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Kritik:
The Tree of Life


von Christian Westhus

The Tree of Life (2011)
Regie: Terrence Malick
Cast: Brad Pitt, Jessica Chastain, Sean Penn

Story:
Eine amerikanische Familie in den 1950er Jahren. Mister O’Brien (Pitt) ist der Herr im Haus und versucht seine drei Söhne trotz häufiger Abwesenheit mit Strenge zu aufrechten Menschen und besonders zu aufrechten Männern zu erziehen. Doch der älteste Sohn durchschaut die Lebens- lügen des Vaters und das Schweigen der Mutter. In der Gegenwart irrt besagter Sohn (Penn) durch die Stadt und hinterfragt das Leben, das Dasein, den Himmel und den Kosmos.

Kritik:
Terrence Malick schwebt über den Dingen. Wer es bisher noch nicht wusste, dürfte spätestens nach diesem Film einsehen, dass der Kosmos Malick anders tickt, seine eigenen Gesetze hat. Gerade in seinem wohl persönlichsten Film, in dem er selbst versucht, den Kosmos zu ergründen, treibt Malick seinen ultimativen filmischen Kodex zu neuen Höhen und neuer Abstraktheit. „The Tree of Life“ ist der erst fünfte Film des extrem zurückgezogen lebenden Texaners. Den Ersten, „Badlands“, drehte er 1973. Malick ist Mythos und Mysterium und mit ihm seine Filme, die nur alle Jubeljahre erscheinen. Dass zwischen diesem Werk und „The New World“ nur sechs Jahre lagen, ist vergleichsweise rasant. 2008 ging es für „The Tree of Life“ schon vor die Kamera, 2009 machte man sich zum ersten Mal Hoffnung, das neue Wunderwerk des Enigmas Malick bewundern zu dürfen. Fast drei Jahre im Schneideraum; so läuft das auf dem Planeten Malick, der sich aus dem assoziativ und spontan zusammen gedrehten Material seine Filme arrangiert und in diesem Fall gleich fünf Cutter beschäftigte. Mit einer Starbesetzung, viel Geheimniskrämerei und einer selbst nach dem Filmgenuss nur schwer zu fassenden Handlung steigerte sich die Erwartungshaltung der Cineasten natürlich ins Unermessliche. Daran kann ein Film nur scheitern, der sich so verkopft, ambitioniert und mysteriös gibt. „The Tree of Life“ ist gleichzeitig der außergewöhnlichste Mainstream-Kunstfilm seit etlichen Jahren, sowie wohl auch der schwächste (sprich: am wenigsten gelungene) der bisherigen fünf Malicks. 

Wir haben hier einen Film mit qualitativem Gefälle, der was vom besten und vom schwächsten Malick bietet. Ein unkoordiniertes, abstraktes Sammelsurium an Emotionen, Eindrücken und hübschen Bildern, assoziativ arrangiert und selten wirklich zielstrebig, dabei aber eine beeindruckende Sinneserfahrung für ein fühlendes Cineastenpublikum. „The Tree of Life“ ist die konsequente Weiterentwicklung und bisherige Kulmination des Malick’schen Schaffens, der sich stetig weiter von klarer Narrativität entfernt hat. Insbesondere der erste Akt schlägt mit ziellosen, aber fließenden und wunderhübsch anzuschauenden Bildmontagen Purzelbäume, wenn zwischen Zeit und Raum hin und her gesprungen wird, ohne eine Handlung im eigentlichen Sinne zu erzählen. Ein assoziatives Bildgefüge aus Anregungen, Gesten und Fragmenten, denn Malicks Kino ist Stimmungskino. Die Familie, der Brief, unerklärte Trauer, Bäume im Wind, tiefe Blicke, dazu ein grüblerischer Sean Penn, der durch die gegenwärtliche Großstadt irrlichtert. Ein Sohn ist tot, eine Kerze brennt. „Gott, wo warst du?“ Und plötzlich: Genesis. Die Entstehung des Himmels und der Erde.

