Kritik:
Dame, König, As, Spion
von
Christian Westhus
TINKER TAILOR SOLDIER SPY (2012)
Regie: Tomas
Alfredson
Cast: Gary Oldman, Tom Hardy, Benedict Cumberbatch, Colin Firth, Mark
Strong, Toby Jones
Story:
Die 1970er Jahre, mitten im Kalten Krieg. George Smiley (Oldman)
arbeitet beim britischen Geheimdienst. Nach einer verpatzten Aktion im
Ausland, nimmt die Führung um Chef
„Control“ (John Hurt) ihren Hut. Smiley wird in den
Ruhestand gezwungen. Doch kurz darauf macht ein Verdacht die Runde,
dass sich ein kommunistischer Doppelagent bei den britischen
Geheimdienstlern eingenistet hat. Ein Spion, der wichtige Information
weiter gibt oder verdeckt hält. Smiley und eine kleine Gruppe
Vertrauter machen sich daran, den Verräter zu finden und
decken eine komplexe Verschwörung auf.
Kritik:
John le
Carrés gleichnamiger Spionageroman von 1974 gilt als
Meilenstein des Verschwörungsgenres. 1979 bereits mit Sir Alec
Guinness in der Hauptrolle als TV Miniserie verfilmt, hat die
Neuverfilmung weniger als die Hälfte der Zeit, die komplexe
Handlung aus Täuschung, Lüge, Verrat und
allumfassendem Misstrauen zu entspinnen und zu einem goutierbaren
Ganzen runter köcheln zu lassen. Gleichzeitig ist der Film
auch das englischsprachige Debüt des schwedischen Regisseurs
Tomas Alfredson, der mit „So finster die Nacht“
bereits eine Romanadaption stemmte und damit nicht weniger als ein
Meisterwerk mit globalem Anklang ablieferte. Und weil Vorlage,
Erstverfilmung und Regisseur mit einer ganzen Wagenladung an Prestige
und vorhergehenden Erwartungen ankamen, versammelte sich die halbe
(männliche) Schauspielprominenz Großbritanniens, um
die Geheimdienstler vom „Circus“ zu
verkörpern. Prominenz war hier aber glücklicherweise
gleichzusetzen mit Qualität, denn das Ensemble ist schlicht
großartig.
Die
Männer vom MI6 leben mit Doppelnamen, Codewörtern, in
ständiger Umgebung von Betrug und Verrat. Sie befinden sich in
der europäischen Hauptzentrale der Überwachung,
beschatten Leute, lassen Telefongespräche abhören und
bilden vor allem den Knotenpunkt zwischen den Ost- und
Westmächten, wortwörtlich mitten im Kalten Krieg.
Für ein Privatleben haben die Männer wenig Zeit und
müssen es wenn überhaupt mit der Arbeit verbinden.
Niemand kann es sich leisten, will man in der Organisation einen
halbwegs sicheren und lukrativen Stand haben, dem Partner oder
außenstehenden Freunden auch nur irgendwas anzuvertrauen.
Entsprechend reserviert treten die Männer in den schicken 70er
Jahre Anzügen auf, geben nur wenig von sich preis, ganz
konzentriert auf den Job und die aktuelle Problematik. Und George
Smiley, mit seiner Jahrzehnte langen Erfahrung, hat das reservierte
Auftreten perfektioniert. Die Eheprobleme, die er nicht zum ersten Mal
durchmacht, haben sicherlich ihren Ursprung in Georges wortkargen,
unaufgeregten und emotional wasserdicht abgeschotteten Art. Und Gary
Oldman, der für diese Rolle seine (unglaublich!) erste
Oscarnominierung erhielt, gelingt es, unter dieser einsturzsicheren
Mauer aus Mantel, Hornbrille und strengem Scheitel Smileys
Persönlichkeit spürbar zu machen, ihm
tatsächlich Emotionen zu entlocken, das Innere immer mal
wieder ganz subtil aufbrechen zu lassen. Eigentlich könnte man
sagen, Oldman habe nicht mehr zu tun, als zu sitzen, zu stehen und Text
aufzusagen, doch tatsächlich spielt sich noch viel mehr ab.
