Kritik:
Unknown Identity
von
Christian Mester
UNKNOWN
(2011)
Regie: Jaume
Collet-Serra
Cast: Liam Neeson, Diane Kruger
Story:
Dr. Martin Harris (Liam Neeson) und seine junge Frau (January Jones)
sind eines Tages nach Berlin geladen, um an einer Veranstaltung
für Wissenschaftler teilzunehmen. Als er unterwegs jedoch
einen Unfall mit einer Taxifahrerin (Diane Kruger) hat und dadurch
für ein paar Tage im Koma landet, gerät sein Leben
aus den Fugen. Nicht nur, dass er all seiner Personalien beraubt wird,
er trifft seine Ehefrau wieder, die kurzerhand so tut, als kenne sie
ihn nicht. Harris‘ Schrecken wird größer,
als sie plötzlich einen fremden Mann als den echten Martin
Harris präsentiert und man seinen Geisteszustand in Frage
stellt.
Kritik:
Der Ire Liam Neeson
ist schon seit 30 Jahren im Filmgeschäft tätig,
gehört aber erst seit der letzten Dekade zu der oberen
Top-Riege Hollywoods. "Star Wars Episode 1 – Die dunkle
Bedrohung", "Batman Begins", "Königreich der Himmel", "Das
A-Team", "Kampf der Titanen", "Gangs of New York" – Neeson
blickt derweil auf eine beachtliche Blockbuster-Karriere
zurück und legt dafür aktuell sogar einen
Arbeitseifer an den Tag, von dem sich andere Darsteller ruhig einmal
eine Scheibe abschneiden könnten. Allein in den letzten zwei
Jahren hatte er zehn Projekte, von denen die meisten sogar erfolgreich
liefen.
Sein
neuer Streifen, "Unknown Identity", ist nun ein Thriller vom Regisseur
von "House of Wax" und "Orphan – Die Waise", Jaume
Collet-Serra, in dem Neeson auf hitchcockschen Pfaden wandert. Der
Film, der in Berlin gedreht wurde, will maßgeblich in die
Fußstapfen einer klassischen Verwechslungsgeschichte nach Art
eines "Der unsichtbare Dritte" treten und damit ein weiterer Hit in
Neesons langer Liste werden. Da schon Collet-Serras letzter Film
"Orphan – Die Waise" zum unverhofften Geheimtipp wurde,
durfte man auf ihr gemeinsames Projekt gespannt sein.
Eines Tages von einem Fremden
ersetzt zu werden und auf einen Schlag sein Habe, seine Freunde und
beruflichen Hintergründe zu verlieren, ist in der Tat ein
gruseliger Gedanke, den Jaume Collet-Serra in seinem neuen Film
zunächst relativ effektvoll umzusetzen weiß. Man
fiebert mit Neeson mit, der aufgebracht versucht, seine
Identität zu beweisen und dabei feststellen muss, dass seine
Gegenspieler sehr gründlich gearbeitet haben, um dies zu
erschweren. "Unknown Identity" bleibt jedoch nur leider so lange
unterhaltsam, bis Neesons erster Schock nach dem Unfall
überwunden ist.
Ist er wieder bei Verstand, ergibt es von seiner Perspektive gesehen
recht schnell wenig Sinn, dass er nicht einfach beweisen kann, wer er
ist. Im Film wird dies deutlich gemacht, in dem seine Personalien
ausgetauscht werden, er keine Freunde erreichen kann, man das
Überwachungsvideo einer Kamera und das Foto auf der Website
seiner Universität ausgetauscht hat, doch gerade im digitalen
Zeitalter wirkt es äußerst unglaubwürdig,
dass Neeson als angeblich angesehener Wissenschaftler niemanden
erreichen kann, der seine Identität verifizieren
könnte.
Im Film wird Neesons Unvermögen, seine missliche Lage nicht
klären zu können später zwar
erklärt, doch da man als Zuschauer lange glauben soll, dass er
als vollkommen Unbeteiligter Opfer eines geheimen Komplotts wird,
verliert das Mysteriöse, das Kernelement des gesamten Films,
schnell an Reiz. Es wirkt unwirksam versucht, den Glauben mit
unplausiblen Ideen und großen Logiklöchern aufrecht
zu erhalten. Schlimmer wird es sogar, als nach und nach offen gelegt
wird, was tatsächlich hinter allem steckt.
