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Kritik:
The Tree of Life


von Christian Mester

The Tree of Life (2011)
Regie: Terrence Malick
Cast: Brad Pitt, Jessica Chastain, Sean Penn

Story:
Eine amerikanische Familie in den 1950er Jahren. Mister O’Brien (Pitt) ist der Herr im Haus und versucht seine drei Söhne trotz häufiger Abwesenheit mit Strenge zu aufrechten Menschen und besonders zu aufrechten Männern zu erziehen. Doch der älteste Sohn durchschaut die Lebens- lügen des Vaters und das Schweigen der Mutter. In der Gegenwart irrt besagter Sohn (Penn) durch die Stadt und hinterfragt das Leben, das Dasein, den Himmel und den Kosmos.

Kritik:
Jack O’Brien (Sean Penn) ist ein erfolgreicher Architekt, der in tiefe Trauer verfällt. Grund für seine Ergriffenheit ist der Todestag seines Bruders, der schon in Kindheitstagen früh verstarb. In Gedanken erinnert er sich an diese zurück und lebt noch einmal nach, wie er von seiner fürsorglichen Mutter (Jessica Chastain) und seinem strengen, aber liebevollen Vater (Brad Pitt) aufgezogen wurde, erste Abenteuer mit anderen Nachbarskindern erlebte und in Begleitung seines Bruders zum Jugendlichen heranwuchs. Anstatt jedoch im Rahmen einer üblichen Erzählweise zu bleiben, springt der Film regelmäßig aus seiner Handlung und zeigt Aufnahmen verschiedenster Mikro- und Makrokosmen der Natur: verrinnende Wassertropfen werden zu tosenden Ozeanen, vom Meer geht es hin zu galaktischen Sternbildern, in Dunkelheit leuchtet ein einzelnes Licht. Ein visueller Trip, der die Narrative des Films mit seiner Symbolik zu unterstreichen versucht. Als drittes Element gibt es noch künstlerisch-verträumte Szenen aus Träumen und dem Jenseits, die im letzten Drittel des Films auftauchen. 

Ganz gleich, was man vom aktuellen 3D-Mega-Eventfilm Transformers 3 auch halten mag - The Tree of Life könnte wohl kaum größeres Kontrastprogramm sein. Im Gegensatz zu Michael Bays 200 Millionen Dollar teuren Sci-Fi-Action-Epos ist der Film ein stark konservatives, philosophisches Drama, das bewusst darauf verzichtet, kurzweiliger Spaß zu sein. Das religiöse Werk, das berühren und nachdenklich stimmen soll, stammt überdies auch noch aus der Hand des mittlerweile 67jährigen Filmemachers Terence Malick, der selbst abseits des Mainstreams als Außenseiter gilt. Von Malick stammen unter anderem The New World und Der schmale Grat; Filme, die nichts von Explosionen und flotten Sprüchen halten und vor allem Geduld fordern. In seinem Metier versucht er 2011 Großes, denn sein Baum des Lebens will als allumfassendes Monumentalwerk fungieren – ein neues 2001: Odyssee im Weltraum sein. Umso verblüffender ist es nun leider, festzustellen, dass der Film nahezu die gleichen Stärken und Schwächen eines Transformers 3 aufweist. 

Das denkwürdigste und leider auch nahezu einzige positive Charakteristika des Films ist prinzipiell dasselbe wie im unverhofften Vergleichstitel: technisch und optisch ist The Tree of Life einer der beeindruckendsten Filme des Jahres. Während woanders aufwendig inszenierte Maschinenaliens epische Zerstörungsorgien in Referenz-CGI zelebrieren, besticht Malicks Film mit ungeheuer einfühlsamer Bildästhetik nach alter Schule. Selbst banale Momente wie ein Picknick auf einer Wiese werden so wundervoll eingefangen, dass die Kameraarbeit kaum höhere Filmkunst bieten könnte. Eine fraglos perfekte Leistung, die 2012 unbedingt mit dem Oscar gewürdigt werden muss. So umwerfend der bereits 2008 abgedrehte Film aber auch aussehen mag, ergeben sich schon bei der Zusammenstellung der Szenen große Probleme. Während die sehenswerten Money Shots in Transformers 3 störend von grausig schlechter Comedy und Dramaturgie umgeben sind, wollen Malicks drei eigenständigen Filmelemente einfach nicht harmonisch zusammen passen – sie stören ebenso. Obwohl seine Naturaufnahmen mit denen von erstklassigen Dokumentarfilmen wie Deep Blue oder Unsere Erde mithalten können, ist die Intention dahinter, die Geschichte um Natursymbol zu ergänzen, vertan. Es wirkt sogar kontraproduktiv, da die ständigen Sprünge zu Vulkanausbrüchen, Dinosauriern und Wolkenbänken immer wieder von der eigentlichen Handlung trennen, mit dieser nicht bündig verschmolzen sind.