Gary Oldman steht im Zentrum der
enorm verschachtelten Ermittlungen, in denen natürlich auch er
selbst einen Verdächtigen abgibt. Mit verschiedenen parallel
verlaufenden Handlungssträngen, einem beachtlichen Ensemble
und verzweigten Rückblenden, gibt sich der Film wie der Fall
selbst. Träge, schwer, teils undurchdringlich und am Ende doch
so glasklar und eindeutig. „Dame, König, As,
Spion“ ist altmodisches Filmemachen und in seiner
zeitdehnenden Ruhe und Gemächlichkeit ein Unikum in der
heutigen Filmlandschaft. Mehr noch, wenn man sich das Spionagegenre in
anderen Filmen anguckt. Doch Tomas Alfredson beweist mit diesem Film,
dass er nicht nur Vampire inszenieren kann. Mit einem fantastischen
Ausstattung und einer grandiosen Kameraarbeit fängt er das
Setting der britischen 70er und des Geheimdienst-Milieus perfekt ein.
Authentizität quillt, so meint man, aus nahezu jeder Pore, aus
jedem Knopf am Maßanzug. Grandios füllt Alfredson
die Bilder aus, positioniert Menschen, Requisiten und Licht mit einem
tollen Gespür für detailreiches Erzählen und
subtilen Spannungsaufbau. Es gibt nahezu keine einzige Szene, in der
das Tempo wirklich angezogen wird und doch umgibt den Film eine
ständige Atmosphäre des Unbehagens, des Misstrauens
und Verdachts. Genau die Atmosphäre, die auch auf Smiley und
seine zwei, drei Vertrauten wirkt.
Trotz introvertierter,
abgeschotteter Figuren und obwohl der Film wenig Zeit darin investiert,
gibt er dennoch einen wirkungsvollen Blick ins Privatleben der
Männer vom Geheimdienst. Darum geht es letztendlich (u.a.)
auch; was ein Leben im Geheimen, umringt von Misstrauen und Verrat,
Kontrolle und Überwachung, aus den Mitspielern macht. Neben
Oldman spielen sich insbesondere Tom Hardy (Inception, Bronson) und
„Sherlock“ Benedict Cumberbatch in den Vordergrund.
Ihre Figuren erhalten Momente, mal nur einen kurzen Augenblick, mal
eine größere Nebenhandlung, die sie greifbarer
macht, die durch die errichtete Mauer blicken lässt. Denn
beide gehören zur neuen, jüngeren Generation, haben
sich noch nicht derart in sich selbst zurückgezogen wie
Smiley, der auch von den sexuellen Nöten einer ehemaligen
Kollegin nichts wissen will. Zu sehr ist er darauf bedacht, den
Maulwurf zu finden, den Doppelagenten aus dem
„Circus“ zu jagen. Smileys Jagd macht –
man hat es kommen sehen – im letzten Drittel ein paar
übereilte Schlenker, mit einigen Zufällen, die
schneller als nötig auf die Zielgeraden führen. Das
grandios gespielte und montierte Ende, der Epilog quasi,
entschädigt dafür mit einem emotional vielschichtigen
und höchst spannenden Schlussakkord, der sämtliche
Längen oder zu offensichtliche Konstruktion zunächst
mal vergessen macht. Denn auch der möglicherweise enttarnte
Doppelagent und sein Motiv sind nicht so interessant, wie die
Reaktionen von Menschen im Umfeld.
Fazit:
Langsam
und langatmig, aber lohnend. Spannendes Spionagekino der ruhigen Art,
in einer enorm edlen, visuell exquisiten Inszenierung und mit einem
großartigen Ensemble.
8 /
10
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