Für geschlagene 20 und mehr Minuten platziert Malick experimentelles Bilderkino in seinen Film. Die Erde war wüst und leer, Vulkane brodeln, Nebelbänke wandern und erstes Leben entsteht in den Ozeanen. Keine Narration, nur eine bombastische Bildmontage zur Entstehung der Welt. Ein mal bizarr, mal kühn visualisiertes Experiment in der Tradition von Kubricks „2001“, „The Fountain“ und dem Kultfilm „Koyaanisqatsi“. 20 Minuten lang darf man sich zurücklehnen und einfach nur staunen, die pure Schönheit und Bildgewalt auf der Leinwand einsaugen und auf sich wirken lassen. Die im Vorfeld heiß diskutierten Dinosaurier machen schließlich in guter, aber nicht herausragender (Computer-) Animation kaum fünf Minuten aus und schrammen auf faszinierende Weise haarscharf daran vorbei, peinlich berührtes Gelächter auszulösen. So beeindruckend, so entrückt von der Welt und von allen Konventionen des populären Kinos war Malick noch nie, aber auch noch nie so leer. Am Schluss gibt Sean Penn dem Film einen nachvollziehbaren Rahmen, setzt dem bisweilen repetitiven und prätentiösen Reigen aber auch die Krone auf. Auch Penn ist kaum länger als ein paar Minuten zu sehen, aber seine Handlung, seine Szenen sind den viel zitierten Schritt zu weit. Zu weit weg vom Wesentlichen, verloren in Symbolismus, in esoterischem Kitsch und einem erstaunlich klaren Schluss, zwischen wildem Symbolüberangebot und emotionaler Katharsis. Dabei wäre die eigentliche Handlung für sich genommen doch absolut lohnenswert. 

Den Vorwurf der Null-Handlung kann man sich nach erfolgreicher Entstehung des Lebens sparen. Für die annähernd komplette Restzeit fokussiert sich Malick auf die sehr persönlich gefärbte Familiengeschichte, die eine verkappte Vater-Sohn-Geschichte ist. Es ist ein Zurückerinnern des ältesten der drei Söhne, und wie ein Gedankenstrom sind die Szenen frei, entfalten sich schwerelos und nur grob chronologisch, sondern meist episodisch. Wir beobachten den kindlichen Spiel-, Erkundungs- und Zerstörungstrieb, sehen das Familienhaus als symbolischen Hort der Kindheit. Über diesen familiären Stimmungs- und Lebenseindrücken schwebt die elterliche Philosophie. Der „Weg der Gnade/Schönheit“ der Mutter und der „Weg der Natur“, wie ihn der Vater vorlebt und seinen Söhnen eintrichtert. Jessica Chastain gibt der Mutterfigur eine bezaubernde Anmut und Zerbrechlichkeit, während Brad Pitt mit einer unauffällig brodelnden, patriarchalen Autorität beeindruckt. Eine Glanzleistung des Weltstars, der sich für diese Nebenrolle ganz im Dienste von Malick und der Kinderdarsteller unterordnet. Besonders Hunter McCracken beeindruckt als ältester Sohn, der nach und nach die Lügen der Eltern durchschaut und in Frage stellt, besonders gegen das restriktive, auf männliche Stärke und Durchsetzungskraft fokussierte Weltbild des Vater rebelliert. Den Vater in Frage zu stellen bedeutet bald auch, Gott den Vater und seine Schöpfung in Frage zu stellen. Ein Familienkonflikt entsteht, an dem Siegmund Freud seine helle Freude gehabt hätte, den Malick jedoch frei von jeder kohärenten Handlung bewusst schwebend, geheimnisvoll und fragmentarisch hält. Andeutungen und Vermutungen werden offen gelassen, Leerstellen müssen vom Zuschauer gefüllt und Ansätze im Hintergrund müssen bewusst wahrgenommen werden. 

