Kritik:
The Thing
Die Reihe 1951-2011
von Christian Mester
THE THING ist ein neuer
Horrorfilm, der Teil eines größeren Franchises ist. Zur besseren
Einteilung gibt es nun vor der
eigentlichen Kritik des neuen Films
Rückblicke zu den drei Vorgängern.
Wer direkt die Kritik zum neuen
lesen will, der klicke
hier.

Das Ding aus einer anderen Welt (The
Thing)
1951, Regie: Howard Hawks
Story: Amerikanische
Streitkräfte beobachten wie ein UFO
in der Antarktis abstürzt und sich
tief ins Eis gräbt. Beim Versuch das
Wrack freizusprengen,
vernichten sie das Raumschiff
versehentlich, finden dann jedoch
ein letztes Überbleibsel: einen
gefrorenen Außerirdischen. Sie
nehmen ihn in seinem riesigen
Eiswürfel mit und planen, mit
näheren Nachforschungen bis zum
Eintreffen von Unterstützung zu
warten, doch der Gefrierbrand
geplagte Pilot taut verfrüht auf...
Kritik: Das originale Thing,
eine lose Verfilmung der Geschichte
Who goes there? von John Campbell
(1938),
ist ein typisches s/w Monster Movie
im Stil von Der Schrecken vom
Amazonas, Kampf der Welten oder
Der Wolfsmensch und ähnelt dabei in
erster Linie den alten Frankenstein Filmen
- nicht nur, weil das Ding
Frankensteins Kreatur täuschend
ähnlich sieht (s. Bild). Auch in
diesem Film geht es darum, dass die
Menschheit töricht in finstere Ecken
forscht und dabei ein Grauen
entfesselt, das die Gemüter spaltet:
die Soldaten im Lager wollen es
ausschalten, die Wissenschaftler es
begierig erforschen. Das Monster
selbst ist nur gezwungener Weise
böse - die Killerpflanze in
Menschenform benötigt Blut, um sich
fortzupflanzen. So ergibt sich ein
geteilter Interessenskonflikt, der
sich bis zum elektrisierenden Finale
immer weiter steigert. Obgleich das
Design des Monsters krude erscheint
und seine Attacken nur darin
bestehen, dass er zur Tür
reingestakst kommt und ungelenk
jemanden greift, geben die
Darsteller ihr bestes, angemessen
emotional auf seine Bedrohung zu
reagieren; zudem ist ihr
Miteinander, das Monster
aufzuhalten, gar ansteckend, da sie
bis auf wenige Ausnahmen ein tolles
Team abgeben, das man auch gerne
beim Lösen weiterer Probleme
verfolgen würde. Dazu kommt der
angenehm kurzweilig-naive Charme der
50er Sci-Fi-Horror-Welle, der hier
ebenso wirkungsvoll zum Einsatz
kommt wie bei den besten der Titeln.
7,5/10

Das Ding aus einer anderen Welt (The
Thing)
1982, Regie: John Carpenter
Remake des Films von 1951
Story: Eines morgens sehen
amerikanische Forscher in der
Antarktis, wie ein
Hubschrauber mit norwegischen
Kollegen aus einer benachbarten
Basis erscheint und wie verrückt auf einen
Schlittenhund geschossen wird - die
scheinbar verrückten Norweger kommen
bei dem Angriff sogar ums Leben. Verdutzt
schaut sich Pilot MacReady (Kurt
Russell) anschließend deren Lager
an, das verlassen, abgebrannt und
voller Blutspuren ist, eine groteske
Leiche mit zwei Köpfen und einen
aufgebrochenen Eisklotz beherbergt.
In der Zwischenzeit macht sich das
Grauen im heimischen Lager
bemerkbar, denn der Hund ist in
Wirklichkeit eine außerirdische Lebensform,
die ihre Opfer nicht nur
verschlingt, sondern sie absorbiert
und mit sich selbst ersetzt. Es
kommt zum verzweifelten
Überlebenskampf, denn nun kann jeder
von ihnen ein solches Ding sein...
