home  |  vorschau  |  kritiken  |  gewinnspiele  |  drehbücher  |  impressum  |  links  |  chat  |  forum


 

KRITIK:

WALL STREET 2:
Geld schläft nicht


von Christian Westhus

WALL STREET 2: MONEY NEVER SLEEPS (2010)
Regie: Oliver Stone
Cast: Michael Douglas, Shia LaBeouf

>auch lesen: Westhus' Kritik zu Wall Street (1987)

Story:
Acht lange Jahre hat Gordon Gekko (Michael Douglas) wegen allerlei Betrügereien auf dem Finanzsektor im Gefängnis verbracht. Als er einsam und verbittert in die Freiheit tritt, sucht er nach dem Neuanfang. Zeitgleich versucht sich der junge Jake Moore (Shia LaBeouf) an der Börse, sucht nach einem verpatzten Deal jedoch einen finanziellen Ausweg. Wie passend, dass er mit Winnie (Carey Mulligan), Gekko Gordons Tochter liiert ist…

Michael Douglas ist nur
zwei Jahre älter als Sylvester Stallone

Kritik:
Geiz ist geil, aber Gier ist geiler. Besonders aber ist Geiz immer noch geil, weil die, die unser eisern mit schottischem Geiz angespartes Geld verwalten sollten, damit hausieren und spekulieren gingen. Von nichts kommt nichts und aus viel wird hoffentlich mehr. Ergo fahren die Banken, Broker und Börsianer die ganz schweren Geschütze auf und gieren nach jeder Möglichkeit, die sich in Form von Investments, Spekulationen und schlichtem Betrug bieten. Gier ist eben geiler und einfacher, wenn man beim Scheitern nicht den Kopf hinhalten muss. Oliver Stones Nachschlag zum starken „Wall Street“ ist eigentlich schon lange überfällig, weil sich die reale Welt schon längst in der globalen Finanzkrise befindet, in die man im Film gerade erst mit Karacho hineinrauscht. Kann aber auch rückblickend funktionieren, als kritische Sezierung der Unglück bringenden Mechanismen.

Als Gordon Gekko aus dem Gefängnis kommt, findet er eine unwesentlich andere Welt vor. Eine, in der noch dreister, noch schamloser spekuliert, gefeilscht und betrogen wird. Ein gemachtes Nest für Gekko, der noch allerhand offene Rechnungen hat und einfach nur zu gerne wieder das Spiel weiter spielen will, dessen alleiniger Herr er vor ein paar Jahren noch war. Und so präsentiert sich Gekko auch als der Betrogene, verkauft sich als kleineres Übel, verglichen mit den Kriminellen Pfuschern von heute. Es ist natürlich nur Show, bis einer anbeißt, bis sich die Möglichkeit bietet, irgendwie wieder an Kapital zu kommen, wieder mitzuspielen. Und Gekko hatte schon immer einen guten Riecher, wie er an den benötigten Buy-In kommt. Aus dieser Perspektive des alten Finanzfuchses, der eine neue Spielrunde startet, hätte man wunderbar böse das gesamte Gekröse namens Wall Street, Kapitalismus und Finanzspekulation aufschneiden können, um mit bissiger Scharfzüngigkeit den Finger in die Wunden zu legen. Doch Stone scheint einen anderen Weg gehen zu wollen, hält sich jedenfalls reichlich zurück, was Gift und Galle, Hohn und Spott betrifft. „Wall Street 2“ fehlt ein wenig der Biss und das ist einerseits dem schalen Drehbuch anzulasten (an dem offiziell weder Stone, noch Stanley Weise vom ersten Teil mitgewirkt haben), aber auch Stones Regie.

