hauptseite  |  vorschauen  |  kritiken |  impressum |  forum



 

 

Kritik:
We need to talk about Kevin


Kritik von Jay

WE NEED TO TALK ABOUT KEVIN
(2012)
Regie: Lynne Ramsey
Cast: Tilda Swinton, Ezra Miller

Story:
Die Handlung ist zweigeteilt: in der Gegenwart versucht die allein lebende Eva (Tilda Swinton) nach einem anscheinend schlimmen Vorfall verzweifelt, zurück zu einem normalen Leben zu finden. Gleichzeitig wird erzählt, wie sie damals ihren Mann (John C. Reilly) kennenlernte und mit ihm zwei Kinder bekam, von denen eins (Ezra Miller) sie von Anfang an zu hassen und mutwillig emotional zu martern schien...

Kritik:
In John Carpenters Halloween war das gruseligste an der Figur Michael Myers, dass er schier grundlos mordete. Ein scheinbar normaler kleiner Junge, der eines Tages zum Fleischermesser greift und die große Schwester in ihrem Zimmer metzgert. Nicht etwa in Hass oder Rage, einfach nur so. Nur um anschließend gefühlserkaltet und stumm 15 Jahre in einem Zimmer zu sitzen, auf nichts reagierend, dabei auch nicht autistisch oder anderweitig mental beeinträchtigt zu sein. Was ihn als Figur also so schaurig machte, war die ewig offene Frage, wieso er all das tat. Wieso er einfach von heut auf morgen strikt böse, destruktiv und tödlich wurde.

Ähnliche Fragen werden in der Romanverfilmung We need to talk about Kevin gestellt, in der eine lebenslustige Globetrotterin nach und nach an ihrem Sohn verzweifelt, der sie von Anfang an gezielt zu hassen scheint. Getan hat sie ihm nichts, und anderen Personen gegenüber ist er offen, nett und scheinbar glücklich - nur ihr gegenüber ist er ein Monster, das mit zunehmenden Alter immer unberechenbarer und gefährlicher zu werden scheint. In vielerlei Hinsicht ist der Film ein Drama, doch das Leid, das sich ausbreitet und Evas Seele immer stärker trübt, ist so harsch, dass man den Film fraglos als Horrortitel sehen darf, im Schatten von Rosemary's Baby und Das Omen.

In beiden Rollen, der noch irgendwo hoffnungsvollen Mutter vor dem Vorfall - und der seelisch gestorbenen Mutter nach dem Vorfall, brilliert Tilda Swinton. Sie, die rund 95% des Films allein oder hauptsächlich allein bestreitet, gibt eine Glanzleistung ab, die in höchsten Tönen prämiert werden sollte. Mit äußerster Feinheit spielt sie diese unschuldige Frau, die von dem Grauen ihres Sohns immer weiter zurückgedrängt wird, bis sie später nur noch Beobachterin sein kann, unfähig, zu erschöpft, zu handeln. Die an allen Ausfallerscheinungen vorbei sieht und trotzdem noch ihren Sohn als ihren Sohn zu sehen versucht. John C. Reilly ist immer nur kurz zu sehen, was aber auch extra gehalten wird, um sie einsamer zu zeigen. Die andere bemerkenswerte Performance ist die von Ezra Miller, der Kevin im Teenager-Alter spielt. Obgleich er die meiste Zeit über nichts aktiv macht, ist er eine ungeheuer einschüchternde Kreatur. Miller spielt Kevin als empathielosen, aber auch hochintelligenten Jugendlichen, der wie Myers keine Ausgangsmotivationen zu haben scheint, so zu handeln, wie er es tut. Er foltert seine Mutter aus Langeweile, aus Spaß, und auch bloß so, weil es sein Naturell ist, und das überaus überzeugend. Zuweilen erinnert er an Heath Ledgers Joker, mit ähnlichen Grimassen, ähnlichem sadistischen Schabernack und pointierten cleveren Beobachtungen, ebenso verschleierten als Chaos versteckten Plänen mit Absichten - wobei kleinste Merkmale weiterhin verdeutlichen, dass er noch ein Jugendlicher und nicht so abgeklärt ist, wie er nach außen erscheinen will.

Um den ominösen Vorfall wird kein Versteckspiel getrieben und man kann schnell erahnen, worum es geht. Regisseurin Ramsey macht das absehbare Thema jedoch nicht zum Kernpunkt des Films und veranschaulicht es bewusst nur in kleinen Andeutungen. Wichtiger ist ihr, wie es dazu kam und wie es anschließend weitergeht, was letztendlich in ewiger psychischer Tortur Swintons Charakters mündet. Ein Thema, das immer für Aufsehen sorgt, das immer für Fragen sorgt und in dieser Geschichte einmal aus unüblicher Perspektive erzählt wird. Schuldzuweisungen, verzweifelter Erklärungsbedarf und Vergeltungswünsche werden zum Thema gemacht und anhand Swintons Figur mit anderen Augen gesehen. Der Film entschuldigt jedoch nichts und wagt sich auch nicht, zu erklären. Er zeigt nur eine mögliche Vorgeschichte, die zeigt, dass es manchmal keine entschuldbaren Gründe gibt, etwas Böses zu tun; dass es manchmal doch einfacher ist, als es scheint; ein Vorgeschichte, die zeigt, das nicht jeder, der eventuell dafür verantwortlich ist, es auch wirklich ist, oder dass das immer so leicht zuzuordnen ist.

Ramseys sehr interessanter Film behandelt sein schwieriges Thema mit großem Respekt und Intellekt, niemals etwas zu sehr auf die Nase bindend, aber klar genug in seinen Andeutungen. Aufgezogen als ergreifendes, realistisches Horrordrama, bleibt es ein sehr ungemütlicher, aber vielleicht auch sehr wichtiger Film, der mit wenigen Mitteln sehr anspruchsvoll inszeniert ist und dann auch auf der schwierigsten Note enden lässt.


Fazit:
We need to talk about "We need to talk about Kevin". Ein ungemein düsteres Horrordrama, in dem Tilda Swinton als gescholtene Frau grandios überzeugt, in einer Leidensgeschichte, die bewegt und nachdenkllich stimmt, über ein Thema, über das zu sprechen mutig ist, was Lynne Ramsey hier respektvoll, filmtechnisch top und einfühlsam zugleich meistert. Ein starker Film.

8,5 / 10

10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

> Deine Meinung zum Film?

Copyright © 2004-2050 bereitsgesehen.de, alle Rechte vorbehalten
bereitsgesehen.de ist nicht für die Inhalte verlinkter Websites verantwortlich