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Kritik:
Total Recall


von Christian Westhus

TOTAL RECALL
(2012)
Regie: Len Wiseman
Cast: Colin Farrell, Kate Beckinsale, Jessica Biel, Bryan Cranston

Story:
Die postapokalyptische Welt der nicht allzu fernen Zukunft ist in zwei große Territorien aufgeteilt. Arbeiter Doug Quaid lebt in der „Kolonie“, das ehemalige Australien, arbeitet jedoch in der Vereinten Föderation Britanniens. Vom monotonen Alltag geplagt, nimmt Quaid die Dienste von ‚Rekall‘ war, um durch eingespeiste Schein-Erinnerungen ein Abenteuer zu erleben. Dabei stellt sich heraus, dass Quaid bereits ein Spion ist und vom mächtigen Kanzler Cohaagen gesucht wird, ohne Erinnerung an frühere Taten. Quaid flüchtet vor den Regierungsagenten und seiner eigenen Vergangenheit.

Kritik:
Dass die amerikanische Filmindustrie die Finger nicht von Remakes lassen kann, ist allgemein bekannt. Und tatsächlich gibt es schlimmere Ideen, als Paul Verhoevens Sci-Fi Wundertüte „Total Recall“ von 1990 mit den nötigen Veränderungen neu aufzulegen. Insbesondere dann, wenn ja auch eine literarische Vorlage im Spiel ist. Len Wisemans krawalliges Remake hat jedoch wenig Interesse an Philip K. Dicks Kurzgeschichtenvorlage und liefert mit der Grundidee der Erinnerungen eine Vorlage für Wortspiel-Häme, die man sich nicht entgehen lassen kann. „Total Recall“ 2012 ist schneller vergessen als man „Get your ass to Mars“ sagen kann. 

Paul Verhoeven war und ist ein Provokateur und lieferte 1990 ein grelles Spektakel ab, das zwar nicht die satirische Haltung von „RoboCop“ oder „Starship Troopers“ besitzt, aber dennoch gut in diese Reihe passt. Für Len Wiseman, dessen ganz eigener Stil noch immer nicht wirklich ersichtlich ist, ist „Total Recall“ nur ein weiterer Actionfilm ohne persönliche Note – abgesehen von Ehefrau Kate Beckinsale in einer der Hauptrollen. Die neue Marschrichtung macht schon der Anfang klar. Es beginnt direkt mit lärmiger Ballerei. Eine Situation, an die man sich gewöhnen sollte. Auch im Folgenden wird viel geschossen, wenig getroffen und viel über Dächer und Balkone gesprungen. Ständig geht etwas zu Bruch, ohne, dass „Total Recall“ zu einer Materialschlacht wie die Transformers Filme wird. Wobei man sich auch fragt, warum die hochgerüsteten, synthetischen super duper Polizeiroboter nie das treffen, was sie treffen sollten. Aber so lautet nun mal eine Regel des Actionfilms und TR 2012 ist genau das: Ein futuristischer Actionfilm. Nicht sonderlich clever, aber eben auch nicht wirklich beschämend dumm. Temporeich, nicht uninteressant, überwiegend solide inszeniert und trotz ausgedehnter Vakuumhandlung recht kurzweilig, ist die Chose kurz darauf schon nicht mehr der Rede wert. Während man sich bei den Transformers bei Nichtgefallen wenigstens zünftig aufregen kann, versumpft „Total Recall“ in abartig teurer Mittelmäßigkeit.

Mehr als einen Actionfilm mit ein paar neckischen Zukunftsideen (darunter ein Hand-Fon und ein absurdes Höllengefährt namens „The Fall“) und allerhand Radau gibt es hier nicht. Damit wird man weder dem übergroßen Schatten Philip K. Dicks gerecht, noch dem Verhoeven’schen Vorbild. Dass der Mars hier nur kurz am Rande mal erwähnt wird, gehört noch zu den geringsten Problemen. Verhoevens Film ist auch heute noch ein recht groteskes Unikum im Sci-Fi Actionbereich. Mit wilden Ideen, herber Gewalt und grell-schwarzem Humor wurde das Genrekino mehr parodiert, als weiter geführt. Während damals ausgerechnet Arnold Schwarzenegger (!) den amerikanischen (!) Durchschnittsmann (!!) gab bzw. diesen ironische überspielte, soll nun Colin Farrell genau das sein. Er ist fit und trainiert, doch Farrells Doug Quaid ist zweifellos eine Art Klischeeverkörperung des ‚down-to-earth‘ Kinohelden des 21. Jahrhunderts. Bei Len Wiseman hat fast nichts Bedeutung. Die Möglichkeiten der Rekall-Methode werden nur angerissen, Theorien über die Grenzen der Wahrnehmung und der Manipulierbarkeit des Verstandes werden nur mal banalst erwähnt – wenn überhaupt. Und genauso jammert Quaid im Prinzip ein einziges Mal über die Frustration des monotonen Alltags, ehe die Sache abgehakt ist und er nur noch damit beschäftigt ist Agent zu spielen bzw. zu sein. 1990 versuchte man den Zuschauer noch zu täuschen, zog ihm mitten im Film den Boden unter den Füßen weg und behauptete kurz darauf, der Boden sei nie weg gewesen. Ähnliches versucht auch das Remake, doch das einfallslose Script und Wisemans flotte Null-Substanz Regie versauen nahezu jede der insgesamt vielleicht drei Situationen, die Überraschungspotential bieten. 

Verhoevens Film war auch kein intellektueller Reißer und dennoch ist er, einmal gesehen, nahezu unvergesslich. Wisemans Film sackt dagegen ab. Also einfach das Hirn auf Sparmodus gestellt und dem dynamischen Duo Farrell/Biel dabei zusehen, wie sie vor Kate Beckinsale beim Jump & Run durch die lustig designte Zukunftswelt flüchten. Was aussieht, als hätte ein Neunjähriger mit Asien-Fetisch im Legokasten gewühlt, wirkt wie eine künstlich auf dreckig gebügelte Melange aus „Blade Runner“, „Minority Report“ und „I, Robot“. Wisemans Actionregie ist pure Show, die manches Mal zu cool sein will, insgesamt aber selten Langeweile aufkommen lässt. Die Effekte sind gut, aber nicht herausragend, ähnliches gilt für die Schauwerte generell, und die Darsteller funktionieren im Rahmen ihrer meist eher eindimensionalen Rollen einigermaßen gut. Am besten kommt noch Wisemans Frau Kate Beckinsale weg, die als Kampf-Zicke durchaus Spaß machen kann, aber ruhig noch häufiger mit Jessica Biel (blass, wie meistens) ins Frauenduell hätte gehen dürfen. Ob Quaids Suche nach seiner Vergangenheit, die Spionage, die zwei-Welten-Dualität oder die Machenschaften des Untergrunds – die Handlungselemente sind rein funktionelle Stationen in einer erschreckend geradlinigen Not-Handlung. Zu Popcorn und Cola kann man sich wahrlich Schlimmeres antun, doch auch in Zukunft wird man den Titel „Total Recall“ nur mit Schwarzenegger, Verhoeven, Mars und Kuato in Verbindung bringen.

Fazit:
„Total Recall“ 2012 ist sichtlich teure, lärmige und durchschnittlich reizvolle Sci-Fi Action, die wenig aus der Grundidee macht. Ignoriert man die Möglichkeiten, die sich geboten hätten, ist Len Wisemans Film ein bescheiden unterhaltsames Filmchen, das man sich ohne Scham angucken kann, dem ein wenig Humor aber sicherlich gut getan hätte.

6 / 10

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