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Kritik:
Verblendung
(Remake)


von Christian Mester

THE GIRL WITH THE DRAGON TATTOO (2012)
Regie: David Fincher
Darsteller: Daniel Craig, Rooney Mara

Story:

Für den schwedischen Star-Reporter Mikael Blomkvist (Daniel Craig) lief die letzte Entdeckung ins Leere. Die unlauteren Methoden eines Großindustriellen konnte er plötzlich nicht mehr nachweisen, weswegen man ihn der Verleumdung bezichtigte. Eine Niederlage, die ihn seinen Ruf und eine große Entschädigungssumme kostete. Da kommt ihm ein neuer Fall gerade recht, der ihn in eine abgelegene Gegend führt.

Für den Unternehmer Henrik Vanger (Christopher Plummer) soll er auf dessen Anwesen einen alten Mordfall lösen. Vor rund 40 Jahren verschwand Vangers Schwester Harriet. Seitdem erhält Vanger jedes Jahr ein Bild mit einer eingerahmten Blume, anscheinend von ihrem Mörder. Zusammen mit der ebenso introvertierten wie begabten Hackerin Lisbeth Salander (Rooney Mara) durchwühlt Blomkvist die Familiengeschichte der Vangers, was zu düsteren Offenbarungen führt.

Kritik: Verblendung (2009)
Kritik: Verblendung II: Verdammnis (2010)
Kritik: Verblendung III: Vergebung (2010)

Kritik:

Da ist es also, das US-Remake der schwedischen Romanverfilmung Verblendung. Jener ursprünglich mal als TV-Film gedachten Adaption, die unerwartet zum europaweiten Kinohit wurde. Der Überraschungserfolg unserer Teichseite führteg gar zu einem bemerkenswerten Einspiel von 90 Millionen Dollar – einer Zahl, die Produzenten in den USA aufhorchen ließ. Film akquiriert und heimisch vorgeführt, doch das führte zu nichts - das US-Publikum mied ihn. Weil man jedoch weiterhin an die Geschichte glaubte und Star-Regisseur David Fincher (Fight Club, The Social Network, Sieben) ganz versessen darauf war, sie noch mal neu zu verfilmen, ließ man ihn.

Für die Rolle des Blomkvist gewann man den aktuellen Bond Darsteller Daniel Craig, für den Film selbst ein gewaltiges Budget, achtmal so groß wie das der Vorlage. Am meisten durfte man auf die neue Hauptdarstellerin gespannt sein, denn Noomi Rapace aus dem Original hatte mit einer unvergesslichen Darbietung verblüfft. Einer Performance, durch die sie Hauptrollen in Sherlock Holmes: Spiel im Schatten und dem diesjährigen Mega-Projekt Prometheus bekam. Ob ihre Nachfolgerin es ihr gleich tun könnte? Rooney Mara spielte zuvor kurz in The Social Network, darüber hinaus die Hauptrolle im A Nightmare on Elm Street Remake - beides leider wenig auffällig.

Sollte man die schwedischen Filme oder ihre Romanvorlagen noch nicht kennen, darf man die Reihe als Mischung aus Krimi und Charakterdrama sehen. In diesem ersten Teil dominieren beide Aspekte den gesamten Film. Zum einen dreht sich alles um den mysteriösen Mordfall der Harriet Vanger. Blomkvist wirbelt bei seinen Ermittlungen lang liegenden Staub auf und macht sich Feinde, die später sein Leben bedrohen. Auch in der neuen Verfilmung ist es spannend, seiner Aufdeckung des Falles zu folgen. Im Gegensatz zu vielen modernen Thrillern verläuft dabei vieles auf traditionelle Weise. Anstatt unnötiger Action und Besuchen in Stripclubs werden Akten gewälzt und Zeitzeugen befragt. Craig überzeugt in der Rolle des hartnäckigen Ermittlers, der als Darsteller einmal keinerlei Bond-Züge hat. Sein Blomkvist ist ein zurückhaltender Mensch, der physische Auseinandersetzungen scheut. Dem Darsteller gelingt es gut, den Ehrgeiz seiner Rolle zu vermitteln. Da er zudem sehr sympathisch ist, wird das prinzipiell eigentlich unspektakuläre Durchforschen von Beweismitteln nie langweilig. Gerne folgt man ihm und ist gebannt, wie sich die Geschichte wohl weiter entwickeln mag.