Es folgt eine als große Wendung gedachte schwache
Auflösung, die jedoch schon früh absehbar wird und
dem Ganzen damit nicht bloß an Spannung nimmt - sie zieht das
davor Gesehene nahezu ins Lächerliche, denkt man einmal
über die Konstellationen und Ereignisse nach.
Regietechnisch ist der Film immerhin relativ solide umgesetzt. Jaume
Collet-Serra treibt das Geschehen relativ flott vorwärts, doch
obwohl es nie wirklich langweilig wird, wird auch keine der
eingestreuten Action-Szenen je aufregend. Es gibt eine kleine
destruktive Verfolgungsjagd, ein wenig Handgemenge, Explosionen, aber
gegen eine Hausnummer wie "96 Hours" ist die Action hier
allenfalls Kaffeefahrt mit Großmüttern. Der
Look des Films fällt relativ blau- und silberfarbend, und
damit sehr kühl aus, was von einem recht finsteren Soundtrack
untermalt wird. Trotz effektiver Bild- und Tonwelten fehlt es dem Film
jedoch bei aller technischen Hingabe völlig an stimmiger
Atmosphäre, was in erster Linie an der schwachen Handlung und
oftmals unmotivierten Darstellern liegt.
Liam Neeson selbst bleibt die größte Stärke
des Films. Er trotzt den unplausiblen Gegebenheiten so gut wie
möglich und schafft einen Charakter, dem man zumindest in der
ersten Filmhälfte noch gerne folgt, bevor ihn die zweite dann
zu einem schwachen Jason-Bourne-Abklatsch verkommen lässt.
Ebenfalls gut ist der Deutsche Bruno Ganz (Hitler aus "Der Untergang"),
der in einer kleinen, aber soliden Rolle überzeugt,
während der immerzu gute Frank Langella ("Frost/Nixon", "The
Box") leider nur wenige Momente bekommt. Die Deutsche Diane Kruger aus
"Inglorious Basterds" und den "Vermächtnis" Filmen mit Nicolas
Cage hingegen ist halbwegs akzeptabel, bleibt aber distanziert und
wirkt als Rolle nie wirklich nötig. Überaus schwach
hingegen ist January Jones (übrigens kein
Pornodarstellerinnen- und auch kein Künstlername, sondern ihr
echter), derzeit aus der Serie "Mad Men" bekannt und im Sommer als Emma
'White Queen' Frost in "X-Men: Erste Entscheidung" zu sehen, die als
vermeintliche Ehefrau Neesons nicht viel blasser agieren
könnte. Sie ist so schlecht (und auf dem Niveau jener Damen,
die bei Boxkämpfen knapp bekleidet die Rundenzahlen durch den
Ring tragen), dass es aussieht, als lese sie ihre Dialoge von einem
Teleprompter ab, allerdings schien Collet-Serra dies im Laufe des Drehs
noch gemerkt zu haben und hat ihr eine finale Szene verpasst, die
passend zum Charakter unfreiwilliges Gelächter provoziert. Der
falsche Harris wird von Aidan Quinn gespielt, ist als
Bösewicht aber ebenso ineffektiv wie der aus deutschen Filmen
bekannte Stipe Erceg ("Die fetten Jahre sind vorbei"), der hier
hölzern einen wortkargen Killer mimt.
Fazit:""
"Unknown
Identity" will vieles sein – ein aufregender Action-Thriller
vom Schlage eines "96 Hours", ein rätselhafter Charakterfilm
im Stile eines "Memento" oder ein anspruchsvoller Krimi nach Art der
klassischen Alfred Hitchcock Filme. Letzten Endes gelingt ihm jedoch
nichts wirklich; es ist ein eher durchschnittlicher Thriller mit
gewaltigen Logiklöchern, schwachen Figuren und nur
mäßigen Actionszenen. Einzig Neesons gewohnt
sympathisches Auftreten und eine solide Werksregie sprechen
dafür, dass man sich diesen später auf DVD ansehen
sollte - für einen Film dieses Budgets, dieser Besetzung und
dieses Potenzials ein schwacher Beitrag.
4,5 /
10
10
- Meisterwerk
8-9
- sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel
> Deine Meinung
zum Film?
|