Kritik:
Wer ist Hanna?
von Christian Mester
HANNA
(2011)
Regie: Joe Wright
Mit: Saoirse Ronan, Eric Bana
Story:
Smartphone, Shopping, Kinobesuche –
Alltagselemente einer gewöhnlichen
Jugendlichen, die eine im finnischen
Forst aufgewachsene Hanna Heller (Saoirse
Ronan) nie kennenlernen durfte.
Dafür kann sie mit ihrem
selbstgebauten Bogen Hirsche
erlegen, fließend mehrere Sprachen
sprechen und als Kämpferin äußerst
versiert mit Händen, Füßen und
Schusswaffen umgehen. Sie ist das
Kind eines ehemaligen Elite-Agenten
(Eric Bana), der sie nach Verlassen
seiner Einheit im Exil aufzog, um
sie eines Tages eine gefährliche
Mission bestreiten zu lassen.
Als sie sich eines Morgens für ihr
Schicksal bereit erklärt, beginnt
ihr tödlicher Auftrag. Sie
infiltriert eine geheime
Sondereinheit der CIA und setzt
alles in die Wege, eine ehemalige
Arbeitskollegin ihres Vaters (Cate
Blanchett) zu töten. Hanna erledigt
den Auftragsmord mit Bravour, ahnt
aber nicht, dass das längst erwartet
war und sie bloß eine unglückliche
Doppelgängerin erledigt hat. Während
Hanna auf der vermeintlich leichten
Flucht zu dem Treffen mit ihrem
Vater erkennt, wie die normale Welt
ist, gerät sie ins Fadenkreuz ihrer
Verfolger.
Kritik:
Ein Profi, der ein junges Mädchen
zur eiskalten Killerin ausbildet?
Selbstredend muss man da automatisch
an einen der größten Filmklassiker
der 90er Jahre denken: Luc Bessons
Leon der Profi. Unvergessen ist es,
wie Jean Reno eine junge Natalie
Portman bei sich aufnahm und die
beiden ungleichen Gesichter bei
Topfpflanzen und Attentaten zu einer
herzlichen Kleinfamilie wurde. Wer
ist Hanna? hat Gemeinsamkeiten mit
besagtem Kultstreifen, ist aber in
erster Linie bloß auf eine
Einzelfigur fokussiert. Das
eigentliche Training des
Vater-/Tochterteams dient nur als
Einstieg; der Großteil der
Geschichte zeigt stattdessen was
passieren würde, wäre Portmans Figur
anschließend alleine unterwegs.
Da Portman für ihre Rolle damals
sehr gelobt wurde versuchte man auch
für diesen Film, eine möglichst gute
Jungschauspielerin zu finden. Die
Wahl fiel auf Saoirse Ronan, die
bereits in Peter Jacksons
Fantasy-Drama In meinem Himmel sehr
überzeugen konnte und demnächst auch
im Wüstendrama The Way Back – Der
lange Weg zu sehen sein wird. Ihr
Vater und Ausbilder wird vom
ehemaligen Hulk und Star
Trek-Bösewicht Eric Bana gespielt,
der sich nach seinem
München-Aufenthalt im gleichnamigen
Film dieses Mal nach Berlin begeben
darf. Für die prägnante Rolle der
Antagonisten bekam man eine gar der
großen Schauspielerinnen unserer
Generation: Cate Blanchett.
Gehobenen Anspruch durfte man sich
auch vom erfahrenen Regisseur
erwarten: Filmemacher Joe Wright
inszenierte zuvor die hochgelobten
Titel Abbitte und Stolz & Vorurteil.
EWie es der Filmtitel bereits
andeutet, dreht sich der Kern der
Handlung um Titelfigur Hanna.
Saoirse Ronan überzeugt in einer
interessanten Rolle als
fremdgelebtes Werkzeug, das im
ersten Kontakt mit Menschen erst
langsam zu eigenem Menschsein
findet. Die junge Aktrice bleibt
dabei stets glaubhaft und
präsentiert eine gleichermaßen
starke wie fragile Persönlichkeit.
Der Film ist gerade dann am
stärksten, geht es um ihre
abenteuerliche Entdeckungstour durch
das zivilisierte Leben, wobei sie
aufgrund ihres antrainierten
Überlebensinstinkts allerorts
Gefahren wittert und damit an ein
wildes Tier erinnert. Hanna ist
nicht bloß Charakterportrait und
versucht sich darüber hinaus auch
als spannender Action-Thriller.