Tom Cruise wollte Bud Fox' Rolle
haben, aber Stone hatte sie zuvor schon Sheen versprochen

Die Bilder gleichen sich jedenfalls. Gekko war schon im ersten Teil eine Legende, die aufstrebende Schmeißfliegen anlockte. Jake Moore (Shia LaBeouf) ist etwas jünger als Bud Fox damals, vielleicht auch weniger arrogant und kompromisslos, geht aber etwa den gleichen Weg. Einzige Neuerung ist seine Beziehung zu Winnie Gekko. Der Kontakt zu Gordon wird gesucht, erste Deals werden gemacht und schnell erfreut sich der Jungspund am geteilten Erfolg. Etwas ausgeweitet ist in der Fortsetzung der persönliche Disput Gekkos mit einem Konkurrenten, den Josh Brolin bravourös als schmierig-arroganten Finanzjongleur gibt. Brolin benutzt Gekkos Worte von Anno 1985, denn er will nicht viel Geld, er will immer mehr. Auf dem Motorrad und in weitläufigen Büros werden Deals ausgeheckt, Informationen verdreht und wird mit dem Geld anderer Leute gehandelt. Ältere Männer in Maßanzügen sitzen bei der großen Kraftmeierei zusammen und der Mist aus Fremdfinanzierungen, ungedeckten Krediten und Anleihen steht ihnen bis zum Hals. Als die hereinbrechende Finanzkrise die ersten Opfer fordert, beginnt bei den mächtigen Banken und den Brokern das große Fingerzeigen. Jeder hat Schuld, keiner will es zugeben. Diese abgrundtief skrupellosen Vorgehen werden in teils herrlich affigen Diskussionsszenen verarbeitet. Diesen zynischen Ton hätte man sich häufiger gewünscht, stattdessen übernimmt Susan Sarandon als dezent überdrehte Mrs. Moore den bekannten Part mit der Immobilienspekulation. Nett sind da nur ein paar Details, wenn Gekko die Entscheidung zwischen Idealismus und Kapitalismus fordert. Jake spekuliert nämlich im Bereich erneuerbarer Energien, tritt damit ein weiteres aktuelles Thema los und zeigt schließlich, dass er kassieren, nicht den Planeten retten will.

Der Film scheint seine soziale, menschliche Komponente in den Vordergrund zu stellen, denn Stone geht es mindestens ebenso um den Blick auf die familiären Überreste im egomanischen Finanzkrieg. So wird nie wirklich deutlich, ob dieser Film nun kritischer Finanzthriller oder Familiendrama sein will. Die Mischung funktioniert nicht immer, aber da beim Finanzpart fast nichts gesagt wird, was es nicht schon 1987 gesagt wurde, nimmt man das leise menschelnde Drama gerne an. Winnie Gekko wurde im ersten Film mit keinem Wort erwähnt, funktioniert als instabile emotionale Verbindungsinstanz zwischen ihrem Herzblatt Jake Moore und dem verhassten Daddy aber ganz gut. Carey Mulligan hat dabei nicht sonderlich viel zu tun, meistert die zwei, drei starken Szenen die sie hat aber locker und überwindet manch Dialogdurchfall, der gerade bei ihrem Charakter ab und zu akut wird. Der unentschlossene Film tritt sich jedoch auch hier in die Hacken, denn wie der ganze Film pendelt auch Gordon Gekko von einem Extrem ins nächste. Er verkommt im Mittelteil fast zur Randfigur und trotz eines souveränen (leider nicht großartigen) Michael Douglas ist das Pendeln vom gierigen Arschloch zum geläuterten Vater nicht immer glaubwürdig. Zu Beginn hält Gekko eine eher launische Rede, die ihn eher wie einen Comedian, denn wie einen Wirtschaftszyniker klingen lässt. Begeisterung erntet er von seinen Zuhörern dennoch und so scheint sich auch der Film von der Erinnerung an den eiskalten, boshaften Gordon zu nähren.

Shia LaBeouf irrt indes mit Milchgesicht und Maßanzug durch Wall Street und Börsenwelt, sieht aber aus, als ginge er noch zur High School. Dafür kann er ja nichts, außerdem schlägt er sich als Bud Fox 2.0 mit Menschlichkeits-Patch durchaus gut, doch es fällt schwer, ihn als pfiffigen Entscheidungsträger ernst zu nehmen. Die Casting-Verantwortlichen haben sich mit seiner Besetzung zumindest keinen Gefallen getan. Apropos Bud Fox, denn Charlie Sheen schneit auf einen unfreiwillig komischen Gastauftritt mal kurz für ne Minute herein, scheint dabei aber direkt vom „Two and a half Men“ Set gekommen zu sein. Wirklich bemerkenswert ist jedoch Frank Langella, der als Ziehvater für Jake Moore fungiert und die zwei Facetten seiner Persönlichkeit, die berufliche und private, wunderbar darstellt. Das (Zieh-)Vater Thema ist ebenfalls aus dem ersten Teil übernommen und wird hier durchaus anschaulich konkretisiert.

