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Kritik:
Die Tribute von Panem
The Hunger Games


von Christian Mester

THE HUNGER GAMES
Regie: Gary Ross
Cast: Jennifer Lawrence, Josh Hutcherson

Story:
In einer dystopischen Zukunft gibt es die USA nicht mehr; die Staaten heißen alternativ Panem und sind in der Gesamtheit neu verteilt. Im ersten von zwölf Bezirken leben fortan exklusiv die Reichen, die es sich futuristisch gutgehen lassen. Nach Ständen separiert, sinkt die Klassengesellschaft finanziell und technisch dann weiter von der Zweiten bis Zwölften, in der die Ärmsten die mühsamsten Arbeiten zu verrichten haben. Scheinbar zur reinen Belustigung veranstaltet die Oberschicht dazu jährlich ein Spiel, in dem Jugendliche aus allen Bezirken in einer Arena gegeneinander antreten müssen. Im Armenviertel trifft es eine 12jährige, doch ihre mutige Schwester Katniss (Jennifer Lawrence) meldet sich freiwillig an ihrer Stelle...

Kritik:
Als vor rund zwei Jahren das erste Mal Filmgerüchte über Suzanne Collins' Bestseller-Reihe The Hunger Games aufkamen, musste man als Filmfan unweigerlich an die japanische Kultkontroverse Battle Royale (2000) denken (die ihrerseits übrigens ebenfalls Romanverfilmung war). Der Plot der neuen Interpretation ist in etwa gleich: aus anfangs wenig verständlichen Gründen werden Jugendliche auserwählt und gebeten, sich in umzäuntem Gebiet doch bitte schnellstmöglich auf nur noch einen zu reduzieren. Das gleiche Thema gab's auch schon 2007 im Stone Cold Steve Austin Klopper Die Todgeweihten zu sehen, doch was sich hier anbahnte, schien eine deutlich andere Zielgruppe zu haben. Und da ergab sich bereits gerechtfertigte Skepsis, denn The Hunger Games zielte von Anfang an auf das gleiche Publikum ab, das auch die Twilight-Filme zum Mega-Erfolg gemacht hatte: primär weibliches Publikum, Teenager zwischen 13-20, sowie 40 aufwärts, die selbsternannten "Twilight-Moms".

Sehr problematisch, geht es in diesem Fall doch um eine zynische Zukunftsvision, in der Jugendliche gezwungen werden, sich mit Messern und Backsteinen gegenseitig totzuschlagen. Und wenn es nur das wäre: in der Romanhandlung interessant ist der Dystopie-Gedanke, ein sarkastischer was-wäre-wenn Ausblick über mögliche Regierungszukünften. Das Spiel erfüllt fraglos auch den Sinn, Bürger mit perversem Entertainment zu unterhalten, doch darin unweigerlich mitenthalten ist auch die grausame Absicht, die Hoffnungen aller Menschen in den schlechteren Vierteln konstant zu zerschlagen, damit alles weiterhin ungerecht bleibt. Bittere Gesellschaftskritik und Gewalt sind allerdings beides Faktoren, die man selten in Filmen der angestrebten Zielgruppe vorfinden mag. Also Halt, da war noch etwas - in den Büchern irrt Katniss herzenstechnisch zwischen ihrem langjährigen Jagdkollegen und ihrem neuen Mitspieler. Steht das demnach im Vordergrund und wird der Rest bloß auf das Nötigste reduziert?

Es ist überraschenderweise nicht der Fall; der Film zeigt zwar keinerlei graphische Gewalt, verschönigt jedoch nichts in der Arena und macht durchaus deutlich, dass sich hier Kinder und Jugendliche gegenseitig umbringen. Verblüffender ist indes, dass die im Buch nur kleine Romanze nicht ausgebaut wird. Das Gegenteil trifft sogar zu, sie ist nahezu gar kein Thema. Der Film ist also keinerlei, wie es manch einer befürchten mag, Twilight-Klon, in dem die Heldin stundenlang von zwei jungen Beaus angeschmachtet wird. Survival- und Sci-Fi stehen demnach stolz im Vordergrund, wobei Gary Ross leider weder das eine, noch das andere zum echten Highlight macht. Der Survival-Part in der Arena ist abwechslungsreich gestaltet, mit Fallen, Feuerbällen und Kampfhunden, aber Spannung will dennoch keine aufkommen. Das ist fehlender Intensität zu verdanken, da Katniss' Überlebenskampf nie wirkt, als fordere es ihr alles ab, als schreie sie sich die Seele aus dem Leib, als fürchte sie um ihr Überleben, als schlage ihr das Herz bis zum Hals.  Es wirkt nicht, als sei es das aufregendste, was sie je erlebt hätte, was das allgemeine Mitreißen sehr hemmt. Mitverantwortlich sind auch die weitestgehend inkompetent wirkenden anderen Spieler, darunter vor allem die aus dem ersten Bezirk, die von Kindheit an darauf trainiert werden und freiwillig teilnehmen, weil sie Leute aus niedereren Ständen ruhmreich töten wollen. Im Film wirkt jedoch niemand bedrohlicher als die anderen, zumal nichts Katniss Angst einjagen kann, nachdem sie ihren Bogen erhält.