Kritik: Kurzum - John
Carpenters Thing ist einer der
besten Horrorfilme aller Zeiten. Er
nimmt die Rahmenhandlung des Hawk-Films und ergänzt sie um das,
was Hawks damals in seiner
Verfilmung nicht aus der Buchvorlage
übernehmen konnte: die
Fähigkeit des Dings, andere Wesen zu
imitieren. In der Isolation der
Forschungsstationen ergibt sich ein
ungemein packender Kampf gegen die
Zeit, der an Ridley Scotts Alien
erinnert, bei der Carpenter die
gegenseitige Paranoia der Leute auf die Spitze
treibt und effektvoll mit dem Zuschauer spielt,
der es stets schwer hat, abzusehen, wer
das Ding ist. Hinzu kommen
revolutionäre Kreatureneffekte von
Rob Bottin, der den ungelenken Klotz
aus dem ersten Film gegen eine
formlose Fleischmasse ersetzt, die
dynamisch an jeder Stelle Klauen,
Tentakel und Mäuler entwickelt und
menschliche Körperteile neu
arrangiert. Eine groteske
Schauergestalt, die von einem
eindringlichen Minimalistik-Score
und exzellenter Regie unterstützt
wird. Ein Meisterwerk.
10/10

Das Ding aus einer anderen Welt (The
Thing)
2002, Produktion: Computer Artworks
Erzählt, was nach Carpenters The
Thing passierte.
Story: Nach den Ereignissen
des Carpenter Films: Eine Gruppe von Soldaten
wird zur US-Basis
geschickt, die das Verschwinden
eines verschollenen ersten
Rettungsteams aufklären soll. Ihr
Anführer Blake findet nach und nach
heraus, was in der Zwischenzeit
passiert ist - und auch, dass ein
geheimes Regierungsprojekt mit dem Thing experimentiert...
Kritik: Da die meisten
Film-Games in der Regel unzumutbarer
Schund sind, war Computer Artworks'
The Thing 2002 eine wohlige
Überraschung. Das
Third-Person-Survival-Game wirft den
Spieler in eine beklemmende Lage:
mit drei Freunden, meist Fremden,
geht es durch die finstere Antarktis
durch Forschungsstationen. Entfernt
man sich zu weit von schützenden
Räumen und Wärmequellen, erfriert
man, in der dunklen Ferne lauert das
albtraumhafte Böse, das regelmäßig
in den ungünstigsten Momenten
auftaucht und den Tod will. Waffen
gibt es nur wenige, und nur der
ständig leere Flammenwerfer ist
wirklich nützlich. Weil das noch
nicht reicht, können sich deine
Mitläufer im Kampf infizieren und
sich irgendwann als Ding entpuppen,
sodass man stets von jeder Seite
angegriffen wird, es oft an
Verteidigungsmaßnahmen fehlt und man
auch nicht einfach davon laufen
kann. Zusammen mit stimmigen Sounds
und Besuch der Orte des Carpenter
Films ergibt sich ein trotz etwas zu
vieler Actionmomente fesselndes
Spiel, das den meisten Film-Games
die Hake zeigt und sich als einer
der besten Beiträge seines Art
zementiert. Dass es nicht noch
besser ist, liegt an einer eher
hanebüchenen Story mit geheimen
Regierungsexperimenten, die
spielerisch allerdings notwendig
ist, weil es sonst über die gesamte
Spielzeit nur wenige Gegner gäbe.
Ein sehenswerter Griff für alle Fans
des Carpenter Films und auch jene,
die Titel wie The Suffering und
Silent Hill mögen.
7,5/10
THE THING (2011)
Regie: Matthis van Heijningen jr.
Cast: Mary Elizabeth Winstead
Erzählt, was vor Carpenters The
Thing passierte.
Story:
Vor den Ereignissen des Carpenter
Films: Kate Lloyd (Mary Elizabeth Winstead)
ist eine begabte Paläontologin, die
eines Tages ein mysteriöses Angebot
erhält. Ein norwegisches
Forschungsteam lädt sie ein,
einen im Eis der Antarktis
gefundenen Körper zu untersuchen.
Neugierig sagt sie zu und macht sich
auf den Weg in die unwirtliche
Gegend. Angekommen, traut sie
ihren Augen nicht: das Wesen
entpuppt sich als käferartiger Außerirdischer,
der in Nähe eines riesigen
Raumschiffes entdeckt wurde...
