BG Kritik:

Under the Skin


von Christian Mester

Under the Skin (US, 2014)
Regisseur: Jonathan Glazer
Cast: Scarlett Johansson

Story:
In schottischer Provinz ist eine Außerirdische (Scarlett Johansson) als Menschenjägerin unterwegs. Jeden Tag bereist sie Städte und Käffer, um Männer mit ihrer attraktiven Form zu verführen und sie zu einer unheimlichen Höhle zu locken, wo sie in unendlichem Schwarz versinken...

Der Anti-Species.

Alienfrau auf Männerjagd? Das klingt zunächst ganz nach dem 90er Sci-Fi-Erotik-Action-Horror-Thriller Species. Natasha Henstridge spielte in dem unterhaltsamen B-Movie Genremischmasch Sil, eine von Xenomorph-Visionär HR Giger designte biomechanische Invasorin, die menschliche Samenspender für eine neue Herrenrasse suchte. Under the Skin könnte von der Beschreibung her fast schon dessen Remake sein, könnte als Film aber nicht differenzierter ausfallen.

Ein Film, wie er kaum weniger Mainstream sein könnte


Under the Skin desinteressiert den Durchschnitts-Filmausleiher schon mal agressiv direkt dadurch, trotz des Themas keinerlei Thriller-Aspekte aufzufahren. Niemand kommt Scarlett auf die Schliche. Es gibt keine Wissenschaftler, keine geheime Großfahndung, keine Actionszenen zwischen ihr und Polizisten und keinen Einsatz von außerirdischen Superkräften. Über die Handlung sei nicht viel verraten, nur so viel: es ist ein existentielles Charakterdrama, das sich gezielt gebräuchlichen Unterhaltungsfilmaspekten entzieht. Scarlett hatte in diesem Jahr schon Captain America 2 und Lucy, zwei effektbeladene Mainstream-Actioner, dann aber auch das sensible Zukunftsdrama Her und die leichte Pornografie-Dramödie Don Jon. Under the Skin ist noch Lichtjahre weiter von Her und Don Jon entfernt und in diffusem Lynch-Territorium anzusiedeln, am Mulholland Drive. Mit stimmungsdrückender Musik, unüblich hässlichen Bildern, die nichts für HD oder IMAX-Wertschätzungen sind und vermeintlich leeren, verstörenden Figuren und Momenten.

Bevor es zur Atmosphäre geht - Scarlett, die sonst immer als außerordentlich attraktiv inszeniert wird, ist hier kaum wiederzuerkennen. Mit ländlichem Uschi-Haarschnitt und dicken Jacken ist sie für Hollywoodverhältnisse ungewöhnlich entschönt. Interessant ist das in Bezug auf ihre Rolle als Verführerin im Film, wobei man bewusst gewöhnlich aussehende Männer als Opfer wählt. Fußgänger, Trucker und andere einsame Seelen, die in kalten Nächten schnell gewillt sind, bei freundlichen Uschis einzusteigen. Männer, die auf desolaten Sex aus sind und demnach von einer außerirdischen Gottesanbeterin bestraft werden? Nein, so simpel ist der Film nicht. Scarletts Alien ist höflich und spricht nicht, wie sie es könnte, wie eine Bordsteinschwalbe, ist niveauvoller als ihre Rolle aus Don Jon, und die Männer die sie findet sind nicht auf der Suche nach einer neuen Eroberung. Einsamkeit und die Suche nach entgegneter Zuneigung sind wichtige Themen des Films, die Alien-Scarlett mit der Zeit beobachtet und neu zu empfinden versucht, und die der Film sehr sensibel untersucht.

Ungemütlich, stimmig, schaurig


Für Johansson ist es keine leichte Performance, da sie nicht viel zu sagen bekommt und zum einen stets schwer eingepackt, in anderen Szenen hingegen erstmals splitternackt zu sehen ist. Ihre Nacktszenen sind jedoch nie anregend gemeint; im Gegenteil, sie sind mit wissenschaftlicher Sterilität inszeniert. Eine krankenhaushafte kühle Art, in der der gesamte Film erlebt wird. Sicherlich wollten schon viele Regisseure, dass sie sich auszieht, doch hier passt das Mantra 'nur wenn es für die Handlung wichtig ist'. Es wird ein wichtiger Kontrast und lässt den Filmtitel in einem anderen Licht stehen. Johansson spielt dieses isolierte, ihre Umwelt und ihre Handlungen neugierig analysierende Alien beeindruckend unmenschlich, gleichzeitig faszinierend, unheimlich und gefährlich, und obgleich es ihr Endziel ist bei der Auslöschung der Welt zu helfen, empfindet man bald mit ihr. Mittlerweile ist man sie als so sehr als angenehme Leinwandpräsenz gewöhnt, dass diese Rolle, bei der sie sich wahrscheinlich auch ein wenig von Arnold in Terminator 1 inspirieren ließ, mal wieder an ihre Talente erinnern. Was die Horror-/Außerirdischenaspekte betrifft, hat Under the Skin nur wenige Momente, die dafür umso intensiver wirken. Mord und Thrill stehen weiterhin nicht auf dem Programm.

Zurück zum Lynch-Verweis, denn Under the Skin hat Atmosphäre so dick, dass sie glatt mit dem Buttermesser aufgetragen sein könnte. Die nichtssagenden schottischen Kaffwelten sind ein unheilvoller Ort und in arg hässlichen Bildern eingefangen, doch es ist der grenzgeniale Score, der dem Film zu seiner großen Empfehlung verhilft. Ruhiges, monotones Elektrogeklimper und dichte Moll-Synthiewelten mit hoher Eindringlichkeit rufen Stimmung aus Filmen wie Only God Forgives oder Inland Empire ab, die ebenso bannt wie zu erdrücken scheint. Under the Skin ist schon durch seine wenig aktive Handlung ein langsamer Film, mit dem Score aber auch ein sehr kräftezehrender, dessen Ende dann auch gut tut, dass es endlich vorbei ist. Keine Frage, der Film ist fordernd, sogar ein wenig deprimierend, aber belohnt mit einem starken Ende und vielen nachkommenden Gedankengängen über die Bilder und Bedeutungen des Films. Ein hässlicher Film mit leuchtendem Herz, das erst unter mehreren Lagen Haut zu finden ist.

Fazit:

Under the Skin geht tatsächlich unter die Haut, aber schwarz und bitter. Für die meisten ohne Zweifel ein unerträglich langatmiger "Arthouse-Film in dem nichts passiert" und in dem Scarlett Johanssons Nacktszenen so kühl eingefangen sind, dass "selbst das nichts bringt". Ein Film, der nicht weiter von Sachen wie Transformers entfernt sein könnte, die auf Daueraction, Effekte, HD-Bildqualität, Witz, Spannung, Attraktivität, kreative Fahrzeuge, Gadgets und Figuren, klare Verhaltens- und Charakterbilder und einfache Unterhaltungen aus sind. Kann man sich aber auf den schneckenhaften, eigenwilligen Stil, die dicht aufgetragene Atmosphäre und die faszinierende Alienbesucherin einlassen, ist er ein unvergesslicher Meilenstein des Kinojahres.

8 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel

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