusst wen und wie reagieren die Beeinflussten,
wer hat mehr vom Kuchen und was ist das
Richtige/Beste für einen selbst und für die Kinder?
Natürlich rebellieren auch diese gegen die
elterlichen Restriktionen und das nicht nur wegen
Paul. Es ist einfach diese Zeit im Leben. Da trifft
Jugendlichkeit auf gewollte Jugendlichkeit und auf
ein abgeklärtes mitten im Leben Stehen.
Die Themen sind vielschichtig und reichhaltig,
spielen sich in einem emotionalen und kurzweiligen
Film jedoch nie in den Vordergrund. Sie
funktionieren, dafür sorgt die unverkrampft offene
Haltung des Films. Die Sex-Szenen (ja, Plural) sind
gleichermaßen offenherzig wie natürlich, gemixt mit
einer stets passenden humorvollen Note. Passend dazu
die bisweilen derbe Ausdrucksweise, die in der
deutschen Sprachfassung entschärft, aber immer noch
auffällig ist, ohne jemals konstruiert oder störend
zu werden, jedoch zeigt, dass dies nicht die übliche
US-Mainstream Tragikkomödie ist. Auch darüber
definiert sich die Neuformung der Familie, über
Vorstellungen von korrektem Verhalten. Ein
Generationskonflikt also und so trifft auf dem
tollen Soundtrack junge, hippe und alternative Musik
von „Vampire Weekend“, „Fever Ray“ und „MGMT“ auf
David Bowie. Und ein wunderbarer Dialog über Joni
Mitchell (klingelt’s?), der zur Liebesbekundung
wird, verbindet auf zu Herzen gehende Weise zwei
Personen.
Cholodenko und ihre Darsteller berühren uns,
erreichen eine hohe Emotionalität, ohne verkrampft
und gewollt darum zu betteln. Die Figuren sind dabei
so nachvollziehbar und natürlich, auch dank des
Drehbuchs, welches sicher von locker und amüsant, zu
dramatisch und bitter wechselt. Eben aus dem Leben
gegriffen und entwaffnend gespielt, vielseitig
anwendbar und emotional, trotz manch kleinerer
Konstruktionen. Ein gewisses dramatisches Element
der Zuspitzung muss es ja schließlich meistens
geben. Und dieses lässt spätestens am Ende die Knie
erweichen, das Herz aufgehen und ein leichtes
Seufzen hervorbringen. Schließlich steht Tochter
Joni die ganzen paar Wochen, die dieser Film
umspannt, vor dem alles entscheidenden Schritt in
ihrer Adoleszenz. Sie steht vor dem Wechsel in eine
andere familiäre Interessensgemeinschaft, in ein
anderes Sozialnetzwerk. Die Abnabelung von ihren
Müttern führt sie an die Uni und dort zu den
zukünftigen Mark Zuckerbergs.
Fazit:
So witzig wie dramatisch, dabei locker leicht und
doch mit einem anspruchsvollen, genauen Blick auf
Familienkonstrukte und Lebensvorstellung. Eine
unauffällige Inszenierung bildet nur das Fundament
für fünf fantastische Darsteller, die von einem
tollen Drehbuch profitieren. Toll..
8,5 / 10
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