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KRITIK:
The Tourist
von Christian Westhus
THE
TOURIST
(2010)
Regie: Florian Henckel von
Donnersmarck
Cast: Johnny Depp Henckel von Donnersmarck, Angelina Jolie Henckel von
Donnersmarck
Story:
Um die Polizei auf eine falsche
Fährte zu locken, soll die Freundin
(Angelina Jolie) eines gesuchten
Großverbrechers in einen Zug steigen und
sich zu jemanden setzen, der ihm
ähnlich sieht. Der Glückspilz ist
Frank (Johnny Depp), ein Mathelehrer
aus Wisconsin, der der Schönen
erliegt und ihr in ein Abenteuer
nach Venedig folgt.

Kritik:
Man stelle sich einen jungen,
aufstrebenden Filmemacher aus
Deutschland vor, der für seinen
Debütfilm einen Oscar in die Hand
gedrückt bekommt und dann forsch
entscheidet, direkt in die USA
umzusiedeln, um ein paar Jahre
später mit einem Werk wie diesem um
die Ecke zu kommen. Was genau
Florian Henckel von Donnersmarck
bewogen hat, dieses aufgeblasene
Starvehikel zu seiner ersten
US-Visitenkarte zu machen, das noch
dazu ein Remake eines französischen
Films ist, bleibt unklar. Den hübsch
gefilmten Reigen leitet er zwar mit
einer ans Parodistische grenzenden
Überwachungssequenz ein, aber sonst
gibt es nicht viel zu holen. Weder
für den Regisseur, noch für den
Zuschauer.
Hier scheint sich jeder auf den
Anderen verlassen zu haben. Depp
verlässt sich auf Jolie, die
wiederum auf Depp und von
Donnersmarck auf seine Stars. Am
Ende steht man verlassen im schönen
Venedig und beguckt sich die hübsche
Stadt und vielleicht noch die
hübschen Roben von Jolie und fragt
sich, was das alles sollte. „The
Tourist“ will romantische
Agententhrillerunterhaltung sein,
mit ein wenig Hitchcock Flair und
gediegener Optik, ist wenn überhaupt
aber nur Letzteres. Dabei häufen
Drehbuch und Film entsprechend
diverse Stile und Stimmungen an, die
jedoch nicht zusammen passen.
Zumindest nicht so, wie die Regie
sie präsentiert. „The Tourist“ ist
kaum wirklich witzig, ist kaum
wirklich spannend und so durch die
Bank schläfrig, dass auch das
Venedig Panorama schnell langweilt.
Angefangen bei der affigen
Überwachung zu Anfang, schleppt sich
der Film ewig lang und behäbig von
einem Ortswechsel zum nächsten. Aus
Paris in den Zug, nach Venedig, ins
Boot, ins Hotel, ins Schlafzimmer
und aufs Dach.
Gut
möglich, dass Herr Henckel von
Donnersmarck eine bewusst ruhige,
altmodische Inszenierung im Sinn
hatte. Allein es funktioniert nicht.
Während Hitchcock im Vorbild „Über
den Dächern von Nizza“ leichtfüßig
und gewitzt Spannung mit Romantik
verbinden konnte, zerfällt hier ein
generisches Script in den Händen
eines entweder desinteressierten
oder überforderten Regisseurs, der
weder die Stile, noch die Stars zu händeln weiß. Aber die beiden
vielleicht größten Filmstars unserer
Zeit waren selbst schon mal
motivierter. Depp spult den wirren
Naivling mittlerweile derart
gelangweilt und uninspiriert ab,
dass man ihm kaum übel nehmen kann,
dass er hier nur schluffig und
verwirrt durch die Szenerie
stolpert. Dass er die italienischen
Behörden und Hoteliers durchweg
verzweifelt mit Spanisch um Hilfe
bittet, ist da nur ein kleines,
amüsantes Detail einer launigen
Figur, die wenig Interessantes
bietet. Jolie hingegen zelebriert
ihre Funktion als knochiger
Kleiderständer und stolziert den
Hintern wedelnd in neckischen
Fummeln durch Hotels und Ballsäle
und zieht natürlich immer sofort
alle Blicke auf sich. Hier ein
verführerischer Augenaufschlag, dort
das Kinn etwas hervorgestreckt und
die Lippen gespitzt. Viel mehr hat
sie nicht zu tun, abgesehen vom
ständigen Hin und Her, weil sie der
geliebte Gangster, den ihre Elise
wiedersehen will, mit kryptischen
und teils blödsinnigen Aufgaben
durch die Weltgeschichte schickt.
