BG Kritik:

Tschick


Manuel Föhl ist seit 2004 aktives Mitglied bei Bereitsgesehen. Als Redakteur ist er u.a. für 35 Millimeter - Das Retro Filmmagazin, DEADLINE - Das Filmmagazin und bereitsgetestet.de tätig.

Tschick (2016)
Regisseur: Fatih Akin
Cast: Anand Batbileg, Tristan Göbel, Nicole Mercedes Müller

Der Film von Regisseur Fatih Akin (GEGEN DIE WAND, SOUL KITCHEN) basiert auf dem gleichnamigen Buch von Wolfgang Herrendorf. Er erzählt darin von diesem einen Sommer in der Jugend eines Jungen, der alles verändert und in neues Licht rückt. Der betreffende Junge in dieser Geschichte ist Maik. Er ist 14 Jahre alt, Aussenseiter und lebt in Berlin. Die Mutter ist in der Entzugsklinik und der Vater mit der hübschen Assistentin auf einer besonderen Dienstreise. Zu Beginn der Schulferien freundet er sich eher wider Willen mit einem neuen Mitschüler aus Russland an, den alle nur, aufgrund seines komplizierten Namen, Tschick nennen. Gemeinsam ziehen sie mit einem geklauten Auto durch den Osten Deutschlands los. Das Ziel unbekannt. Die Erlebnisse unvergesslich.

Autorenfilmer Fatih Akin wagt sich an eine Bestsellerverfilmung. Eine gute Idee?

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Mit TSCHICK wagte sich Fatih Akin zum ersten Mal an einen fremden Stoff. Bisher hatte der Autorenfilmer ausnahmslos nur selbstgeschriebene oder Original-Drehbücher inszeniert. Der Entscheidungsprozess gestaltete sich dabei für ihn diesmal relativ kurz. Sieben Wochen vor Drehbeginn bekam er das Angebot den Stoff auf die Leinwand zu bringen, noch in derselben Woche musste er eine Entscheidung fällen, denn schon eine Woche darauf sollte sein erster Arbeitstag sein. Das war im Juli 2015. Zuvor war eigentlich David Wnendt (KRIEGERIN (D 2011)) für die Regie vorgesehen. Da dieser aber mit den Arbeiten an der Adaption von ICH BIN WIEDER DA (D 2015) länger brauchte als man erwartete und man nicht warten wollte, ging der Auftrag an Akin weiter. Böse Zungen behaupten, dass es nicht nur an Terminschwierigkeiten lag, sondern auch an inhaltlichen Differenzen und Querelen zwischen dem Produzenten Marco Mehlitz und David Wnendt, aber dazu fehlt bisher eine offizielle Stellungnahme. Das Drehbuch schrieb der Berliner Lars Hubrich, der wie ursrprünglich auch David Wnendt (wobei auch dies bisher nur als Gerücht einzustufen ist) der Wunschkandidat vom Autor der Vorlage, Wolfgang Herrendorf, war. Als Fatih Akin zu dem Projekt dazu stieß, überarbeitete er auch zusammen mit Hubrich das Drehbuch nochmals an manchen Stellen. Nicht so kompliziert wurde es beim Casting der Hauptrollen. Tristan Göbel, der Maik, spielt, hatte schon reichlich Erfahrung als Kinderdarsteller und bei der Rolle des Tschick fand man beim Casting einen Berliner Schüler „von mongolischen Eltern“, der sich selbst beworben hatte. Doch viel Fatih Akin steckt am Ende noch im Film?

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Auf dem Papier wirkt der Stoff wie ein perfekter Coming-Of-Age-Film für Fatih Akin. Aussenseiterfiguren mit verschiedenen Herkünften treffen aufeinander. Auf diese einfache Formel lassen sich wohl nicht alle Filme des deutschen Regisseurs türkischer Abstammung runterbrechen, doch wenn man unbedingt will, entdeckt man so am simpelsten die Schnittstellen von Akins bisherigem Schaffen und dem Buch. Ein Road-Movie hat er dabei in seiner Filmografie schon aufzuweisen: IM JULI (D 2000). Der große Unterschied zwischen den zwei Filmen liegt nicht nur im Alter der Hauptfiguren, sondern auch den Zielen. Während Moritz Bleibtreus Daniel seiner großen Liebe hinterherfährt, flüchten Maik und Tschick eher vor einem Ziel. Es wird wohl die Walachei als (fiktives) Ziel ausgegeben, aber ohne Karte und Kenntnisse des Lesens der Sonne als Kompass, streunen sie eher ziellos durch den Osten Deutschlands. Die Zeit ist bei Ihnen nur noch eine Einheit, die vom Sonnenauf- und untergang geregelt wird. Aber wie im Buch – das gerade einmal 250 Seiten umfasst und die eigentliche Reise erst nach 100 Seiten beginnt – wäre man am doch noch gerne ein paar Tage mehr mit den Beiden durch die Provinz gedüst. Denn am Ende fühlt sich die Reise irgendwie unvollendet an. Ja die Protagonisten bzw. der Held durchläuft einen Wandel und doch wirken Teile unterwältigend. Als sich dem Duo eine Zeitlang ein Mädchen abschließt, soll hier ein memorables Trio aufgebaut werden, doch – wie auch wieder im Buch – sind die Szenen dafür viel zu knapp und wenig besonders.

Die Jungschauspieler schwanken zwischen sehr gut und weniger überzeugend. Anand Batbileg als titelgebender Tschick ist eigentlich eine typische Akin-Figur. Man spürt auch bei einem jugendlichen Schauspieler wie ihm direkt die Handschrift des Regisseurs. Tristan Göbel als Maik ist da nicht weniger überzeugend. Neben diesen beiden Hauptfiguren sind die sonst auftauchenden, teilweise sehr simplen gezeichneten Personen, eher nebensächlich aufgezogen, was nicht weiter schwer ins Gesicht fällt. Angenehmerweise verzichten Akin und sein Bildgestalter Rainer Klausmann auf expressive Farbaspekte im Bild wie man das zu Genüge in Filmen wie FACK JU GÖTHE oder Werken aus Til Schweigers Filmografie kennt. Die Musik des Films besteht größtenteils aus Songs, die stellenweise auch schon so im Buch genannt werden – beispielsweise Richard Claydermans „Ballade pour Adeline“ – ergänzt aber auch durch neue Songs. Ein Terrain, wo man auch von Akin und seinen Filmen gewohnt ist eine versierte und abwechslungsreiche Auswahl zu bekommen.

Fazit:

Wo Fath Akin draufsteht muss nicht unbedingt auch dieser drin sein. Mehr eine Bestsellerverfilmung, die nicht mehr die Handschrift des Regisseurs trägt als die wenigen narrativen Merkmale, die aber auch schon das Buch aufwiesen. Ähnlich wie dem Buch fehlt auch dem Film schließlich, plump gesagt, am Ende eine Aussage. Der Film ist sehr kurzweilig, mit einem äußerst unterhaltsamen, jugendlichen Trio und verliert nur durch Abzüge in der B-Note an Boden.

6,5 / 10

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