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Kritik:
The Raid


von Christian Mester

THE RAID (2012)
Regie: Gareth Evans
Cast: Iko Uwais, Yayan Ruhian

Story:
Indonesien. Ein SWAT-Team stürmt ein fünfzehnstöckiges Gebäude, in dessen oberster Etage ein gesuchter Drogenbaron sitzt. Kaum dass die Cops drin sind, wird ihnen der Rückweg abgeschnitten und alles mobilisiert, was an Killern im Hause ist. Verstärkung? Nicht rufbar, da im Präsidium scheinbar jeder korrupt ist...

Kritik:
Von der US-Presse bereits als das Action-Event des Jahres angepriesen, stürmt Gareth Evans‘ Low-Budget-Knüppler The Raid nun endlich auch in die deutschen Kinos, und das - man mag es kaum glauben – sogar in der ungeschnittenen Fassung. Eine wichtige Entscheidung, wie sich im Film auch schon früh bemerkbar macht, da der Genrestreifen liebevollst in die Vollen geht. Der Bodycount ist immens, Leiber werden zersiebt, Knochen malträtiert, Blut fließt und wer nicht zum näheren Gunstkreis der Hauptfiguren gehört, kriegt meist schon in Sekunden die Spucke aus dem Hemd getreten. Und wie die Spucke aus dem Hemd getreten wird: nach anfänglichem Fokus auf Schusswechsel geht der Film recht schnell zu knüppelharter Martial Arts über, die jedem Chan/Li/Jaa/Wu/Yen Fan die Hände reiben lässt. Hauptdarsteller Iko Uwais, der einen der unglücklichen Cops spielt, räumt mächtig ab und fightet teils gleich mehrere Gegner zugleich, die ihn mit Schuss- und Stichwaffen, Fäusten, Scherben, Stühlen und sonstigem Möbilar aufdringlich auf die Pelle rücken. Uwais zeigt sich als großartiger Silat Martial Arts Künstler, doch auch seine Kollegen erleben jeweils diverse Nahkämpfe, wobei sie jedoch oft nicht lange überleben und das Hauptaugenmerk bei Uwais bleibt.

Auf der Gegenseite steht Mad Dog (Yayan Ruhian), der Handlanger des Gangsters im Vordergrund, der sich seinerseits durch Cops zum Helden vorarbeitet. Das unvermeidliche Duell der zwei, die übrigens auch die Kampfchoreographen des Films sind, ist dann zurecht das Highlight des Films. Obwohl es nur drei Leute in einem nahezu möbellosen Raum sind, macht Evans ihr Vorab-Finale zum spannenden Spektakel voller beeindruckender Szenen, bei denen man gern mehrfach zurückspulen würde. Kurzum: in Sachen Action trifft der Film point blank und dürfte so ziemlich jeden anderen Genrevertreter in diesem Jahr auf die hinteren Plätze verweisen. Man kann nur schätzen, was Uwais und Ruhian nun an Angeboten winken mag, winken sollte, denn hat Hollywood aufgepasst, lässt man sie als Choreographen die nächsten 15 Actiongroßprojekte betreuen.

Wo Knochen unterhaltsam gebrochen werden, gucken jmanches Mal jedoch auch Splitterstücke heraus, die nicht unbedingt sein müssten. Beachtet man den Film somit im Ganzen, ist manches schwer zu übersehen. So hat der Film eine brauchbare Handlung, die zwar flach aus Infernal Affairs, The Departed, Punisher War Zone und Bruce Lees Game of Death zusammengeklaubt wirkt, aber daraus übernommenen Stärken bleiben unausgespielt. So wird wenig aus der Tatsache gemacht, dass ein manche Cops und Killer eigentlich zur anderen Seite gehören, dass Dritte die Fäden in der Hand haben oder dass manche von ihnen gar verwandt sind. Es ist schade, da so manche Begegnungen und Gespräche nicht den wendungsreichen oder schmerzlichen Effekt haben, die sie haben könnten. Interesse an Dialogen hat der Film offensichtlich nicht; der Hauptteil besteht demnach aus "Urrghh" "Aaahhh" "Hrrrngng" "Grrggrllrgrllg" "Wraarghh" und "Hhhhhuhaaaaaarhh", wobei Szenen, in denen sich normal unterhalten wird, zumindest nie so langweilig ausfallen wie in Steven Seagal DVD-Filmen. Hauptdarsteller Uwais erweist sich natürlich als fantastischer Kämpfer, doch in seiner Rolle bleibt er farblos, kann die Familiengeschichte zu nichts machen. Er wirkt so ungezeichnet wie Tony Jaa in dessen Filmen, nur dass jener stets bewusst einen simplen, wortkargen Kerl spielt, während Uwais hier mit komplexeren Empfindungen umgehen muss und daran scheitert. Weiterhin schade ist es, dass es keinen wirklichen Showdown gibt. Möglich, dass man sich dies extra für den kommenden zweiten Teil The Raid 2: Berandal aufgehoben hat, aber nachdem man in jeder der regelmäßigen Actionszenen überaus überzeugt, endet The Raid leider auf zu kleinem Feuerwerk.

Mit dem Showdown gleichzusetzen ist Bösewicht Tama (Ray Sahetapy), der zu selten vorkommt und damit zu wenig Eindruck hinterlässt um den ganzen Trubel überhaupt wert zu sein. Er müsste selbst gewiss nicht der beste aller Kämpfer sein – dafür hat er seine Jungs und vor allem seinen Handlanger – aber Eindruck schinden, Autorität ausstrahlen, Gefahr und Überlegenheit zugleich sein, doch das gibt es nicht. Der sehr ähnliche Punisher War Zone machte dies mit Dominic Wests Jigsaw um Welten besser. Dass der Film fast ausschließlich in einem trist grauen Gebäude spielt, in dem jede Etage gleich aussieht und in denen auch nahezu jedes Zimmer gleich aussieht, mag nicht allzu glaubhaft belebt wirken, ist aber nicht weiter wichtig, da Evans gekonnt davon ablenkt und immer wieder Abwechslung hervorzaubert. Mal versteckt man sich ala Sam Fisher hinter der Wand, dann sprengt man Flure, dass ein alter Indiana Jones gerührt wäre, dann wiederum hackt man sich ala „hier kommt Johnny“ durch Türen, Wände oder Böden. Untermalt wird das machetenlastige Geschehen von einem ordentlich dynamischen Soundtrack, der meistens mit Dub-Steb Elementen Tempo macht, in den Heldenmomentan aber zu passenden Fanfaren greift.

Fazit:
Hard Boiled’s kleiner Bruder – Gareth Evans furioses Faustfest The Raid ist ein deftiger Fernost-Actionhappen, der mit vielen fabelhaften Kampfszenen gespickt ist und mächtig Spaß macht. Abseits der oft derben Auseinandersetzungen ist Potenzial verschenkt, aber mit leicht gesenkten Erwartungen ist es für Genrefans dennoch ein Jahrespflichtfilm.

8 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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