Besagter Gangster namens Alexander
Pearce wird von britischen Behörden,
Interpol und anderen Gangstern
gejagt und ist mit chirurgisch
verändertem Äußerem getarnt in
Venedig, um Elise zu empfangen.
Damit schleppt der Film einen
personalen, jedoch lange nicht zu
sehenden MacGuffin mit sich herum,
der eigentlich die einzige
Motivation ist, warum hier Person A
auf Person B oder C trifft. Kann man
so machen, wenn denn diese Treffen
irgendeinen zündenden Funken
aufweisen. Jolie und Depp
schlafwandeln aneinander vorbei und
dass beide irgendwann total in
einander verschossen sein sollen,
wird auch nur klar, weil es einfach
mal direkt ausgesprochen wird. Der
Agentenrambazamba lässt Paul Bettany
unwahrscheinlich beknackte Dinge am
Computer tun und unwahrscheinlich
uninspirierte Dinge ins Telefon
sagen. Timothy Daltons Rolle bietet
exakt gar nichts, außer dass er an
einer Stelle den entscheidenden
Impuls geben kann. Ein Deus Ex
Machina Effekt, weil das Script
nicht wusste, wie es sonst das
gewünschte Ziel erreicht.
Die teilweise russischen Ganoven
sind klischiert, aber immerhin ganz
charismatisch in ihrer
überkandidelten Dekadenz und
Kaltschnäuzigkeit. Sie hetzen
besonders Johnny Depp als
normalsterblichen Touristen Frank
durch die Kanäle der Stadt, weil man
Depp für besagten Alexander Pearce
hält. Eine Flucht, ganz wörtlich
über die Dächer von Venedig, will
witziger sein, als es der Szene gut
tut und eine Bootsverfolgungsjagd in
gefühlter Zeitlupe ist derart
narkotisierend und unspektakulär,
dass man schon fast von einer
Parodie sprechen könnte. Dafür fehlt
aber ein bewussterer Umgang mit
Ironie und dafür fehlen einfach mehr
witzige Stellen. Diese werden von
ein paar kaltblütigen Morden
unterlaufen und irgendwann stolpert
der in schönen Farben gehaltene und
nett beleuchtete Film über die
eigene Logik, wenn Humor, Romantik
und Agenthrill im Finale
kulminieren. Die Auflösung riecht
man leider leicht und schnell einige
Meilen gegen den Wind und als das
Charadespiel dann endet, hat der
Film sein mickriges Pulver auch
schon verschossen und segelt so
unspektakulär davon, wie er gekommen
ist.
Es ist nicht unmöglich, mit dem
ungefährlichen Starvehikel eine
angenehme, kurzweilige Zeit zu
haben, sich entspannt
zurückzulehnen, während sich schöne
Menschen an schönen Orten
zurücklehnen. Die Musik von James
Newton Howard trägt zwar meist viel
zu dick auf, ist für sich aber sogar
ganz angenehm. Irgendwie charmant
ist Depps schon tausendmal gesehener
Wirrkopf ja immer noch und wenn es
schon nicht harmonisch
zusammenpasst, so können
Einzelszenen für sich als kurze,
spaßige Momente herhalten. Das
rettet den Film aber nicht und das
dürfte einem selbstbewussten Mann
wie Florian Henckel von Donnersmarck
nicht genügen, denn für dieses
aufgeblasene, letztendlich
seelenlose und unergiebige
Hollywoodgefährt wird er
geradestehen müssen, während Depp
und Jolie einfach zum nächsten Film
springen und mit dem Gehaltscheck
die Häme wegfächern, die ihre im
besten Fall routinierten Leistungen
heraufbeschwören.
Fazit:
Weder Fisch noch Fleisch. „The
Tourist“ ist ein unausgegorenes
Nichts, das weder wirklich witzig,
noch sonderlich spannend oder gar
actionreich ist. Die behäbige
Inszenierung und das gelangweilte
Spiel der beiden Stars enttäuschen
und nette Einzelmomente reichen
eigentlich nicht aus.
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