Schlimmer als das sind jedoch sämtliche Szenen in der Gegenwart, in Träumen und im Jenseits, denn diese fallen allesamt gänzlich langweilig und nichtssagend aus. An den urkomischen Film-im-Film von Mr. Bean macht Ferien erinnernd, in dem Willem Dafoe als Arthouse-Filmer veralbert wurde, stolziert Penn in ständiger Nahaufnahme gedankenverloren durch Türrahmen in der Wüste, fährt Fahrstuhl und betrachtet Wolkenkratzer, als posiere er für ein neues REM Musikvideo. Szenen, die völlig kalt lassen und noch weiter dadurch abgeschwächt werden, dass immerzu dick aufgetragener religiöser Pathos mit einfließt. Seltsamerweise kollidieren Empfindungswelten, denn während die Detailverliebtheit in Brad Pitts 50er Jahre Szenen zu Tränen rührt und das Bestmögliche hohen Anspruchskinos zeigt, verfallen Abschnitte wie diese in genau das, was generell gern als Kunstfilmklischee verlacht wird. Die Handlung des Films ist prinzipiell recht dünn gehalten, Dialoge gibt es wenige, weswegen Malick maßgeblich versucht, das meiste durch sein Bilderwirken verstehen zu lassen. 

Während Bay mit BILD-Mentalität alles plakativ auf Fights, Brüste und geschmacklose Gags reduziert, taucht The Three of Life auf der anderen Seite viel zu tief ins Subtile ein. Malicks Detailverliebtheit pinselt die Bäuche jedes Filmkunstliebhabers, doch bei aller Versessenheit auf einzelne Grashalme bleibt die eigentliche Geschichte dabei auf der Strecke zurück. Dies liegt auch am ständigen Sprung zu den anderen beiden Filmelementen, sowie daran, dass Malick sich für keine feste Perspektive entscheiden kann. Mal sieht man aus Jacks Augen, dann aus denen der Eltern, dann als gewöhnlicher unsichtbarer Dritter. In allen Sichten bleibt die erzählte Geschichte zu klein und eher ein reines Nachstellen von Empfindungen. Der Film brilliert darin, sich daran erinnert zu fühlen, wie das Leben als Kind war, doch abgesehen von den vermittelten Eindrücken bleibt wenig Inhalt. 

Darstellertechnisch merkt man, dass Pitt dieselbe Sensibilität aufbringt, die ihn schon im grandiosen Western Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford faszinieren ließ, doch trotz seiner Bemühungen und einer nahezu makellosen, wenn auch nicht allzu denkwürdigen Co-Besetzung bleibt er dieses Mal weit weniger wirksam. Schlimmer trifft es jedoch seinen später alten Filmsohn Sean Penn, der die undankbare Aufgabe bekommt, in schlimmsten Arthouse-Kitschszenen möglichst nicht peinlich zu wirken. Die Darsteller sind gesamt selbstredend Welten von LaBeouf und Huntington-Whiteley entfernt, wären aber spürbar gern mehr als Bildelemente in Panorama-Aufnahmen, oder hätten es lieber, dass ihre 50er Geschichte größere Wichtigkeit, einen Spannungsbogen und einen runden Abschluss bekäme. In Sachen Untermalung lässt sich der Film ebenfalls recht gut mit Transformers vergleichen: bläst Steve Jablonskys Score mit Dauergehämmer anstrengend und ohne mitsummbare Heldenmelodien in die Sitze – speziell, um Linkin Parks Song Iridescent werbewirksam gefühlte 126 Mal einzuspielen – erschlägt The Tree of Life mit einem nie enden wollenden Choral-Score, der die schönen Bilder zwar schön untermalt, auf Dauer jedoch sehr eintönig wird. Einzig der Einsatz des berühmten Stückes Die Moldau weiß effektvoll zu wirken.

Fazit:
The Tree of Life scheitert am Bestreben, der nächste 2001: Odyssee im Weltraum, The Fountain oder Enter the Void zu werden. Ein zwar äußerst ambitioniertes Werk, das Filmkunstschätzern schon aufgrund der tollen Machart Gänsehaut verpassen wird, als Film jedoch zu unfokussiert, zu subtil und zu kitschig ausfällt, um Klassiker oder Geheimtipp genannt werden zu können. Lustigerweise schlägt der Film auf das Dramengenre bezogen damit ähnlich weit über die Stränge wie Komplementärfilm Transformers 3 in seinem.

6,5 / 10

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