Kritik:
Die Macher des neuen Thing Films
müssen Carpenters Klassiker aus dem Jahre
1982 oft gesehen haben, denn ihr Ableger erstaunt in gleich
zweierlei Hinsicht. Zum einen hat
man sich mit viel Liebe zum Detail
darum gekümmert, die Ereignisse des
ersten Films punktgenau
aufzugreifen. Im Original wird die
Basis der Norweger etwa nur kurz besucht,
hier im Film über jene Norweger hat man selbst banale Dinge wie
eine in der Wand steckende Axt
maßgenau erklärt. Der Film ist damit
voller Eastereggs, die allen Fans des
Originals gefallen dürften. Zum
anderen hat sich der Regisseur sehr
darum bemüht, den Look des
Vorgängers möglichst zu
imitieren.
Neben einem gezielt altbacken
wirkenden Paramount Logo und
gleichen Auf- und Abspanntiteln
orientieren sich auch Musik und
Kameraarbeit am Carpenter, so sehr,
dass man sagen kann, dieser Film
agiert selbst wie ein Ding: es ahmt
das Vorherige nach, will gleich
sein. Doch ist es gleich gut?
Wieso Heijningen jr. den Weg der
klaren Imitation eingeschlagen hat,
lässt sich anhand der Hintergründe
erklären: ursprünglich wollte das
Studio ein direktes Remake, doch da
Heijningen jr. Carpenters Film
verehrt, kämpfte er darum,
stattdessen die Vorgeschichte
erzählen zu dürfen, die das
Meisterwerk fort- statt er-setzt.
Ein schwieriges Unterfangen, in der
Riege eines der besten Filme aller
Zeiten zu spielen.
Wer die anderen Filme nicht kennt,
und das muss man nicht, um Spaß am
neuen zu haben, wird The Thing
grundsätzlich als gelungen Film im
tollen Setting sehen, der originelle
Monster auffährt, sehr actionreich
ausfällt und insgesamt gute, aber
nicht weiter denkwürdige Kost ist.
Stärken und Schwächen sind recht
deutlich, aber auch wenn der Film
kein Highlight ist, ist er im
horror-armen 2011 schon durch seine
Grundpfeiler so interessant, das ihn
jeder Horrorfan sehen sollte. Mary
Elizabeth Winstead und Co-Star Joel
Edgerton geben ein angenehmes
Heldenpaar ab und es macht durchaus
Spaß mit anzusehen, wie sie darüber
rätseln, wer im Eis wohl ein Ding
ist - und Winsteads Forscherin wird
zwar zu keiner neuen Ripley, fackelt
aber nicht lange damit, die Dinger
abzufackeln und ist damit endlich
einmal eine angenehm ungewöhnliche
Frauenrolle, die nicht auf sex sells
getrimmt ist oder ständig kreischend
gerettet werden muss.
Man muss Heijningen jrs. Thing
jedoch leider nicht einmal unter das
Mikroskop legen, um zu erkennen,
dass seines qualitativ nicht mit
Carpenters übereinstimmt. Wer
bereitsgesehen.de regelmäßig
verfolgt, weiß bereits, dass es
hinter den Kulissen des Films
angeblich zu Konflikten kam.
Regisseur Heijningen jr. engagierte
Rob Bottin, den Effektkünstler, der
die grotesken Puppen des ersten
Teils entwickelt hatte, und drehte
fast alle Szenen mit eben solchen.
Nicht nur, um Carpenter Hommage zu
tragen, sondern auch, weil er der
(richtigen) Meinung war, dass nur
Animatronic-Gestalten glaubhaft echt
wirken. Im Studio war man jedoch
anderer Meinung und orderte, dass
fast alle Animatronics durch
CGI-Effekte ersetzt werden sollten.
Die damit geschaffenen neuen Effekte
sind nicht verkehrt, doch sie alle
wirken zu hell, zu glänzend, wenig
glaubhaft echt. Manche Gestalten
sehen wie The Rocks Scorpion King
aus Die Mumie kehrt zurück aus. Es
führt dazu, dass man ein wenig aus
dem Geschehen gerissen wird, da es
ein glaubhafte Nachstellung verlässt
und zur Fantasy-Darstellung wird.
Man denkt, da kommt ein
Computereffekt um die Ecke, nicht,
der eben noch nette Tee schlürfende,
bärtige Norweger, dessen Körper nun
malträtiert verzogen ist und ein
geiferndes Maul auf der Schulter
hat.