Obgleich es einige mehr oder minder
gelungenen Nahkampfszenen mit Ronan
und Bana gibt, fällt der Film
diesbezüglich spürbar ab. Hastige
Kameraaufnahmen und ständige Flucht
durch urbanes Gelände erinnern
bewusst an die Bourne Filme, haben
aber nicht denselben Eindruck. Das
liegt in erster Linie an Hannas eher
pragmatischer Kampfsportweise, die
zwar wie Bournes auf Effizienz
ausgelegt ist, visuell aber weniger
interessant umgesetzt ist. Es gibt
zudem keinerlei destruktiven oder
schwindelerregenden Verfolgungsjagde;
nahezu enttäuschend ist ein
kampflastiges Finale auf einem still
gelegten Vergnügungspark, das zu
unspektakulär und zu abrupt zu einem
Ende findet.
Dass Hanna in den Action-Abschnitten
nur schwächlich funktioniert, ist
leider uncharismatischen und nur
geringfügig gefährlich wirkenden
Gegenspielern zuzuschreiben. Die
meiste Zeit über werden Vater und
Tochter separat von beauftragten
Kriminellen gejagt, die sich
unprofessionell anstellen und die
trotz aufgezwungener
Merkwürdigkeiten nie wirklich
denkwürdig sind. In ihrer
Befehlsführung weiß Cate Blanchett
sogar in seltener Ausnahme zu
enttäuschen. Mit roter Mopp-Frisur
telefoniert die ansonsten zumeist
exzellente Schauspielerin viel,
bellt ihre Befehle und versucht
möglichst hart und gefühlskalt zu
wirken, doch bleibt eintönig und
austauschbar. Eine kaum verwertbare
Rolle, die auch von weniger
talentierten Kolleginnen hätte
übernommen werden können.
Ex-Hulk Bana selbst bekommt wenig zu
tun. Da der Film seiner Filmtochter
gehört, ist seine Figur nach ihrer
Trennung nur selten zu sehen.
Obgleich er ein eigenes Abenteuer
mit Verfolgern erlebt, fällt auch
dies kaum nennenswert auf. Einziges
Highlight ist eine solide gefilmte
Kampfsequenz in einem deutschen
U-Bahntunnel, in dem Bana mehrere
Gegner fachmännisch abfertigt. Was
als vermeintlich liebenswerte
Vaterfigur beginnt, offenbart sich
im Verlaufe einer absehbaren
Verschwörungsgeschichte als sehr
fragwürdige Mentorengestalt, dessen
interessante Komponente der
moralischen Fragwürdigkeit seiner
Taten jedoch leider nie zum Thema
gemacht wird. Ein verpasstes
Element, das die
Vater-/Tochterbeziehung interessant
auf die Probe hätte stellen können.
Filmtechnisch wandelt Regisseur
Wright auf bekannten Pfaden.
Charakterszenen inszeniert er mit
derselben Sorgfalt seiner vorherigen
Dramen und fängt Hannas Geschichte
in sehenswerten Bildern ein. Nicht
ganz so überzeugend ist die
Sound-Untermalung, denn neben
gelungenen ruhigen Tönen greift
Wright mehrmals auf die Soundfabrik
der Chemical Brothers zurück und
lässt diese kratzende Elektro-Sounds
hinzu gewittern. Sounds, die zu
stark mit dem Rest kontrastieren und
oftmals bloß an ungeordneten Krach
erinnern. Was in Black Swan als
Veranschaulichung von Ninas
zerbrochenem Verstand funktionierte,
ist hier deplatziert.
Was Wright andererseits gut gelingt,
ist es Tempo zu schaffen. Schnitt
und Kamera kreieren einen treiben
Puls, der auch in den ruhigeren
Momenten in der Lage ist, Hannas
dauerhafte Sprungbereitschaft auf
den Zuschauer zu übertragen. Die
junge Elite-Killerin hat ihre Sinne
geschärft und ist immerzu fähig,
jederzeit blitzschnell davon zu
hasten oder plötzlich auftauchenden
Gefahren bei Bedarf das Genick zu
brechen. Eine Dynamik und
Anspannung, die den Film maßgeblich
voran treibt und ihn trotz
charakterlicher und inhaltlicher
Schwächen im Verbund mit der guten
Hauptdarstellerin bis zum Ende
unterhaltsam am Leben erhält.
Fazit:
Hanna ist eine interessante
Charakterstudie mit talentierter
Jungdarstellerin, verfehlt es
jedoch, als aufregender
Action-Thriller zu überzeugen.
Schwach entwickelte Gegner und ein
einfallsloser Verschwörungsplot
destabilisieren eine Spannung, die
von einer ansonsten kompetenten
Regie aufgebaut wird. Ein durchaus
solider Film, doch weitab davon
entfernt, es mit dem sehr ähnlichen
Leon der Profi aufnehmen zu können.
6,5 /
10
10
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