So sehr das menschliche Drama mit dem Finanzpart auch aneckt, gibt es der Handlung immerhin eine emotionale Relevanz. Schade nur, dass die emotionalen Szenen manchmal die Konsequenz vermissen lassen, wenn beispielsweise eine tränenreiche Aussprache fünf Minuten später scheinbar nicht mehr von Belang ist. Zu sehr scheint man sich beim Drehbuch auf das verlassen zu haben, was sich in der Wühlkiste für Beziehungs- und Familienzusammenführungsklischees auftreiben ließ. Zahnlos steht das Script der Horde Finanzwölfe gegenüber und zieht den Schwanz ein, versteckt sich in einer naiv-optimistischen Grundhaltung, die mit einem Appell an Zusammenhalt und Familienwerte zwar vielleicht ganz nett und irgendwie richtig erscheint, aber schlicht und ergreifend nicht anwendbar ist. Das wissen die Macher wohl auch selbst, denn dass am Ende wieder nur ein Strohmann bluten muss, während die anderen Geier weiter die Wirtschaft und das arbeitende Volk zerfleischen, ist immerhin klar und deutlich präsentiert. Nur versäumt es der Film, aus dieser Ambivalenz Kapital zu schlagen.

Und Stone versäumt es, mit seiner Inszenierung dafür zu sorgen, dass die zweifellos vorhandenen Ansätze wirklich funktionieren und beschäftigen. Auch Teil 1 war linear und bisweilen vorhersehbar, doch schmissige Dialoge und eine flotte Montage ließen das vergessen. „Money never sleeps“ wirkt leider zu selten wirklich dynamisch, sondern eher behäbig und tendenziell überlang. Stone probiert eine Menge, verwendet merkwürdige Sideswipes, ergeht sich in Split-Screen und Multibild-Effekten, benutzt sogar Lochblenden und assoziative Bildmetaphern, wie der offensichtliche Domino-Effekt oder das platte Seifenblasen-Motiv. Ohne größeren Sinn oder Nutzen eiern wir über einen digitalen Datenhighway hinein in Wall Street City, einem Hochhauskomplex aus Daten, Kürzeln, Logos und Bildern. Die Absicht ist klar, allein passen solche Effekte und Szenen nicht zum Rest. Auch die Musik – ein Pluspunkt im Erstling – ist wenig einfallsreich und schafft es nicht Handlung, Emotionen und Figuren neue Impulse zu geben.

Im durchaus nahe liegenden Vergleich mit „The Social Network“ zieht „Wall Street 2“ leider deutlich den Kürzeren, auch wenn es durchaus für einen halbwegs soliden Film reicht. Nur ist ‚solide’ eben nicht genug für die Fortsetzung eines Oberklassefilms, die schon überaktuelle Brisanz und einen perfekten Realbezug bietet. Script und Regie mangelt es an Biss, Entschlossenheit und einer klaren Linie. So beschäftigt das persönliche Glück oder Unglück im Hause Gekko und Moore mehr, als die Schlacht ums große Geld. Das ist immerhin etwas, wenn auch nicht das, was gemeinhin wohl erwartet wurde.

Fazit:
Oliver Stones „Wall Street“ Fortsetzung kommt etwas zu spät und lässt dann noch den Biss, die Neuerungen und die Entschlossenheit vermissen, um diese Steilvorlage der realen Wirtschaft zu verwehrten. Stattdessen liegt der Fokus recht häufig auf dem menschlichen Drama Part, der zwar wenig originell ist, dafür involviert. Mit ordentlichen Darstellerleistungen kommt so immerhin ein solider Film heraus, der für „Wall Street 2“ jedoch eine Enttäuschung ist.

5,5 / 10

> Deine Meinung zum Film?


Das Copyright der genannten Markennamen und genutzten Promotionsmaterialien
liegt bei den entsprechenden Besitzern. Texte und nicht-promotionalen Bilder
Copyright bereitsgesehen.de
bereitsgesehen.de ist nicht für die Inhalte verlinkter Websiten verantwortlich.