Es liegt aber nicht nur an den
Effekten, dass man sich schwer in
Stimmung findet. Die Glaubwürdigkeit
betrifft auch die Figuren und ihre
Darsteller. Im direkten Vergleich
mit dem Original wirkt die Norwegerbasis nicht
benutzt, die Figuren nicht, als
würden sie dort tatsächlich leben.
Alles sieht zu neu, zu ordentlich
aus. Draußen scheint niemand jemals
zu frieren. Die Figuren wirken nicht, als
wären sie bereits lange Zeit
Freunde. Zudem verhalten sie sich
nicht der Situation entsprechend: als die ersten
Kreaturen auftauchen und erstmals Freunde
verschwinden, juckt es kaum
jemanden. Es wird mit den Schultern
gezuckt und weiter gemacht, als sei
nichts. Sie
verhalten sich besonders dämlich, denn
nachdem Kate klar und simpel die Fähigkeiten des Aliens,
und die damit verbundene Gefahr erklärt, trennen sich alle in
kleine Gruppen auf, bei der sie
nicht einmal stärker protestiert!
Ideale Bedingungen für das Ding, sie
nach und nach zu übernehmen, idealer
Moment als Zuschauer, das Gesicht
seufzend in den Händen zu vergraben.
Leider fällt der Film auch
schauspielerisch nur mäßig aus.
Winstead und Edgertons Figuren, so
ziemlich die einzigen, die aus der
Masse gesichtsloser bärtiger
Norweger herausstechen (was an den
unpersonalisierten Figuren, nicht an
der Norwegen-Herkunft dieser liegt),
sind nett, aber langweilig, da
einsilbigst. Edgertons ganze
Charaktertiefe besteht darin, dass
er nichtnorwegischer Pilot ist,
Winstead, dass ihre nichtnorwegische
Forscherin klug ist. Mehr gibt es da
nicht. Beide vermasseln es, ihren
Figuren Eigenheiten, Bögen oder
Lebenszeichen zu übertragen, die sie
zu dreidimensional glaubhaften
Helden gemacht hätten. Im ersten
Teil muss Russells MacReady nur
Scotch trinkend Schach spielen, mit
den Augen rollen und sich dann in
der Eiseskälte mürrisch den Klapphut
ins Gesicht ziehen, um mehr Figur
auszustrahlen als beide hier über
die gesamte Laufzeit.
So sehr Heijningen jr. Carpenter
visuell auch nachzuahmen mag, und in
Trailern und auf Stills gelingt ihm
das perfekt, übersieht er das
wichtigste Element für Spannung:
Stille. Im ersten Teil gab es
unzählige Szenen, in denen nur mal
jemand in einem Zimmer sitzt. Jemand
alleine da steht und überlegt, oder
ein Hund verdächtig durch die Räume
trottet. Im neuen Film gibt es keine
Ruhe, da explodiert (!) das Ding aus
dem Eisblock und springt durch (!)
das Dach. Da wird ständig gerannt
und schnell geredet und von einem
Moment zum nächsten gehastet, bis es
in einem überfrachteten Showdown in
neuer Location mit
Cthulhu-Riesenmonster endet. Insgesamt wirkt es,
als wolle Heijningen jr. sein Thing
zu einem Sequel wie Aliens machen,
in dem eine Ripley weitaus actionreicher
gegen das vorher still lauernde Grauen vorgeht. Die
Finesse fehlt ihm jedoch an jeder
Stelle, sodass der Film eher an den
ähnlich schlecht umgesetzten
Horror-Thriller Virus: Der Erde
steht ein Schock bevor erinnert.
Fazit:
The Thing ist ein mittelmäßiger
Horrorfilm, der seine Chancen
verspielt. Einem schaurigen Setting
und erstklassigen Monster stehen
schwache Figuren und unfertige
Effekte gegenüber. Wer eine
gelungene Fortsetzung zu Carpenters
Klassiker sehen will, sollte sich
das gleichnamige Videogame ansehen.
Das hat, was der neue Film nicht
hat aber unbedingt hätte haben
müssen: beklemmende Grusel-Atmosphäre.
Ein Highlight ist es nicht, sicher
aber ein akzeptables Horrorfilmchen,
das schon durch seine
Grundgegebenheiten für Fans zu den
wichtigsten des (schwachen) Jahres
gehört.
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