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Kritik:
To the Wonder


von Christian Westhus

TO THE WONDER
(2013)
Regie: Terrence Malick
Cast: Olga Kurylenko, Ben Affleck, Rachel McAdams, Javier Bardem

Story:
Nach einem Besuch des Mont Saint-Michel, dem so genannten „Wunder“, nimmt Neil (Affleck) Französin Marina (Kurylenko) und deren Tochter mit nach Texas. Doch bald offenbaren sich Probleme, unter anderem mit Marinas Visum. Sie sucht Hilfe bei einem Priester (Bardem) und Neil bandelt mit einer alten High School Flamme (McAdams) an.

Kritik:
Terrence Malick war schon immer ein Regisseur, der seinen eigenen Weg ging. Das ging so weit, dass er auch mal zwanzig Jahre lang keinen einzigen Film drehte. Von einer neuen Produktivität beseelt, erscheint mit „To the Wonder“ eine Art Partnerfilm zu „The Tree of Life“. Ein Partnerfilm für einen Regisseur, der immer weiter forscht nach einer neuen Filmsprache, nach neuen Wegen Emotionen, Gedanken und Gefühle abzubilden und nachfühlbar zu machen. Malick dreht Material für drei Filme und findet dann im Schneideraum seinen Film. Ganze Nebenhandlungsstränge inklusive prominent besetzter Randfiguren fallen durch den Rost, auf der Suche nach dem „wahren Wesen“ des Films. Opfer waren hier beispielsweise Rachel Weisz und Jessica Chastain, deren Szenen nicht mehr zu finden sind, da der Film, den Malick im langwierigen Schneideprozess fand, ohne sie auskam. „To the Wonder“ ist dabei auch der erste Film des Regisseurs, der gar komplett ohne Drehbuch auskam. Malick erzählt keine wirkliche Geschichte mehr. Sein Kino ist Sinneskino, das von Assoziationen und Erinnerungen lebt. 

Vorbei die Zeiten vom romantischen Americana Realismus von „Badlands“. Auch einen Film wie „Der schmale Grat“ wird Malick wahrscheinlich nie wieder drehen. Zu weit hat er sich vom gewohnten Verständnis von Handlung und Narrative entfernt, schwebend in einer ganz eigenen Welt an der Grenze zum Experimentalfilm. Malicks Interessen aber sind so natürlich, universell und intim, wie sie nur sein können. Losgelöst vom überweltlichen, entstehungsgeschichtlichen Einfluss, der das ebenfalls intime Adoleszenzdrama in „The Tree of Life“ überragte, ist „To the Wonder“ auf irdische und persönliche Probleme beschränkt, ganz nah bei den Hauptfiguren, insbesondere bei Olga Kurylenkos Marina und ihrer Hilflosigkeit, vom Mann den sie begehrt angemessen beachtet und geschätzt zu werden. Und gerade deshalb, dadurch dass die Themen kleiner und intimer sind, ist dieser Film der wesentlich schwierigere. Malicks überlebensgroße Stilisierung, die poetische Bildsprache, die Musik und die lyrischen Off Kommentare sind ebenso häufig eher Hindernis denn Hilfsmittel, um die Personen und ihr Innenleben wirklich zu erfassen.

Malick ist kaum an den Darstellern interessiert. Darsteller sind mit Körper, Gesicht und Stimme die Pinsel, die Farben, mit denen Malick seine Landschaften bevölkert, sie mit Leben ausstattet. Das geht häufig genug gut, wenn insbesondere Kurylenko durchs Malick’sche Symbolarsenal tänzelt, wenn wolkenverhangene Himmel, hohe Gräser im Wind, die Brandung am Strand oder gar eine Herde Bisons diverse Assoziationen wecken, die durch die irreal andersweltlichen Voice Over Kommentare nach Möglichkeit verstärkt werden sollen. Doch der angeblich von realen Erfahrungen Malicks rund um Liebe, Landeswechsel und Beziehungsende inspirierte Reigen kann sich nie so sehr entfalten, wie es gedacht war. Mit viel Aufwand wird versucht das Innere abzubilden, statt sich dem leichten Äußeren hinzugeben. Ein bewundernswerter Versuch und doch wäre eine etwas klarere Handlung, wären ein paar richtige Dialogszenen hilfreich, statt die entrückten Darsteller aus dem Off Abiturienten-Freizeit-Lyrik aufsagen zu lassen. Insbesondere dann, wenn die Off Kommentare nur verkitscht wiederholen, was durch das Arrangement aus Musik und Bildern ohnehin schon spürbar gemacht wurde. 

Dass die Darsteller von sekundärem Interesse sind, dass sie mehr Symbole spielen, Erweiterungen der unterschiedlichen Landschaften, statt lebendige Figuren, fällt leider auf. Wie aus einem anderen Film scheint Javier Bardems Priester Quintana zu kommen, der predigt, aber von einer inneren Leere geplagt ist. Er befürchtet Gott verloren zu haben, sucht ihn und sein Wirken. Marina sucht Rat bei ihm, da auch er als Ausländer verloren scheint und suchend ist in einer neuen Welt. Doch wieder belässt es Malick bei Fragmenten, bei Phrasen und lyrischen Bildern. Quintana bleibt ein Fremdkörper. Ben Affleck – vielleicht zu berühmt für diese Rolle – ist ein lebloser Klotz. Neil soll ein schwieriger Charakter sein, Neil soll verschlossen sein, immer auf der Suche nach etwas Neuem, nie zufrieden. Doch Affleck ist zu bemüht, mit kaum mehr als drei wirklichen Dialogzeilen trotz Status als zweite Hauptrolle komplett allein gelassen im Meer aus Bildern und Tönen. Rachel McAdams kann ihre Figur in ihren wenigen Momenten recht lebhaft gestalten und doch ist auch sie nur ein Spielball im assoziativen Arrangement des Regisseurs. Es bleibt an Olga Kurylenko, die eh hauptsächlich im Vordergrund steht, Bezugsperson zu sein. Doch egal wie viel Zeit wir mit ihr verbringen, Malicks collagenartiger Erinnerungsstrom wirkt in seiner Zugehörigkeit schwammig, fast unpersönlich, als ginge es plötzlich doch um das universelle Verständnis von Liebe, Zuneigung und Sehnsüchten, statt um die beispielhaften Einblicke in die Liebe, Zuneigung und Sehnsüchte zwischen Marina und Neil.

Fazit:
Terrence Malick experimentiert, forscht nach einer neuen Filmsprache. Dafür gebühren ihm Anerkennung und Aufmerksamkeit, auch wenn das Experiment mit „To the Wonder“ nicht ganz geglückt ist. Zu abstrakt, zu wenig involvierend ist diese sinnliche Impressionscollage, die eher technisch fasziniert, als wirklich bewegt.

6 / 10

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