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Kritik:
The Ward


von Christian Mester
BG Chefredakteur, schrieb für Gamestar und Gameswelt, war Projektleiter für Kinofilm-Marketing, hat offensichtlich längst zu viele, aber noch immer viel zu wenige Filme gesehen...

THE WARD (2011)
Regie: John Carpenter
Cast: Amber Heard, Jared Harris, Lyndsy Fonseca, Danielle Panabaker

Story:
Als Kristen (Amber Heard) in den 70ern in eine Anstalt für Geisteskranke eingeliefert wird, wehrt sie sich mit Händen und Füßen gegen die Pfleger. Wieso sie ein Haus in Brand gesteckt hat, wegen dem sie eingewiesen wurde, und was davor war, weiß sie nicht mehr. Umgeben von tatsächlich Verrückten und bedroht von den verschiedenen Betäubungsmaßnahmen des Anstaltsleiters ala Einer flog über das Kuckucksnest sieht Kristen nur einen Ausweg. Entschlossen versucht sie auf jedem erdenklichen Wege zu fliehen, was sich jedoch schnell als außerordentlich schwierig herausstellt. Kniffliger wird es noch, als ein ortsansässiger Geist auftaucht und langsam anfängt, die anderen Mädchen umzubringen und infolge dessen auch Kristen nach dem Leben zu trachten. Mutig widersetzt sich Kristen daraufhin menschlichen und übernatürlichen Gefahren, versuchend, die Institution eiligst zu verlassen, bevor sie an der Reihe ist, ihren Verstand oder ihren Mut zu Fliehen verliert.

Kritik:
Ob Halloween - Die Nacht des Grauens oder The Fog - Nebel des Grauens, Kultregisseur John Carpenter war einmal für lange Zeit der Großmeister des Grauens. Heute dürften seinen Namen allerdings nur noch die wenigsten kennen; wie auch, veröffentlichte Carpenter seinen letzten Kinofilm Ghosts of Mars mit Jason Statham vor zehn Jahren, seinen letzten wirklich relevanten Film Die Mächte des Wahnsinns vor siebzehn Jahren. Still geworden war es um den in Fankreisen hoch geschätzten Filmemacher, der sich nach unzähligen Konflikten mit Producern und finanziellen Enttäuschungen - sein heute gelobter Genre-Klassiker Das Ding aus einer anderen Welt floppte damals entgegen aller Erwartungen - zehn Jahre lange aus Hollywood fern hielt und in Frührente ging. Carpenter verfolgte die Spiele der NBA, spielte zuhause monatelang Videogames und konnte sich nur zweimal kurz dazu aufraffen, zwei schwache Episoden für die TV-Kurzfilmreihe Masters of Horror zu inszenieren. Dann wollte er es plötzlich wieder wissen und begab sich 2009 erstmals wieder hinter die Kamera um den klassischen Geisterfilm The Ward mit Amber Heard zu inszenieren. Nach langer Wartezeit und nur kleinem US-Start landet der Film nun endlich auch bei uns, doch ist sein Comeback-Streifen nun ein neuer Klassiker vom Schlage eines Halloween?

Gute Gruselgeschichten fangen meistens damit an, dass schon die gewählte Handlungsumgebung an sich Atmosphäre schafft. Ein Gefängnis ist bereits ein unheimlicher Ort, doch in einer Anstalt für Geisteskranke ist man nicht nur physischer Gefangener; die Verrücktheit und Unberechenbarkeit der anderen Gefangenen nagen wie auch die aufgezwungenen Sedative unentwegt am Verstand, bis man irgendwann einmal selbst nur noch lullend in der Ecke sitzt und harmlos bis ans Ende aller Tage bunte Bauklötzchen stapelt. Wie soll man die Fachschaft je davon überzeugen, doch nicht verrückt zu sein? Viele Wahnsinnige sind gut darin, ihren Wahnsinn zu verbergen. Ein erstklassiges Setting also, das in Carpenters Film jedoch nur partiell ausgenutzt wird. So ist die Anstalt lediglich eine Ansammlung von Barrikaden zwischen Kristen und ihrer Freiheit, und Carpenter vermag es nicht, ihren trüben Aussichten ansprechend Ausdruck zu verleihen. In erster Linie liegt dies an einer viel zu kurzweiligen Regie, denn bis auf einige geringfügig gelungenen Spannungsmomente hastet Carpenter regelrecht durch seine Szenen. Weil er sich keine Zeit nimmt, die Szenen atmen zu lassen, führt es dazu, dass selten bis nie Atmosphäre aufkommen will.

