BG Kritik:

The Raid 2


von Michael Eßmann

The Raid 2: Berandal (IND, 2014)
Regisseur: Gareth Evans
Cast: Iko Uweis, Tio Pakusodewo, Arifin Putra, Cecep Arif Rahman, Julie Estelle

Story:
Fast unmittelbar nach der Flucht aus dem Hochhaus von Gangsterboss Tama geht der Kampf für Rama (Iko Uweis) weiter. Um an die Hintermänner zu gelangen und seine Familie zu beschützen, muss Rama eine neue Identität annehmen und die inneren Kreise der Unterwelt Jakartas infiltrieren.

In 2011 machte sich der britische Regisseur Gareth Evans („Merantau - Meister des Silat“) auf, um Hollywood und dem Rest der Film-Welt zu zeigen, wie man Kämpfe und Action zeitgemäß präsentiert. Das Ergebnis war der in Indonesien produzierte und alsbald zum internationalen Geheimtipp avancierte „The Raid“, und wie in solchen Fällen üblich, war ein Sequel (und ein US-Remake) alsbald beschlossen. Mit einem solchen Hit in der Tasche, kommt es nicht selten vor, den Erwartungen der Fans beim Sequel nicht gerecht zu werden. Manchmal übertreiben Regisseure nach dem gelungenen Einstieg in eine Welt, in dem das Sequel zu viel will, zu selbstverliebt daher kommt, oder aber zu experimentell anders ausfällt. Und dann gibt es natürlich noch die zu gefälligen, wenig innovativen dünnen Aufgüsse, welche schlicht und einfach eine lahme Wiederholung servieren, welche fade und bitter zugleich, schwer zu schlucken und zu verdauen, manchmal sogar dem Original schaden. „The Raid 2“ ist nun glücklicherweise keines von den Extremen, denn der Film macht zumindest konzeptionell ungemein viel richtig, in dem er seine Stärken - Kämpfe und knallharte Action, was sonst - ausbaut, damit experimentiert und seine Schwächen, - wie die kaum vorhandene von A nach B Handlung - zu eliminieren sucht. Ist "The Raid 2" also das erhoffte Meisterwerk? Zunächst sei denjenigen unter den Zuschauern, welche seinerzeit „The Raid“ als Gewaltpornografie und dergleichen bezeichneten gesagt: Teil 2 muss oder darf ebenso bezeichnet werden, je nachdem ob man Gewaltpornografie positiv oder negativ assoziiert. Die Kämpfe sind so stilvoll und hart wie zuvor, und deren Choreografie ist weiterhin zum niederknien schön und beeindruckend. Immerhin hat Evans hierfür auch unfassbare 18 Monate an Vorbereitung investiert, um das Optimum noch einmal zu überbieten.

Evans plant anschließend noch einen Teil 3


Nur Augenblicke nach der knappen Flucht aus dem Hochhaus müssen sich Polizist Rama und der Rest der Überlebenden Einheit gegenüber ihren Vorgesetzten erklären, und zu ihrem Entsetzen feststellen, bisher nicht mal die Spitze des kriminellen Eisbergs bekämpft zu haben, da ihre Gegner selbst nur Marionetten in einem viel größeren Syndikat waren. Nach anfänglichem Zögern, dann aber persönlich motiviert, willigt Rama ein, Undercover gegen die großen Bosse vorzugehen. Unter seiner neuen Identität Yuda wird Rama ins Gefängnis eingeschleust, um dort den Kontakt und die Freundschaft zu Uco, dem Sohn von Boss Bangun zu suchen. Bis dahin eher behäbig gestartet, beginnt ab diesem Zeitpunkt mit dem bebenden Aufbrechen einer Knast-Toilettentür, ein weiteres Action-Highlight des Erfolgs-Teams Gareth Evans und Iko Uweis. Denn bereits in dieser ersten Kampfszene hinter der Knast-Klotür, - hinter welcher Uweis reihenweise, anstürmende Mithäftlinge abzuwehren hat - präsentiert man sich neuerlich in Bestform und haut der Reihe nach blutig, diverse Köpfe gegen den Lokus. Man fühlt sich direkt wieder heimisch, bzw. wie im Hochhaus von Tama, und zur Freude der Fans, ist dies nicht die Beste, sondern nur die Erste von vielen Kampfszenen und WTF-Momenten. Die Kameraführung ist hierbei sehr dynamisch, kennt in der Action kaum Stillstand und bleibt doch angenehm ruhig, wackelt aber trotzdem hier und da, und gefühlt auch etwas mehr, als im Original. Einen heutzutage oft bei Actionfilmen eingesetzten Mix aus Wackelkamera und Stakkato-Schnitt, - zur Vertuschung von Unzulänglichkeiten in der Choreografie und im Kampfgeschehen durch einen wilden Wechsel der Einstellungen und dazu noch extremes Gewackel an der Kamera - hat Regisseur und Cutter Gareth Evans indes gar nicht nötig.

