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Kritik:
Die Tribute von Panem 

The Hunger Games


von Christian Westhus

THE HUNGER GAMES
(2012)
Regie: Gary Ross
Cast: Jennifer Lawrence, Josh Hutcherson, Lenny Kravitz, Stanley Tucci, Elizabeth Banks

Story:
In einer dystopischen Zukunft gibt es die USA nicht mehr; das Land ist aufgeteilt in 12 strikt abgegrenzte Distrikte. Im ersten Distrikt leben fortan exklusiv die Reichen, die es sich gutgehen lassen. Im zwölften Distrikt leben die Ärmsten, einfache Handwerker, die hart für ihr Überleben arbeiten müssen. Als Reaktion auf einen politischen Aufstand und zur Belustigung der Massen, veranstaltet die Regierung jährlich ein Spiel, in dem Jugendliche aus allen Bezirken in einer Arena gegeneinander antreten müssen. In Distrikt 12  trifft es eine gerade 12Jährige, doch ihre mutige Schwester Katniss (Jennifer Lawrence) meldet sich freiwillig an ihrer Stelle...

Kritik:
Occupy Panem. Was als neues „Twilight“ verschrien wurde und beim Kinostart Besucherrekorde ins Wanken brachte, könnte auch einer der weitsichtigsten Filme des Jahres sein. Vergleichbar mit „In Time“, wäre dieser ein besserer Film, wirken „Die Tribute von Panem“ wie die dystopisch aufgehübschte Reaktion auf Occupy Bewegung, Bankenterror und soziale Ungerechtigkeit. Während sich die Veranstalter der tödlichen Spiele ums Schmausen und Herausputzen kümmern, sind die Bewohner der 12 Distrikte, insbesondere der verarmten hinteren Distrikte, glücklich, wenn sie relativ sorgenfrei durchs Jahr kommen. Sie sind die 99%. Basierend auf der äußerst erfolgreichen dreiteiligen Jugendbuchreihe von Suzanne Collins, entwirft der Film einen klassisch ins Extrem gerückten Blick auf die Zukunft. Nach einem Bürgerkrieg um Geld, Nahrung und Ressourcen ist das Land in Distrikte aufgeteilt. Als Bestrafung für die ehemaligen Aufrührer und als Mahnung an die Vergangenheit finden seit über 70 Jahren die so genannten Hunger Games statt. Zwei Jugendliche je Distrikt werden „geerntet“ und müssen in einem tödlichen Wettkampf gegeneinander antreten, bis nur noch einer von ihnen lebt. Dem Gewinner winken Ruhm, Ehre und Psychosen. 

Wem das bekannt vorkommt, wird bei „Running Man“ und dem höchst kontroversen japanischen Roman/Film „Battle Royale“ fündig. Collins musste für die mitunter arg auffälligen Ähnlichkeiten zum „Schulkinder metzeln sich gegenseitig nieder“ Schocker aus Fernost schon Kritik und Plagiatsvorwürfe hinnehmen. Das lässt sich auch mit dem Film nicht abschütteln, auch wenn die Vorwürfe komplett an der eigentlichen Sache vorbei gehen. Gleiches gilt für die angebliche Zielgruppenverwandtschaft mit Stephenie Meyers „Twilight“ Reihe. So ist dann auch das Liebesdreieck, in das Heldin Katniss Everdeen hier stolpert, der größte Schwachpunkt des Films. Platt, emotionsarm und unnötig, aber eben auch überhaupt nicht Zentrum des Films. Eine gute Stunde investiert der Film darin, die Zukunftswelt und das Umfeld des Hunger Games TV-Spektakels zu beleuchten, wie die Tribute präsentiert und trainiert werden, wie sie Sponsoren anwerben und in ihrer Wertigkeit gestaffelt sind. Ganz bewusst werden Katniss und ihr Distrikt 12 Kollege Peeta als medienwirksames Liebespaar in spe inszeniert. Und auch wenn dem Film mitunter sichtlich die Zeit fehlt, die Hintergründe der Show, die gesellschaftliche Bedeutung der Spiele, der Zukunft der Gewinner und die eigentliche Bedeutung eines Sieges zu beleuchten, so ist die ausführliche Vorberichtserstattung ein klares Plus. Auch gegenüber des vermeintlichen Vorbilds aus Japan, der den Zuschauer etwas knapp und unvermittelt ins zynisch-brutale Chaos schickte.

