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Kritik:
The Master


von Christian Mester

THE MASTER
(2013)
Regie: Paul Thomas Anderson
Cast: Joaquin Phoenix, Philipp Seymour Hoffman

Story:
1950. Als der herumstreunende Seemann Freddie (Joaquin Phoenix) eines Tages an Bord des ebenso mysteriösen wie exzentrischen selbsternannten Philosophen, Autoren, Arzt und Wissenschaftler "Master" Lancaster Dodd (Philipp Seymour Hoffman) landet, um nach langer Herumtreiberei wenigstens eine Nacht in einer trockenen Koje verbringen zu können, wird er Teil einer ungewöhnlichen Gruppierung. Als zunächst begriffsstutziger Mann für alles, der froh ist, auf Verständnis zu treffen, bekommt er alsbald mit, wie Dodds Glaubenskreis an Einfluss gewinnt. 

Kritik:
"Scientology: Der Film" lautete die weitreichende Bezeichnung für Paul Thomas Andersons (Magnolia, There will be Blood, Boogie Nights) neuestes Drama, zumindest in seiner Anfangs-phase. Es hieß, er verfilme als nächstes den Aufstieg des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard, und das bewusst, um die berüchtigte Glaubensgemeinschaft und ihre Anhänger in einem kontroversen Skandalfilm offen zu kritisieren.

Dass Hubbard die Hauptinspiration für Andersons Geschichte ist, lässt sich wohl keineswegs leugnen, da die Parallelen zwischen Hubbard und seiner Filmfigur Lancaster Dodd umfassend sind: so ist auch dieser Master ein charismatischer Autor, der 1950 ein starkes Händchen dafür hat, Menschen mit Worten zu faszinieren. So erzählt er, er habe Einblick in fulminante Wahrheiten des Universums bekommen und stehe nun bereit, diese gnädig weiterzugeben. Er schafft Vertrauen, gräbt mit psychologischen Fragerunden an verborgenen emotionalen Problemen seiner Zuhörer und baut seinen Zirkel Vertrauter immer weiter und weiter aus, bis aus einer kleinen Kommune eine weltweit erfolgreiche Glaubensgemeinschaft wird.

Interessant ist, dass Anderson sich deutlich davor scheut, den Master und seine Glaubensgemeinschaft zu entlarven oder allzu deutlich zu kritisieren. Der Film tischt zwar juristische Probleme auf, zeigt, wie Skeptiker mit Gewalt bedient werden und lässt ein gepflegtes Anzweifeln der von Dodd praktizierten Übungen und aufgestellten Behauptungen zu, doch all diese Vorlagen nutzt er nie harsch aus. Dodd behauptet viel von Wundern und Billionen Jahren andauernden Kriegen, aber er wird nie als berechnender Geschäftsmann gezeigt, der gezielt Theater spielt und nur das Geld seiner Anhänger im Auge hat. Stattdessen glaubt er selbst an seine Worte, bemüht sich sehr um das Wohlergehen seiner Folger und ist gänzlich gegen Gewalt gegen Skeptiker. Das heißt nun gewiss auch nicht, dass der Film pro Scientology ist, aber die mitunter groß erwartete Dekonstruktion Scientology's ist The Master ganz sicherlich nicht.

Anderson nutzt all das nur als Rahmenhandlung für die ausgesuchte Geschichte, die er eigentlich erzählen will. Die eines einfach gestrickten Soldaten, der nach dem Zweiten Weltkrieg scheinbar planlos umhertingelt. Ein Mann wie ein wilder Hund, der zwar nicht böse ist, aber impulsiv nach Belieben alles beißt oder besteigt, wie ihm gerade danach ist, fernab jeglichen Bindungsvermögen zu seinen Mitmenschen. In seiner Rolle als zermürbter, unberechenbarer Einfallspinsel ist Joaquin Phoenix dabei beeindruckend gut. Jede seiner fast 140 Filmminuten ist er ein intensives, fragiles, fesselndes Häufchen ELend, was besonders dann noch mal angetrieben wird, trifft er auf Philipp Seymour Hoffman und Amy Adams. Die beiden spielen die Anführer der Glaubensgruppe, die den reudigen Freddie bei sich aufnehmen und kontinuierlich psychologisch mit ihm experimentieren. Nicht als perfide Manipulatoren, die ihn als Handpuppe wollen: Adams und Hoffman, die beide ebenfalls stark sind, spielen sie als zwar fragwürdig praktizierende, aber mit ehrlichem wissenschaftlichen Interesse agierende Idealisten, die sich dem bedauerlichen Fall annehmen - ob ausgerechnet sie dabei die beste hilfreiche Stütze für den zerstreuten Torpedowechsler von einst sein können, ist einer der Haupthandlungspunkte des Films. Leicht untergehend, aber im Detail vielleicht am fesselndsten ist Amy Adams' Figur, bei der man nie durchschauen kann, ob sie nicht hinter allem die Fäden in der Hand hält - und man rätseln darf, was sie wohl bezwecken mag.

In seinen Höhepunkten, beispielsweise dem ersten psychologischen Profil zwischen Dodd und Freddie, einem gemeinsamen Aufenthalt hinter schwedischen Gardinen oder einer Anzweiflung Dodds durch einen Dritten vor versammelter Mannschaft, der Freddie beiwohnt, geht Anderson in die Vollen und liefert grandioses Kino ab. Zusammen mit den drei hervorragenden Schauspielern und einer ebenso ungewöhnlichen wie kunstvollen Optik, sowie einer zurückhaltend authentischen Ausstattung hat der Master ein paar fesselnde Kinomomente, die es in sich haben und die man so selten erleben mag. Gelegentlich aufgelockert mit kleiner Situationskomik, wirft er mitunter sogar kleinere Momente von Realitätsverlust mit ein, etwa, wenn auf einer Party plötzlich mehr und mehr Leute kleidungslos erscheinen. Blutig wird es nicht, dafür hätte Sigmund Freud sicherlich Amusement an den eingestreuten Sexelementen, sowie dem relativ früh gezeigtem, nach reichlich Überlegung doch sehr wichtigen Bild eines Freddie, der eine aus Sand geformte Frau beackert. In kleineren Rollen anzutreffen: Laura Dern (Jurassic Park 1+3) und Rami Malek (Snafu aus The Pacific).

Jedoch zeigt sich Andersons Gesamtpaket mit Abstand nicht als gänzlich meisterhaftes Werk. Konnte Daniel Day-Lewis' Charakter in seinem letzten Film There will be Blood über die gesamte Laufzeit packen, werden den dreien aus The Master immer wieder Längen zugeschoben, in denen die Handlung nicht vorwärts kommt und sich auch aus den Rollen nichts neues ergibt. Nach dem schier perfekten Showdown aus Blood ist der in seinem neuen darüber hinaus relativ farbarm, und je weniger über den nervig klirrenden Jazz-Soundtrack gesagt, desto besser (auch wenn er sehr zu Phoenix' ständiger Instabilität passen mag).

Fazit:
Paul Thomas Anderson nutzt die Inspiration Scientology, um in angelehnter Geschichte ein faszinierendes Charakterportrait eines fiktiven Soldaten mit Nachkriegstraumata und emotionaler Ziellosigkeit zu inszenieren, in dem Joaquin Phoenix (nach Walk the Line erneut) schlichtweg großartig ist. Aufgrund einiger Längen und eines weniger treffenden Endes nicht ganz so perfekt wie andere Andersonwerke, aber erneut starkes Kino erster Klasse.

8 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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