Anfangs ist es noch interessant mit anzusehen, wie Kristen (nett gespielt von Amber Heard, Drive Angry - Fahr zur Hölle) sich ihrer vielen Widersacher erwehrt, doch ihre Rolle verliert schnell an Faszination, da sie sehr einsilbig ausfällt. Kristen ist rebellisch und will fliehen - wesentlich tiefergehender ist ihre Figur jedoch nicht. Ähnliches lässt sich an der restliche Besetzung bemängeln, denn die verrückten anderen Mädchen und auch der residierende Doktor (Jared Harris, der Professor Moriarty aus dem nächsten Sherlock Holmes) halten sich zu bedeckt, haben keine wirklichen Charaktermomente. Was schließlich bleibt, ist eine oftmals fast schon actionreich wirkende Aneinanderreihung von Fluchtversuchen, die spät Horrorelemente hinzu gewinnt, als der ominöse Geist dazu stößt. Dieser ist ein Mädchen mit schwarzen, moddrigen Haaren, die nicht von ungefähr an die Geister aus The Ring und The Grudge erinnert und nur gelegentlich auftaucht, um in vergleichsweise platten Schockmomenten auf sich aufmerksam zu machen. 

Aufgrund der großen Ähnlichkeiten bleibt es leider nicht aus, The Ward mit Martin Scorseses hervorragendem Shutter Island zu vergleichen. Shutter Island mag einen noch besseren Regisseur, höheres Budget und eine insgesamt stärkere Besetzung haben, doch die größten Schwachstellen The Wards ergeben sich auf anderer, auf umsetzbarer Ebene. So wird The Ward zum einen von einem belanglosen 0815-Score untermalt, während gerade die Klangwelten in Shutter Island sehr zur Atmosphäre beitragen. Ein Spielplatz, auf dem Carpenter sich eigentlich auskennen muss, bestachen seine 80er Horrorfilme doch alle durch stimmige Synthi-Soundtracks (hier gab er den Score an einen anderen ab). 

Hinzu kommt, dass es dem Film an Intensität fehlt. Dass Kristen droht, wahnsinnig zu werden, dass ihr inmitten des Gefängnisses Wärter, Verrückte und auch noch ein übernatürliches Wesen an die Gurgel wollen, erscheint zu unspektakulär. Sie ist eine starke Persönlichkeit und bricht irgendwann, doch es kommt nie dazu, dass man ihre tatsächliche Angst oder Verzweiflung mitfühlen kann. Auch fehlt es den Figuren schon im Drehbuch an interessanteren Facetten; durchläuft DiCaprios Figur in Shutter Island eine wahre Achterbahn an Ängsten und Überlegungen, bleibt Kristen eindimensional. Zu sehr lehnt sich The Ward darauf, dass ein als schockierend gedachtes Ende die vorherigen Schwächen vergessen lassen soll, doch dem ist gewiss nicht so: das überraschende Finale ist früh absehbar und äußerst schwach gewählt; einzig "es war alles nur ein Traum" wäre eine noch schlechtere Wendung.

Fazit:
Für John Carpenter Verhältnisse ist The Ward eine echte Enttäuschung geworden, denn niemand würde vermuten, dass hier ein Kultregisseur zu Werke ging. Geht man ohne wirkliche Erwartungen ins Kino, erlebt man annehmbare Durchschnittskost, die weit besser ausfielen würde, gäbe es die höchst absehbare Wendung am Ende nicht und hätte man sich darauf konzentriert, das Schaurige noch weiter zu intensivieren. Summa sumarum ein mittelprächtiger Horrorfilm mit einigen spannenden Momenten, dem es leider an nennenswerten Highlights fehlt.

4,5 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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