Ebenfalls wichtig ist die Konzentration auf seine junge Kollegin. Lisbeth hat vieles in ihrem Leben durchmachen müssen. Aufgrund diverser Umstände steht sie noch immer unter einem vom Gesetz vorgegebenen Vormund, der sie kontrolliert. Als der Mann sich aber auch noch an ihr vergeht, explodiert die ohnehin schon angeknackste junge Frau und rächt sich. Anstatt jedoch sämtlichen Glauben an Männern zu verlieren, findet sie Faszination an Blomkvist und dessen Fall. Ein ungleiches Gespann, ergänzen sie sich in interessanter Mischung. Die Geschichte stellt Lisbeths Charakter und Blomkvists Fall als wichtigste Kernpunkte hervor, die zusammen für einen starken Film sorgen. Ebenso wichtig ist die Kulisse Schwedens, die für stimmige Atmosphäre sorgt. In Finchers teurem Remake ist die Schönheit der Bilder nicht zu übersehen. Viele Standbilder würden sich als Wallpaper anbieten, oder gerahmt an die Wand. Hinzu kommt, dass Nine Inch Nails-Musiker Trent Reznor nach Finchers The Social Network erneut für einen einnehmenden Score sorgt. Dieser ist zwar dezenter als sein letzter, verleiht dem Film aber große Kraft. Fans der Band dürften sich am ehesten an dessen Werk Ghosts I-IV erinnert fühlen.

Wer die schwedischen Filme bereits kennt, der will natürlich wissen, inwiefern sich die beiden Interpretationen unterscheiden. Überraschend ist, dass die Unterschiede abseits der aufwendigeren Bild- und Tonumsetzung nur gering sind. Inhaltlich haben sich lediglich Bruchstücke verändert. Charaktere sind an leicht anderen Orten zu finden, die Beziehung zwischen Lisbeth und Mikael fällt etwas wärmer aus. Lisbeth selbst ist emotionaler und weniger biestig. Sie wirkt gefasster, während Rapaces Variante immer angespannt und impulsiv erschien. Rooney Mara spielt die Rolle gut, ist aber weniger markant als Rapace zuvor. Kennt man beide Fassungen, bleibt ein Stärkenvergleich wohl nicht aus. Bei diesem zieht die 90 Millionen Dollar teure Neufassung den Kürzeren. Dass der Film höchst aufwendig umgesetzt ist, ist kein großes Plus, da der größte Stimmungsmacher – die schwedische Szenerie – auch schon in der günstigen TV-Produktion überzeugte. Lisbeth wird in beiden Filmen schwer verletzt, doch in der schwedischen Fassung wirkt der Vorfall und sein Nachwirken noch drastischer. Das Remake fasst die emotionale Intensität schwächer, was sich auch auf zwei andere Aspekte übertragen lässt. So spannend die Spurensuche sein mag, ist hier durch ungünstige Inszenierung leider direkt offensichtlich, wer der Killer ist. Die Spannung endet also verfrüht. Zumindest darf man Fincher dafür danken, dass er den Showdown, auch wenn es sich beinahe anböte, nicht zum Spektakel macht. Amüsant ist derweil, dass die Titelsequenz im Stil eines Bond Films inszeniert wurde.

Fazit:
Auch in der US-Variante ist Verblendung ein gelungener Krimi mit interessanten Figuren. Die Unterschiede zum Original sind überraschend gering, sorgen dann aber leider dafür, dass die Neuumsetzung etwas schwächer ist. Ob das Remake nötig war, lässt sich somit anzweifeln. Es ist ein guter Film, gehört aber fraglos in die untere Hälfte von Finchers bisherigem, wenn auch guten Output. Wesentlich interessanter dürften die Fortsetzungen sein. Da die Teile 2 und 3 der schwedischen Verfilmung eher schwach sind, gäbe es da vieles zu verbessern. Da könnten Fincher, Mara und Craig dann auftrumpfen – hier noch nicht.

7 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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