Der Film mäandert zwischen Lebensphilosophie, Jugend- und Familiendrama hin und her, oder gibt sich als abstraktes Stimmungskino mit Experimentalcharakter. Seine stilistischen Eigenheiten treibt Malick hier bis zum Exzess. Dabei setzt er merkwürdige, oftmals störende Schwarzblenden, spielt mit Lichtbrechungen und treibt seinen einzigartigen Umgang mit Voice-Over Erzählung auf die Spitze. Das fasziniert, ist teils von betörender Schönheit, wie es auch „Der schmale Grat“ demonstrierte. Aber statt den Off-Kommentar so clever und bedeutsam einzusetzen, wie im Meisterwerk „Days of Heaven“, gibt es hier kaum wirkliche Dialoge, sondern nur Thesen, flüchtige Gedanken, ein philosophierendes sich treiben Lassen von Worten und Gedanken, vorgetragen in einem stets heiser klingenden, bedeutungsschwangeren Ton. Darunter leiden abermals die wenigen Sean Penn Passagen, doch auch die Haupthandlung ist durchzogen von einer zutiefst sakralen, esoterischen und gleichzeitig naturalistisch-pantheistischen Stimmung. Malick greift Themen und Motive auf, lässt sie eine Weile lang mitschweben, um sie dann wieder fallen zu lassen und etwas anderes zu erzählen. Was eine venezianische Maske als Symbol im Kosmos Malick verloren hat, weiß der enigmatische Texaner wahrscheinlich nur selbst. 

Zusammengehalten wird der betörend schöne, unfassbare reichhaltige und gleichzeitig frustrierend ungreifbare Reigen durch Bild und Ton. Emanuel Lubezkis mal körperliche, mal tänzelnde, aber stets in Bewegung befindliche Kameraarbeit ist wahrlich von spiritueller Genialität. Die Bilder passen sich der Stimmung und dem eigenartigen Fluss des Films an und bieten in den knapp 140 Minuten, sollte sonst nichts wirken, mehrfach Grund zum Staunen, zum begeisterten Gaffen. Unterlegt wird Lubezkis Arbeit von einem Meer aus Musik, zumeist Source Musik, die nahezu pausenlos die Stimmungen und Sinneseindrücke lenkt. Dass sich in dem musikalischen Überangebot auch ein Score des viel beschäftigen Alexandre Desplat befindet, ist kaum rauszuhören. Smetanas Moldau aus dem Trailer lässt uns durch die gefühlte 325ste Aufnahme eines im Wind wehenden Astes oder Stofffetzens tänzeln, und Brad Pitt selbst haut (wohl mit Hilfe eines Hand Doubles) das wohl berühmteste Orgelstück der Welt, Bachs Toccata und Fuge, in die Tasten. In der Musik, wie in den Bildern, wie in den lose flirrenden Gedanken manifestiert sich die impressionistische Natur des Films, zeigt sich seine Genialität und sein Scheitern. Ein unkoordiniertes Überangebot an Eindrücken, mit einem verquasten Schluss, in dem doch wieder pure Kinomagie und Schönheit steckt. Eine Enttäuschung, die gleichzeitig das wohl faszinierendste Stück Kino des Jahres ist. Wer sonst, außer Malick, könnte einen solchen Widerspruch auf die Leinwand bringen?!

Fazit:
Zwischen Genialität und verkopftem Stil-Experiment. Betörend schöne Bilder, wunderbare Musik und ein Meer aus sinnlichen Eindrücken. Eine faszinierende Haupthandlung wird von spirituell-esoterischen Fragmenten gerahmt und von einem Malick über den Dingen frei und nicht narrativ zusammengehalten. Eine faszinierendes Filmerlebnis für Geist und Seele, gleichzeitig aber auch der abgehobenste und am wenigsten funktionierende Malick bisher.

8 / 10

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