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KRITIK:
The Tourist
von
Christian Mester
THE
TOURIST
(2010)
Regie: Florian Henckel von
Donnersmarck
Cast: Johnny Depp Henckel von Donnersmarck, Angelina Jolie Henckel von
Donnersmarck
Story:
Um die Polizei auf eine falsche
Fährte zu locken, soll die Freundin
(Angelina Jolie) eines gesuchten
Großverbrechers in einen Zug steigen und
sich zu jemanden setzen, der ihm
ähnlich sieht. Der Glückspilz ist
Frank (Johnny Depp), ein Mathelehrer
aus Wisconsin, der der Schönen
erliegt und ihr in ein Abenteuer
nach Venedig folgt.

Kritik:
Was wurde nicht schon alles über „The
Tourist“ geschrieben. Die Fachpresse
zerfetzte das US-Remake des
französischen Films „Anthony Zimmer“
mit Sophie Marceau schon als man
Probleme bekam, überhaupt eine Crew
zusammen zu stellen. Erst war Tom
Cruise als Frank an Bord, dann Sam Worthington ("Kampf der Titanen"),
dann Depp. Depp blieb. Bei der Regie
dasselbe: Florian Henckel von
Donnersmarck ("Das Leben der
Anderen") kam erst, als Lasse
Hallstrom, Bharat Nalluri und
Alfonso Cuaron auf- und wieder
abgesprungen waren und erst, nachdem
er selbst schon einmal abgelehnt und
dann wieder zugesagt hatte.
Dann hieß es während des Drehs, dass
sich die Stars Angelina Jolie und
Johnny Depp nicht miteinander
verstehen würden – eher ungünstig,
wenn man ein Liebespaar spielt. Beim
US-Start zerrissen die ersten
Kritiker ihren Streifen und bezogen
sich auf den vermeintlichen
Starzwist, sagten, es funke
sichtlich nicht zwischen beiden, die
Handlung sei gähnend öde und die
Action lausig.
Das ist sie sogar. Es gibt mehrere
Verfolgungsjagden, darunter eine mit
Booten in den Kanälen Venedigs, die
transusiger nicht sein könnte. Die
Boote fahren so langsam, als nähmen
sie an einer Rentnerregatta für
Tretboote teil. Liebe, Küsse,
Intimitäten im Tunnel of Love,
Venedig, der Stadt der Liebe?
Laszive Erotik, knisterndes
Betten durchwühlen, vielleicht wie im
ähnlichen, gar nicht mal so
schlechten und sehr freizügigen Jolie "Original Sin"? Gekniffen, ist
nicht. Und vor allem nicht
freizügig, Küsse sind schon das
Einzige. Dann will er lustig sein,
setzt auf Depps unterhaltsame
Ich-bin-gerade-unsicher-will-mir-aber-nichts-anmerken-lassen-ach-und-übrigens-bin-ich-niedlich
Nummer und reagiert typisch Depp auf
alle Gefahren, aber „Die nackte
Kanone“ ist’s auch nicht. Auch kein
spannender Thriller ala Depps "Gegen
die Zeit", der den Caper des
Geschehens zum nervenaufreibenden
Wettkampf um Leben und Tod macht –
an das Finale aus „Casino Royale“
erinnert hier nüscht. Dann wären da
noch die wahrscheinlich albernsten
Karikaturcartooncomiccops überhaupt.
Angeführt von Paul Bettany und
Ex-Bond Timothy Dalton, gehören die
Beschatter zu den unfähigsten, da
auffälligsten und
unprofessionellsten ihrer Art.
(Amüsant: der Film vom Regisseur von
Abhörfilm Klassiker "Das Leben der
Anderen" beginnt seinen neuen direkt
mit einer weiteren Abhöraktion. Wer
aufmerksam ist, sieht übrigens Ralf
Moeller in einem Cameo).
Ein absehbar vernichtendes Urteil
bis hier her, doch wie es aussieht,
folgt noch mehr Text. Noch mehr
Mecker-Motzerei über Depps
Tourismusausflug, vielleicht über
seine Frisur, über Jolies gehobenes
Kinn? Gegenfrage: wieso sind Film,
Jolie und Depp plötzlich für Golden
Globes nominiert? Spinnen die gut
gläubigen Globetrotter? Sie haben es
eventuell übertrieben mit ihrer
Lobhudelei, denn preisverdächtig ist
hier wirklich nichts, aber „The
Tourist“ ist letzten Endes
tatsächlich kein schlechter Film und
dass Jolie und Depp nicht
miteinander ausgekommen sein sollen
– sollte es der Fall sein, sie
lassen es sich nicht anmerken. Beide
spielen interessante Rollen; sie als
elegante Dame von Welt, die sich mit
Milliardären umgibt, er als
paddeliger Durchschnittstyp von
nebenan, der nicht von ihr lassen
kann. Sie strahlt die Faszination
aus, die sie haben muss, er die
Waghalsigkeit, die er aufbringen
muss, um sich dem Schlamassel zu
nähern. Und ja, sie harmonieren
zusammen. Ihre emotionale Distanz
stört nicht als Diskrepanz, da genau
das in der Handlung beabsichtigt
ist.
Man
könnte "The Tourist" vom Ton her
wohl am ehesten mit den beiden
Brosnans "After the Sunset" und "Die
Thomas Crown Affäre" vergleichen;
theoretisch spannende Plots,
Verwicklungen, die neugierig machen,
überraschende Wendungen und jede
Menge kleiner Humor sorgen für
solide Unterhaltung - sofern man die
beiden Hauptakteure mag. Das und
eine vollkommen offene
Erwartungshaltung sind
Pflichtbedingung, um den Touristen
zu mögen. Kommt man für Action,
Thrill, Spannung, Witz, Handlung,
Romantik, leckt die Gondel des
Touristen so schnell, dass der Film
schon nach zehn Minuten absäuft und
nicht mehr gerettet wird. Jeder
geworfene Rettungsring trifft
vielleicht noch am Kopf und schubst
von der rettenden Trümmertür, die
vor Schlimmeren bewahren kann. Mag
man die zwei jedoch und findet sich
in die charmante Stimmung und gar
nicht mal so schlechte, zwar
unlogische Handlung, weiß "The
Tourist" zu gefallen. FHVDs
Regie ist allenfalls solide, wird
aber dadurch maskiert, dass es im
anschaulich eingefangenen Venedig
spielt, und Depp und Jolie gut
aussehen.
Nicht der erwartete, anspruchsvolle
neue Henckel von Donnersmarck, aber
ein loftig-leichtes Kaliber, das früher auch zu
Stars wie Cary Grant, Tony Curtis
oder Jack Lemmon gepasst hätte. Kein
großes Kino, aber das muss es ja
auch nicht immer sein.
Fazit:
Schätzt man den Film als irgendetwas
Bestimmtes ein, wird man ungeheuer
enttäuscht sein, da er das, egal,
was man sich auch erwarten mag,
nicht ist. Wichtig ist, dass man
Depp und Jolie mag, denn ihre
Sympathien tragen den Film fast
komplett, der
ansonsten larifari halbspannendes,
halblustiges, halbromantisches Halbhalb ist. Einen Blick wert.
6 / 10
10
- Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel
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