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Kritik:
Tyrannosaur - 

Eine Liebesgeschichte


von Christian Westhus

Tyrannosaur (2011)
Regie: Paddy Considine
Cast: Peter Mullan, Olivia Colman, Eddie Marsan

Story:
Joseph (Mullan) ist am Ende. Ohne echte Arbeit treibt er sich verwitwet zwischen Wettbüro und Kneipe herum, bis immer mal wieder die Aggressionen brutal und gewaltsam aus ihm herausbrechen. Durch Zufall trifft er auf die Verkäuferin Hannah (Colman), die ihm als gläubige Christin gut zuredet. Was der tobende Joseph zunächst nicht ahnt: Hannah wird von ihrem Mann zu Hause misshandelt. Ihre einzige Hilfe ist Joseph.

Kritik:
Die schlechte Nachricht gleich vorweg: In diesem Film kommen keine Dinosaurier vor. Und trotzdem stand lange kein Film mehr so stark unter dem Einfluss seines – zugegeben recht unorthodoxen – Titels, wie das Regiedebüt des Schauspielers Paddy Considine. Der Tyrannosaurus, der alles vernichtende Albtraum der Ur-Zeit, die wütende Fress- und Zerstörungsmaschine. Direkt zu Beginn beobachten wir Joseph, der wütend ein Gebäude verlässt, aufgebracht brüllt und schimpft. Zorn, Frust und dann Gewalt, meist gezielt gegen einen Schwächeren. Der Film heißt „Tyrannosaur“, also ist es nur naheliegend, Joseph als eben solchen zu sehen, als von inneren Dämonen getriebenen Gewaltmenschen in einer Gewaltumgebung. Der Saurierkollege wollte ja schließlich auch nur was zwischen die Kauleisten kriegen, um nicht zu verhungern. Joseph will seine Ruhe, will keine nervigen Fragen, will im Wettbüro gewinnen, will in der Bar nicht dumm angemacht werden und will nicht, dass der nette kleine Junge von Gegenüber vom neuen Freund der Mutter schikaniert wird. Der Baseballschläger ist Josephs Waffe, zur Not auch mal die blanke Faust. Joseph ist ohne wirklichen Job, seine Frau gestorben, keine Kinder und hat wenn überhaupt nur zwielichtige Freunde, bis auf den ehemals besten Kumpel, der kurz vorm Exitus bedauernswert schwach vor sich hin stirbt. Joseph brüllt, wirbelt, schlägt um sich, zieht sich bis auf kurze Momente mit dem Nachbarsjungen komplett in seine Welt der ständig gewaltbereiten Verbitterung zurück. 

Dann heißt es nun mal auch schlicht „Tyrannosaurus“, nicht T-Rex, keine Spur von adlig-königlichem Gemüt, sondern reine Destruktion. Joseph befindet sich in einem schwarzen Loch der Gewalt und zwar der Gewalt in und um ihn. Vom eigenen Überlebensinstinkt getrieben, versucht in der Welt der niederen Sozialschichten jeder irgendwie klar zu kommen. Räuber, Aasfresser – das Gesetz des Stärkeren. Und wer zuerst kommt, sollte aufpassen, wer hinter seinem Rücken lauert. Nicht zufällig fokussiert sich Regisseur und Drehbuchautor Considine häufig klar auf die Hände, die Instrumente der Gewalt. Auch wenn der Tyrannosaurus nicht gerade für seine gefährlichen Pranken berühmt war, so ist die Wirkung der Hände doch sofort ersichtlich. Gewalt und Zorn werden wütend verbal artikuliert und durch die Hände ausgeführt. Notfalls auch mit Schlüssel zwischen den Fingern. Diese Titeldeutung durchzieht den flirrend aggressiven, ständig brodelnden Film, bis Considine in einer genialen Wendung und reichlich salopp die eigentliche Bedeutung festmacht. Eine eher poetisch-romantische Deutung, die perfekt die zwei Gesichter des Films auf den Punkt bringt.

Als Joseph mehr oder weniger zufällig auf Hannah, eine gläubige und vergebende Verkäuferin in einem Second-Hand-Shop trifft, beginnt in Joseph ein Prozess, der langsam, unstetig, aber zunehmend spürbar voranschreitet. So auch der Film, der von nun an immer hin und her pendelt zwischen den beiden Hauptfiguren. Nicht immer mit dem nötigen Fokus, aber zunehmend tritt Hannah in den Film und damit in Josephs Leben, der eigentlich nie zu eng mit Menschen sein will und schon gar nicht mit einer Frau. Mit ihr erweitert der Film seine soziale Komponente. Der Überlebenskampf der Unterschicht wird im Alltag der besseren Arbeiterklasse gespiegelt, der Hannah angehört. Neben Joseph, dem Archetypus des realistischen britischen Kitchen-Sink Antihelden, tritt Hannah als Erweiterung der Arbeiterklassenwelt. Gewalt entsteht nicht nur auf den Straßen der heruntergekommenen Vororte, nicht nur durch Armut und soziale Missstände, sondern auch hinter den Mauern sauber gepflegter und uniformer Reihenhäuser in besseren Vierteln. Eddie Marsan, nicht zuletzt bekannt als Fahrlehrer in Mike Leighs „Happy-Go-Lucky“, tritt auf. In seiner so absurden wie abartigen ersten Szene macht er direkt deutlich, was für ein Typ Mann Hannahs Ehemann ist. Ein psychisch labiler Schwächling, der sich vor einer Schwächeren aufspielt, sie erniedrigt und von ihrer naiven Gutmütigkeit profitiert. 

Considine mutet seinen Darstellern und seinem Publikum mitunter einiges zu. Nicht immer graphisch, aber thematisch führt er uns in finstere Abgründe, die seine phänomenalen Darsteller durchleiden und durchkämpfen müssen. Mullan und Colman sind herausragend, intensiv und erden die Momente, in denen Considine die Übersicht entgleitet oder er übermütig wird und meint, noch deutlicher und extremer zu werden. Mit „Eine Liebesgeschichte“ ist der Film in Deutschland untertitelt, was den Kontrast zum Haupttitel wunderbar verdeutlicht. In all dem Unheil, in den finsteren Ausmaßen häuslicher Gewalt und den psychischen Wunden, die die Menschen mit sich tragen, entsteht dennoch eine äußerst sensible und realistische Freundschaft, die vielleicht eine Liebe werden könnte. Für den ganz großen Wurf fehlt Considine der klare Blick für das letzte Drittel, in dem er sich mit einer unangebracht wirkenden Musikmontage und ein paar Zeitsprüngen etwas verzettelt. Doch mit seinem Debütfilm als Autor und Regisseur setzt der sympathische Engländer direkt ein Ausrufezeichen und befindet sich annähernd auf Augenhöhe mit den Vorreitern des realistischen britischen Sozialdramas, den Mike Leighs, Andrea Arnolds oder Ken Loachs der Filmwelt. Bleibt zu hoffen, dass er dieses Niveau halten oder gar noch ausbauen kann.

Fazit:
Finsteres Sozialdrama mit sensiblem, ja hoffnungsvollem Kern. Packend und aufreibend, mit grandiosen Darstellern, die kleine Unebenheiten im Script schnell vergessen machen.

8 / 10

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