Dazu fehlt es alternativ an größeren Actionszenen und Verfolgungsjagden, die anderweitig für Tempo gesorgt haben könnten. Ähnlich verfehlt ist der Sci-Fi Aspekt. Zwar ist Katniss' gesamter Aufenthalt in der Welt der Reichen interessant, aber böse Sozialkritik ala Sie leben!, Soylent Green, Planet der Affen oder Robocop findet sich nur mit der Lupe. Der Höhepunkt dessen findet sich in der Figur der Effie Trinket (Elizabeth Banks), einer Art Pressesprecherin, die Publikum und Auserwählten famos aufgetakelt mit einem bitter-ehrlichen Grinsen aufdringlich vermittelt, dass es doch toll ist, dass die Kinder sich gegenseitig erschlagen müssen. Leider bietet Die Tribute von Panem nur wenige Untertöne derlei. Ebenfalls vertan ist das Spiel mit der Kamera: in der Arena sind die Spieler abhängig von ihren Fans, die ihnen hilfreiche Goodies in die Arena schicken können; um Fans zu bekommen, muss man ihnen, den im Grunde perversen Voyeuren der Oberschicht, gefallen. Dafür erscheint Katniss gezielt trotzig und als in ihren Partner verliebt, was jedoch unterpräsent bleibt - dass sie der große Favorit "da draußen" ist und on air bloß eine Maske trägt, wird nicht deutlich genug.

Die Besetzung ist Ross in Teilen gelungen. Nachdem Jennifer Lawrence bereits in ihrer Oscar nominierten Rolle in Winter's Bone hungern und jagen durfte, gibt sie im thematisch ähnlichen neuen Film eine sehr sympathische Heldin ab, mit der man gerne mitfiebert. Sie ist gut und holt viel aus dem Stoff heraus, doch es bleibt unübersehbar, dass ihr neuer Film sie nicht ähnlich stark einfangen kann. Trotz Lauflänge von 140 Minuten fehlt Ross immer wieder die Zeit, auf sie und die übrigen Figuren einzugehen: dem ehemaligen Spielegewinner Haymitch (Woody Harrelson), dem unsicheren Spielgestalter Seneca (Wes Bentley), dem schleimigen Moderator Cesar (Stanley Tucci), Katniss' Jagdkollege Gale (Liam Hemsworth) oder auch ihrem Spielpartner Peeta (Josh Hutcherson), doch all diese Figuren kommen zu kurz und können sich demzufolge nicht gut genug entfalten. Für einen Film jenseits der 120 Minuten wirkt Die Tribute von Panem zudem vom Kosmos her zu klein; das Gefühl, das Tor zu einer größeren Welt aufzustoßen, einer Franchise-Welt, in der großes bewegt wird, fehlt. Technisch ist der Film solide, aber nicht immer lobenswert umgesetzt. So sehen die Bluescreen-Effekte bei einer Kostümparade altbacken aus, stört manches Mal starkes Herumgewackel in schnelleren Momenten und fehlt es dem Film an einer erkennbaren, besonderen Thema. Insgesamt ist der Score des Films nahezu nicht-existent. Der Schnitt ist akzeptabel, nur kommt es oft vor, als seien zahlreiche Szenen mikrobisch zu lang, wodurch sich auch die unnötige Überlänge erklären ließe.

Fazit:
Die Tribute von Panem ist ein solider Sci-Fi-Abenteuerfilm mit sympathischer Hauptdarstellerin, aber zu lang, zu oberflächlich und nicht intensiv genug, um länger in Erinnerung zu bleiben. Wäre es nicht zufällig die gefragte Verfilmung einer erfolgreich verkauften Buchreihe, wäre es alleinstehend als Film sicher nicht allzu medienwirksam.

6 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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