Hier und da wackelt es, aber wie gesagt trotzdem, aber in Maßen. Er verzaubert stattdessen die Sinne der Zuschauer mit möglichst langen, oft lange schnittlosen und sich schnittlos anfühlenden Einstellungen, Kamerabewegungen und Fahrten. Allein der statisch anmutende Establishing Shot dauert gefühlt 2 Minuten, bevor der erste Schnitt gesetzt wird. Trotzdem geht in der Action hier und da ein Teil der Übersicht verloren, wie in einer Massenprügel-Orgie, im vom Dauerregen durchtränkten Schlamm des Gefängnishofes. Der Intensität dieser Szene schadet es aber keinesfalls, vielmehr stellt diese Szene ein echtes Highlight, in einem Film voller Highlights dar. Sie bleibt aber trotzdem nur eine, von gefühlt unfassbar vielen großen Szenen, denn da wird Mann gegen Mann gekämpft, geschossen, durch Scheiben gesprungen, mit einem Baseballschläger, Zimmermannshämmern („Oldboy“-Style), Messern, einer Machete und weiterem Mordwerkzeug zu Werke gegangen. Hierbei werden logischerweise so manche Knochen und Schädel gebrochen, sowie Extremitäten in unmöglich erscheinende, unnatürliche Richtungen verrenkt bis an die Schmerzgrenze. Aber nicht (zumindest nicht weit) darüber hinaus, denn Evans vermeidet auch so manch plakativen Shot, wie ein serielles Kehlen aufschneiden, bei dem er nicht platt draufhält. Brutal und hart ist es aber dennoch. Allerdings nicht härter als bereits in „The Raid“ vorgemacht. Darüber hinaus kann man die Kampfchoreographie gar nicht oft genug, und in den höchsten Tönen loben. Was hier aufgefahren wird, setzt erneut Maßstäbe, ab und an sogar gespickt mit situationsabhängiger Komik, welche aber wunderbar hineinpasst, und Übersättigungs- und Ermüdungs-Erscheinungen niederschlägt.

Aus den USA kommt in Kürze ein Remake mit den Hemsworth-Brüdern


Zu den bereits im ersten Film Maßstäbe setzenden Martial Arts-Kämpfen, - mit und ohne Waffen - gesellt sich im Sequel auch eine große Verfolgungsjagt per Auto. Und galt es bei den Kämpfen für Evans „lediglich“ sich selbst zu übertrumpfen, muss man sich in diesem Segment auch mit internationalen Größen, wie den „Fast & Furious“-Filmen messen lassen. Im Anbetracht dessen, was allein ein „Fast Five“ aufbot, ein höchst schwieriges Unterfangen. Doch auch wenn Evans hier nichts noch nie Dagewesenes auffährt, braucht er den deutlich teureren amerikanischen Rivalen nicht zu fürchten. Vergleiche drängen sich gar kaum auf, da Evans glücklicherweise auch hier dem eher rauen und realistischen Stil, inkl. physikalischer Gesetzte treu bleibt. Intensität holt er nicht über 93 Überschläge, sondern mehr über real anmutende Härte, die Kamera- und Schnitt-Arbeit sowie das Schlagkräftige Beiwerk im Inneren der Fahrzeuge heraus. Evans kreiert so eine unglaublich intensive Szene, die ganz oben mitzuspielen vermag. Hierbei wechselt die Kamera, zwar mit ab und an sichtbarer Rechner Unterstützung, aber, im exzellenten Maße zwischen den Fahrzeugen und durch diese hindurch. Erinnerungen an die berühmte Fluchtszene aus Spielbergs „Krieg der Welten“ nicht ausgeschlossen. In all diesen (und mehr) Action-Szenen merkt man, wie akribisch Regisseur Gareth Evans seinen zweiten Teil durchgeplant hat, da die Action so ungemein stimmig erscheint. Und auch später, wenn an mehreren Fronten Kämpfe stattfinden, und per Parallelmontage zusammensetzt zu einem gelungenen Leerstück zum Thema Cross-Cutting arrangiert werden, erscheint Evans immer Herr der Lage. Wenig sinnig erscheint nur wenig, wie etwa ein erneutes Einsetzten von Mad Dog-Darsteller Yayan Ruhian, welcher nun mit Prakoso, einen nicht mal halb so harten Hund darstellen darf, und bis auf seinen ersten Auftritt mit Machete, belanglos und unterhalb seiner Möglichkeiten nur kurz vorbeischauen darf. Auch hätte man sich bei den coolen, aber substanzlosen Henchmen wie Hammer Girl und Baseball Bat Man mehr Zeit nehmen können. Zeit, welche anderswo einzusparen gewesen wäre, da die Geschichte ab und an dahindümpelt, wenn mal nicht Action- oder Hammer-Time ist.