Einen regelrechten Kulturschock erleben Katniss und Peeta schon im Zug zur Hauptstadt, wenn sie aus ihrer mit klinisch reiner Präzision als arm gestalteten Bergarbeiterwelt plötzlich auf reichlich gedeckte Tische und Luxusgüter treffen. Und in der Hauptstadt, wo die geernteten Tribute in angemessen dämlichen Kostümen in Kutschen dem wiehernden und tobenden Millionenpublikum in der Halle und vor den Bildschirmen vorgestellt werden, weht eh ein anderer Wind. Die Zukunft ist bunt. Zumindest wenn man sich in den reichen Distrikten befindet. In teils irritierend poppigen Fummeln und Farben, mit knallig bunten Haaren und exzentrischem Makeup, geifert die vergnügungssüchtige Oberschicht nach Stars und Opfern der nächsten Wochen und zelebriert sich selbst in urig ausgestatteten Gebäuden. Architektonisch ist dann hier und da auch etwas dabei, das einem gewissen Herrn Speer sicherlich auch gefallen hätte. Solche Dystopie-Klischees sind scheinbar unvermeidbar. Und so verlässt der Film den eingeschlagenen Weg als Kommentar sozialer Ungerechtigkeit und mutiert zu einer grellen Mediensatire (wie gesagt, „Running Man“), der dann aber der leider Biss fehlt. Donald Sutherland als graue Veranstalter-Eminenz weiß scheinbar selbst nicht, was genau er an dem Spektakel findet, außer finanziellem Zugewinn. Und „American Beauty“ Bubi Wes Bentley glänzt als Inszenator der Spiele eigentlich nur mit lauwarmen Einfallen und einer wunderhübsch angepappten Bartattrappe. Elizabeth Banks geistert als Hello Kitty Schreckschraube in einer undefinierten Beraterrolle für Distrikt 12 herum, genau wie Woody Harrelson und Lenny Kravitz, deren Funktionsradius sich kontinuierlich ausweitet. Auch weil beide – genau wie die superreichen Sponsoren – sofort einen Narren an Katniss gefressen haben und den bedauernswerten Peeta als kaum beachteten Trottel vom Dienst allein dastehen lassen. 

Aber Katniss ist natürlich auch ein Knüller. In Zeiten, wo die lethargisch liebeskranke dusselige Kuh Bella Swan quasi die Gallionsfigur weiblicher Roman- und Filmheldinnen gibt, kommt eine Katniss Everdeen absolut gelegen. Als stark, selbstbewusst, intelligent, entscheidungsfreudig und vollkommen unabhängig wird sie schon früh etabliert. Als große Schwester/Mutterersatz kümmert sie sich um ihre erstmalig am Hunger Games Auswahlprozess teilnehmende Schwester Prim und opfert sich, als diese für den Wettkampf ausgewählt wird. Auch bei der Vorberichterstattung zu den Spielen lässt sie sich nur widerwillig in eine medienwirksame Rolle pressen und behält dabei stets ihren eigenen Kopf. Dass sie die Mühlen dieser verkappten Casting-Show derart „sich treu geblieben“ übersteht, hat eher Märchencharakter, aber wie sie mit ihrer bevorzugten Waffe die Aufmerksamkeit der hedonistisch dekadenten Sponsoren erhält, regt zu Applaus an. Und Darstellerin Jennifer Lawrence (oscarnominiert für ihre Rolle in „Winters Bone“) macht aus dieser ohnehin schon reizvollen Rolle mit großer Intensität und Ausdrucksstärke eine kleine Ikone jugendlicher Filmheldinnen. Aber genau dazu stilisiert sie der Film natürlich auch. 

Nachdem auch die Antagonisten, die „Bösen“ unter den 24 Tributen, relativ simpel und offensichtlich als eindimensionale Schlächter etabliert sind, geht es rein in den Wald und auf in den Kampf. Denn „beim Sterben ist jeder der Erste“ und so gibt es gleich zu Beginn für eine gute Hand voll Teilnehmer ordentlich auf die Mütze. So scheint es jedenfalls nach dem, was man erkennen kann, denn plötzlich greift Regisseur Gary Ross zu Wackelkamera und ADHS-Schnitt, schüttelt uns unübersichtlich und nervtötend durchs erste Scharmützel. Hier musste kaschiert werden, denn die brutalen Tötungen an Jugendlichen und Fast-Kindern sollen wohl nur abgeschwächt wahrgenommen werden. Und so verliert der Film, sobald das eigentliche Spiel beginnt, den Vorsprung, den man in der Vorgeschichte gegenüber „Battle Royale“ und Co. herausgeholt hat. Es fehlt die Intensität, die Bedrohung, die kompromisslose Notwendigkeit, in einer Gewalt-Umgebung Gewalt auszuüben. Dass nicht ein jeder sofort zum blutrünstigen Mini-Rambo mutiert, ist durchaus sinnvoll, aber zu selten spürt man wirklich, was auf dem Spiel steht. Katniss scheint sich eher auf einem Camping-Trip zu befinden, während man von der blutigen Schneise, die die Schurken durchs Geäst ziehen, nur wenig erfährt und dank Gary Ross‘ Terrorinszenierung auch nichts sieht. Stattdessen irritieren Peetas unfreiwillig komische Tarn-Talente, so wie hüftsteif und emotionslos vorgetragene Moral-Diskussionen. 

Im Finale treibt sich der ansonsten stets unterhaltsame Film im Eiltempo zu einem wischiwaschi Schluss. Störend offensichtliche Handlungskonstruktionen, die übereifrig für Tempo und Dramatisierung sorgen sollen, sind nicht weniger störend, nur weil man sie als interne Handlungskonstruktionen der Bartfraktion um Sutherland und Bentley kaschieren will. So bleibt am Ende nur die sichere Ankündigung von mehr in den Fortsetzungen, bei dem uns allem Anschein nach auch mehr vom Liebestralala droht, welches hier noch erfreulich klein gehalten wurde. Bleibt zu hoffen, dass man es dort dann glaubwürdiger und besser geschrieben serviert bekommt.

Fazit:
Eine tolle Hauptfigur und eine Handlung, die das Potential hat, mehr zu sein als Teen-orientiertes Abenteuer. Ungewöhnlich bunt in Ausstattung und Kostümen, verliert der Film dank konturloser Nebenfiguren, unpraktischer Kameraführung und einem hier und da zu oberflächlichen Script an Intensität und Tragweite. Dennoch: Unterhaltsam und mit Abstrichen angenehm clever.

6,5 / 10

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