BG Kritik:

The Walk


Hat BG vor 10 Jahren gegründet und seither eine Menge neuer Filme gesehen. War als Redakteur für GameStar und Gameswelt tätig.

The Walk (US 2015)
Regisseur: Robert Zemeckis
Cast: Joseph Gordon-Levitt, Ben Kingsley

Story: Die Geschichte eines der verrücktesten Stunts aller Zeiten. 1974 wagt der unverbesserliche Straßenkünstler Philippe Petit einen ungesicherten Drahtseilakt zwischen den Türmen des World Trade Centers.

Balance-Akt.

JGL spielte u.a. Cobra Commander in dem ersten GI Joe Film


The Walk vom Zurück in die Zukunft Regisseur Robert Zemeckis griff angestrengt nach den Sternen, fiel aber wie die Graysons zum Boden herab. Im Kino sehen wollte den Kletterkram kaum einer, ganz gleich, wie hip die 3D Trailer den Film mit „Robin“ John Blake auch aussehen ließen. Ein Franzose auf einem Seil? Wer das Konzept nicht direkt langweilig fand, der kannte vermutlich bereits die exzellente Doku Man on a Wire, in der es bereits um das gleiche ging. Verbleibende Zielgruppe demnach vermutlich zero, weswegen der Film daheim bloß läppische 10 Millionen einspielen konnte. Verdienterweise? Nicht unbedingt.

Das maßgebliche Problem des Films sind seine ersten zwei Drittel, die nicht mal schlecht, allerdings nicht wirklich sonderlich gut sind. Sie handeln davon, Petits überschwengliche Lebensfreude, seine Kunst, seine Partnerin und seine Ideenfindungen vorzustellen. Kennt man den echten Petit, weiß man, dass er ein exzentrischer Franzose mit starkem Akzent ist. Joseph Gordon-Levitt kämpft mit dem Drahtseilakt, Petits Art zu imitieren, ohne zur stereotypischen Baguette/Cigarette Witzfigur zu werden. Es ist schwierig, da Petit selbst ein beinahe karikaturhafter Exzentriker ist. Ihm gelingt es ebenfalls, Petits mitreißende Mitmach-Stimmung zu demonstrieren. Was ihm jedoch entfällt, ist Substanz. Petit ist ein heiterer, spaßiger Vogel, aber ein eindimensionaler, umgeben von recht uninteressanten Helfern und Freunden.

In der Theorie hätte das zweite der Drittel besser klappen müssen. Darin bereitet sich Petit auf den Akt und den damit verbundenen Einbruch vor. Um auf das World Trade Center Dach zu gelangen, müssen Petit und seine Mitstreiter die Wachleute ausspionieren, sie austricksen und sich vor ihnen verstecken (Achtung: Tom Hanks Cameo!). Klingt spannend, ist im Film aber leider ebenso lasch und oberflächlich inszeniert wie der flausenhafte Einstieg. Erst zur Hauptperformance, wenn Petit dann wirklich auf das Drahtseil tritt, legitimiert sich The Walk als ordentlicher Film Zemeckis‘. Sobald Petit seine ersten Schritte tätigt, findet Zemeckis sogar zu der Filmmagie zurück, mit der er einst für uns groß wurde. Die einen Marty McFly schuf, oder einen Wilson, den Volleyball.

Unbedingt nachholen: die Dokumentation Man on a Wire


Obgleich die Idee, auf einem Seil zwischen zwei offenkundig computeranimierten Gebäuden herumzutrippeln relativ unbesonders für eine Filmszene scheint, gelingt es Zemeckis verblüffend wirkungsvoll zu veranschaulichen, was für ein schwindelerregender Höhenkollerwahnsinn es ist. In über 400 Metern Höhe ungesichert auf einem wenige Zentimeter breiten Drahtseil zu stehen ist fraglos unbeschreiblich, und der Film simuliert es auf grandiose Weise. Im Kino bekamen viele Zuschauer angeblich Schwindelerlebnisse, und entgegen vieler Marketingslogans a la „so heftig, dass viele rausgehen mussten“ lässt sich das tatsächlich glauben. So dermaßen gut ist die Inszenierung der Höhe, so dermaßen packend ist Zemeckis‘ Inszenierung von Petits folgenden Faxen auf seinem wahr gewordenen Luftschloss. Neben dem Extremsportlerhigh Petits vermag es Zemeckis übrigens ansehen zu lassen, was ihm die Verwirklichung dieses Traums bedeutet, und erst hier gewinnen Film und der heitere Luftikus an Substanz. Spät, aber immerhin.





Scoreveteran Alan Silvestri unterstreicht die Verspieltheit des Tons, der lange an Spielbergs Catch Me If You Can erinnert, und akzentuiert die spannenden Momente ebenso effektvoll. Interessant ist, dass The Walk einer der ersten großen Hollywood-Filme ist, der sich nach dem 11. September stärker um das Gebäude drehen. Zweifellos schwingt also Wehmut mit, vor allem wenn Ausländer Petit es zum ersten Mal von nahem sieht. Keine Frage, der Film erinnert sehr liebevoll an die Gebäude und zeigt sie ausschließlich im besten Licht. Gleichzeitig kommentiert er den Lauf der Dinge, dass Straßenmagie eigentlich etwas ist, das zeitlos sein sollte, heutzutage aber an Publikum verliert. Denkt man nun daran, dass es heute Fünfzehnjährige gibt, die in einer Welt ohne WTC aufgewachsen sind, für die Straßenkunst kein Begriff ist und die auf Youtube begeistert waghalsige russische Teenager verfolgen, die mit GoPros ungesichert auf alten Türmen und Kränen herumklettern, für die ist ein Film über einen Stunt von vor 40 Jahren auf einem Gebäude, das selbst seit 15 Jahren weg ist, ein komisches Thema. Scheinbar ein uninteressantes, für die Gegenwart. So wie Filmmagie?

Fazit:

The Walk‘s Walk an sich bekäme eine glatte 10/10. Eine schwindelerregende, tricktechnisch umwerfende Sequenz, die staunen lässt und die Möglichkeiten von 3D beispielhaft ausnutzt. Leider kommen da aber noch 90 andere Minuten vorher, mit lauwarmer Lovestory und bloß brauchbarem Ocean’s 11 Einbruch. Zwei lange Akte, die ohne Zweifel tiefenlos, aber tief im Schatten seines monumentalen Schlussakts stehen. The Walk ist nie wirklich schlecht, aber schlecht darin, mit der wesentlich packenderen Dokuvorlage Man on a Wire mithalten zu können.

7,5 / 10
10 - Meisterwerk // 8-9 - sehr gut // 6-7 - gut // 5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend // 0-2 - gar nicht mal so gut

Dir gefällt BG? Unterstütz uns mit einem Klick auf

> Lies alle Meinungen zum Film! (226)

bereitsgesehen.de - Lass uns über Filme sprechen! - Home - Kritiken - Community - Specials - Impressum
Copyright 2017 bereitsgesehen.de, alle Rechte vorbehalten
bereitsgesehen.de ist nicht für die Inhalte verlinkter Websites verantwortlich