Die gesamte Action ist derartig gut, da fällt es schwer, einen derartigen Film für solche erzählerischen und dramaturgischen Schwächen zu kritisieren. Aber wenn man eine Geschichte präsentiert, so muss man sich auch für diese und ihre Erzählweise kritisieren lassen. Denn anders als im vorhergehenden Hochhaus-Klopper will man wie erwähnt diesmal augenscheinlich auch mit einer weit gefächerten Handlung punkten, welche u.a. an Vorbilder wie „Infernal Affairs“ bzw. dessen US-Remake „Departed - Unter Feinden“ erinnert. Dementsprechend ist die erzählte Geschichte also deutlich ausladender, hat mehr Figuren und als diesbezügliches Zugeständnis braucht „The Raid 2“ auch prozentual zur Laufzeit, deutlich mehr Raum für die Handlung. Löblich, anders, aber auch nachteilig für den Fluss, da dass Sequel so, so manchen erzählerischen Durchhänger mit sich bringt. Hier scheint Evans eine Schwäche zu offenbaren, da seinem Film in solchen Momenten recht lange die Luft ausgeht, bevor man wieder zu Atem und Action kommt. Verstärkt wird diese phasenweise Zähigkeit noch durch ein Fehlen eines anhaltendes Gefühls der allgegenwärtige Bedrohung des Auffliegens von Rama, welches die bereits erwähnten „Infernal Affairs“ und auch „Departed - Unter Feinden“ auszeichnete. So wirken die (ja sie sind es wirklich) großartigen Kampf- und Action-Szenen des Öfteren wie ein Befreiungsschlag, aus einer zu ausgiebig erzählten Geschichte, welche gar nicht derartig viel Raum einnehmen müsste. Diese Ausgiebigkeit beim Verweilen bei den ruhigeren, dialoglastigen Momenten spürt man auch in der Laufzeit, welche mit 148 Minuten recht üppig ausfällt. Recht sicher wäre hier eine Straffung auf 128 Minuten drin gewesen, ohne den Faden zu verlieren, und so proportional mehr Gewicht auf die genialen, und abwechslungsreichen Kämpfe zu legen. Zum ans Original angelehnten großen Finale holen Evans und Uweis dann allerdings nochmal alles raus, und erschaffen einen grandiosen Abschluss, welcher mit kurzer Pause, gut und gerne 45 Minuten einnimmt. Allein die Schlacht zwischen dem schlicht The Assassin genannten Chef-Henchman und Rama gehört zum Besten, was jemals kampftechnisch in ein Kino projiziert wurde.

Fazit:

„The Raid 2“ ist ein Meisterwerk, was die Inszenierung von Action und Kampfchoreografie angeht, hat aber mit inhaltlichen Schwächen und Längen zu kämpfen. Trotz allem ein sehr stilvoll eingefangener und inszenierter Film. Die Action ist mindestens so gut wie im Original, hochspannend und durch neue Szenen wie einer Verfolgungsjagd sogar abwechslungsreicher und mit Neuerungen gesegnet. Was zusammenfassend und in reinen Zahlen etwas ernüchternd klingen mag, ist nichts desto trotz mit Sicherheit einer der besten Action-Filme der letzten Jahre, denn „The Raid 2“ ist ein Fest des Schmerzes und ein Ballett des Todes, welches von jedem Action- und, oder Martial-Arts-Fan gesehen werden sollte.

8,5/ 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel
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