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Kritik:
Die Unsichtbare


von Christian Westhus

DIE UNSICHTBARE
(2012)
Regie: Christian Schwochow
Cast: Stine Fischer Christensen, Ulrich Noethen, Anna Maria Mühe

Story:
Die junge Josephine macht eine Ausbildung zur Theaterschauspielerin in Berlin. Als ein angesehener Regisseur plant, ein Stück nur mit Studenten zu besetzen, ist auch Josephine dabei und erhält völlig überraschend die Hauptrolle. Doch die verschlossene und unerfahrene „Fine“ wird von ihrem dominanten Regisseur dazu getrieben, die nymphomanische und halbpsychopathische Rolle nachzuempfinden, komplett zu verinnerlichen. Für die junge Frau beginnt eine bedrückende Auseinandersetzung mit ihrer Psyche und ihrem Körper.

Kritik:
Eine junge Frau will auf den Brettern, die die Welt bedeuten, etwas leisten. Eigentlich unsicher und schüchtern, gerät sie an eine Rolle und einen Regisseur, die sie fordern und verändern, die einen massiven Einfluss auf Leben und Psyche der jungen Frau haben. Bald schon driftet ihr Leben auf schmerzhafte und/oder negative Bahnen ab. Und uns kommt diese Chose mal reichlich bekannt vor. Man tausche Theater gegen Ballett, packe irgendwo Natalie Portman hinzu und erhalte schließlich den letztjährigen „Black Swan“. Und zumindest in den ersten 40 Minuten ist der neue Film von „Novemberkind“ Regisseur Christian Schwochow eine bisweilen dreiste „Black Swan“ Kopie, nur ohne fantastische Horror-Elemente, dafür mit einer behinderten Schwester, die das schwierige Familienleben unserer Prima Ballerina, pardon, Hauptrolle zusätzlich erschwert. Josephine, ein schüchternes junges Ding mit dänischen Wurzeln, steht eigentlich kurz davor, an der Schauspielschule zu versagen. Da kommt das Comeback des Starregisseurs daher und wider Erwarten erhält Josephine die Hauptrolle. Ein „pädagogischer Arschtritt“, wie Schauspiellehrer Ulrich Matthes meint.

Und der Regisseur, mit seiner so klaren wie prätentiösen Vorstellung von Authentizität und gelebten Rollen, treibt seine Psychospielchen mit der armen, unerfahrenen Josephine. Oder auch „Psychokacke“, um es mit den Worten von Anna Maria Mühe zu sagen. Josephine soll mal die Sau rauslassen, denn für eine Schauspielerin scheint ihr Erfahrungshorizont zu beschränkt, für die Rolle der ‚Camille‘ erst recht. So erscheint es jedenfalls dem aufbrausenden Künstler und Machtmenschen, der sich da Regisseur nennt, obwohl er von Fines Erfahrungsbeichte beim Dildo-Drehspiel bei einer Feier des Ensembles doch gar nichts wissen kann. Echte Macher haben halt einen Riecher für psychisch angeknackste junge Mädchen. Gell? Warum dann aber sogar ein netter Bekannter unserer Hauptdarstellerin diese mit lehrreichen Psychospielchen zur „Vernunft“, wahlweise auch zur Ruhe zu bringen versucht, bleibt Schwochows Geheimnis. Josephine selbst darf sich mit ihrer Verhaltens-Carte-Blanche jedenfalls maximal gegen die Frauen ihrer Familie durchsetzen, zieht bei den Männern aber stets den Kürzeren.

Zum Glück schlägt der Film nach dem ersten Drittel einen mehr oder weniger eigenen Weg ein, der den uneinholbaren Vergleich zum amerikanischen Vorbild weniger dringlich erscheinen lässt. Statt die Auflösung der Künstlerin im Werk zu beschreiben, wie es in Darren Aronofskys Film der Fall war, fokussiert sich Schwochow stärker auf die realen psychischen Auswirkungen unserer Protagonisten, rückt die Familie, die Möglichkeit einer Liebe und die eigenartig-faszinierende Beziehung zwischen Regisseur und Hauptrolle in den Vordergrund. Mit Perücke und Kostüm stapft Fine durch die nächtliche Stadt und lockt mit der zentralen Dialogzeile des Stücks („Sex ist für mich wie Kuchenessen.“) Männer an. Aber eine eigentlich verschlossene, zutiefst verunsicherte junge Frau wird natürlich nicht auf Knopfdruck zum Vamp. Schwochow erspart ihr, in ihrer Art an die ganz falsche Art von Männern zu geraten. Fines Sinn- und Persönlichkeitssuche geht aber bald schon über das Stück hinaus, was aber auch nicht verwunderlich ist, gibt die ‚Camille‘ doch auch nicht viel her. Mit dem vielleicht in Anlehnung an „Die Kameliendame“ entstandenen, aber in erster Linie ausgedachten Stück, das Josephine hier so durcheinander bringt, sie zur sexgierigen Leidensfrau macht, tut sich Schwochow keinen Gefallen. Nie erhalten wir ein richtiges Gefühl dafür, wofür Fine sich da so abrackert und hingibt. Mehr als der mehrfach wiederholte zentrale Ausspruch und die Stilisierung der Hauptfigur als selbstzerstörerisches Sex-Opfer, ist aus dem Theaterstück nicht zu holen. Entsprechend beliebig erscheinen die Szenen von der Probe, entsprechend gewollt erscheint Fines Taumeln. 

Noch dazu lässt Schwochow seine Szenen nicht auslaufen, bricht sie oft viel zu früh ab und sorgt so für Verwirrung. Ein Film, der sich so stark auf seine Hauptfigur und ihr Innenleben fokussiert, kann es sich nicht leisten, den Zuschauer mit dem unsicheren Verdacht zurück zu lassen, wie weit es Fine gerade getrieben hat. Da dem Film in der ersten Stunde ein gewisses radikales Element fehlt, geht man eh meist vom geringeren Extrem aus. Gegen Ende dann aber trotzdem die doppelte Dampfhammer-Eskalation und die lang ersehnte Selbstfindung der Hauptfigur, die dennoch Zweifel aufwirft. Zweifel über die Rolle des filmischen Regisseurs als böser Vater und Mentor, und die Rolle von Autor und Regisseur Schwochow, der die Katharsis seiner Heldin mit vielen Fragezeichen versieht. Zum Glück aber sind die Darsteller gut, oft sogar sehr gut. Insbesondere Stine Fischer Christensen. Die Dänin, die ihren deutschen Text größtenteils phonetisch lernte, gibt eine famose Leistung ab, die die bisweilen zu wild zwischen den Extremen angelegte Figur immer wieder zurückholt, ja rettet. Durch Fischer Christensen macht sich das Bemühen von Christian Schwochow doch noch zu einem gewissen Teil bezahlt und der Tour-de-Force Adoleszenz-Prozess der Hauptfigur entfaltet in Ansätzen doch noch seine Wirkung. Nur die vielleicht etwas zu hoch gesteckten Ziele, kann „Die Unsichtbare“ nicht ganz erreichen.

Fazit:
Eine großartige Hauptdarstellerin und gute Nebendarsteller retten ein häufig zu wenig fokussiertes, zu zahmes und unentschlossenes Script. Was zunächst noch wie eine „Black Swan“ Kopie erscheint, wird am Ende zu einer immerhin gelegentlich interessanten Psychostudie, die aber ihr Potential nicht vollends entfalten kann.

5,5 / 10

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