BG Kritik:

Willkommen im Tollhaus


Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!

Diese Kritik erschien im Rahmen der Kritikenreihe 'Treasure Monday'. Was ist 'Treasure Monday'?

Welcome to the Dollhouse (USA 1995)
Regisseur: Todd Solondz
Cast: Heather Matarazzo, Bill Buell, Angela Pietropinto, Brendan Sexton III.

Story:
Dawn Wiener (Matarazzo) geht in die 7. Klasse und wird von ihren Mitschülern in einer Tour gehänselt und verspottet. Auch Dawns Zuhause bietet keinen Rückhalt, mit einem desinteressierten Vater, einer überstrengen Mutter, einem aufs College fixierten älteren Bruder und einer verwöhnten kleineren Schwester. Als diese kleinere Schwester schließlich in eine unerwartete Situation gerät, ist es an Dawn zu handeln.

Was wie der schräge, bunte Independent-Cousin von 90er Jahre Teenagerkomödien klingt und auf den ersten Blick auch so aussieht, ist genau genommen ein Jugend Horrorfilm.

Gedreht mit einem Budget von nur rund 800.000 Dollar.


Die ersten drei Minuten machen schon alles deutlich: Schule ist Krieg und damit die Hölle. In einem schmerzhaft lockeren Ton, wie eine Sitcom der etwas anderen Art, gerät Dawn Wiener, gemeinhin als „Wienerdog“ bezeichnet, in zwei Konfliktsituationen, in denen sie erfahren muss, dass auf dem Schulflur das Recht des Stärkeren, Lauteren und Beliebteren gilt. Sie muss erkennen, dass Hilfsbereitschaft eine Schwäche ist und dass man sich nur darauf verlassen kann, sich auf niemanden verlassen zu können. Wann immer man einen Schwächeren in der Nähe sieht, muss man diesen Status Quo festigen – zumindest ist das die verbreitete Sichtweise, mit diesem Krieg in der Schule fertig zu werden. Bezeichnenderweise schwingt in beiden Situationen, in denen Kinder, die kaum in der Pubertät sind, einander emotionalen Schaden zufügen wollen, eine beiläufige Homophobie mit.

Als „Lesbo“ wird Dawn bezeichnet, insbesondere von der bezeichnend Lolita genannten Mitschülerin, die Dawn besonders gerne leiden sieht. Und Dawn, die eben nicht der missverstandene Unschuldsengel ist, wie er sonst in ähnlichen Rollen und ähnlichen Geschichten anzutreffen ist, schlägt mit den Waffen zurück, die sie selbst verletzten. Notfalls muss sich eben das niedlich-perfekte, unschuldige und beiläufig manipulative Ballerina-Prinzesschen namens kleine Schwester das „Lesbo“ an den Kopf werfen lassen. Mitschülerin Lolita gibt vor zu wissen, was sie sagt, doch bei Dawn können wir fast sicher sein, dass „Lesbo“ für sie nicht mehr bedeutet als eine Variation von „Arschloch“. Genauso wirft Mitschüler Brendon, der als Rowdy mit weichem Kern und kompliziertem Elternhaus ein wenig an Nelson aus „Die Simpsons“ erinnert, mit Worten um sich, deren Dimensionen oder exakte Bedeutung er womöglich noch nicht ganz erfassen kann, wenn er Dawn auflauert und ihr droht, sie bald „vergewaltigen“ zu wollen.

Überraschungsgewinner in Sundance 1996


Dawn ist eine faszinierend komplizierte Hauptfigur, die zwar das Opfer ist, sich das Leben aber auch noch ein Stück schwieriger macht. Dawn hat mit ihrer Art besser sein, eine andere Rolle einnehmen zu wollen, immer auch versuchen zu kämpfen, Widerstand zu leisten, in diesem System von vornherein verloren hat. Wenn Dawn sich wehrt ist sie es, die erwischt und bestraft wird. „Wer hat dir beigebracht dich zu wehren“, fragt erzürnt die Mutter, als Dawn nach einem Vorfall beim Rektor landet, als sei das „sich wehren“ der Ursprung des Problems, der ausschlaggebende Fehler. Mit einem familiären Umfeld wie diesem kann Dawn ihrer Situation kaum entfliehen. In einer großartig beiläufigen Szene stilisiert Regisseur Todd Solondz die Umverteilung eines Stücks Schokokuchens zu einem unterschwellig zynischen Schlag ins Gesicht. Das ist Solondz‘ Mittel, der diese irreale Welt der Schule und der (fast-)Jugendlichen auf gleichermaßen absurde und gnadenlos realistische Weise darstellt. Immer wieder gibt es Momente, die uns eigentlich schockieren müssten, die jedoch eigenartig humorvoll präsentiert werden. Wenn Brendon Dawn immer wieder mit kleinen, fast parodistischen Gesten und Blicken an seine angekündigte Vergewaltigung erinnert, ist das so ein Moment, der erst einen Moment später seine volle Wirkung entfaltet.

So irrt Dawn, die von Heather Matarazzo schmerzhaft authentisch und glaubwürdig gespielt wird, von einem kleinen Intermezzo zum nächsten. Von Lolita in der Toilette belagert, das „Treffen“ mit Brendon am Nachmittag, die nervige kleine Schwester, die blöde Band des Bruders, bis zum gutaussehenden älteren Sänger der Band, dem Dawn heimlich schöne Augen macht, ist es schließlich das unerwartete Krimi-Zwischenspiel mit der Schwester, das zur zentralen Bewährungsprobe für Dawn wird. Eine Probe die zeigt, was für ein Mensch sie ist und wie unfair diese Welt sein kann. Es ist kaum vorstellbar bei einer späten öffentlichen Rede Dawns nicht innerlichen Herzbruch zu erleiden. In knalligen Farben, auch verstärkt durch Dawns (selbst für die 90er) eigenwillige Kleiderwahl, treibt uns ein galoppierender Rhythmus aus E-Gitarre und Schlagzeug von Szene zu Szene. Wenn die kleine Schwester Missy bzw. etwas von Missy in den Fokus rückt, klimpert es ruhig und angenehm auf dem Piano, bis Solondz eine Kernszene durch den Höhepunkt aus „Schwanensee“ grell überzeichnet. Nicht nur ist die Wahrnehmung Jugendlicher überzeichnet, so die Annahme, die Realität ist obendrein zu eingeschränkt, um die Gefühlswelten junger Menschen adäquat zu adaptieren. Solondz greift zu Musik, zu Farben und zur grotesken Kontrastierung der Emotionen. Über etwas Schlimmes lachen, bis das Lachen im Halse stecken bleibt.

Fazit:

Grelles und schmerzendes Jugenddrama, das mit guten Darstellern und einer tonal ungewöhnlichen und dadurch ungewöhnlich effektiven Regie überrascht.

8 / 10

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