Kritik:
Wer ist Hanna?
von Christian Westhus
HANNA
(2011)
Regie: Joe Wright
Mit: Saoirse Ronan, Eric Bana
Story:
Smartphone, Shopping, Kinobesuche –
Alltagselemente einer gewöhnlichen
Jugendlichen, die eine im finnischen
Forst aufgewachsene Hanna Heller (Saoirse
Ronan) nie kennenlernen durfte.
Dafür kann sie mit ihrem
selbstgebauten Bogen Hirsche
erlegen, fließend mehrere Sprachen
sprechen und als Kämpferin äußerst
versiert mit Händen, Füßen und
Schusswaffen umgehen. Sie ist das
Kind eines ehemaligen Elite-Agenten
(Eric Bana), der sie nach Verlassen
seiner Einheit im Exil aufzog, um
sie eines Tages eine gefährliche
Mission bestreiten zu lassen.
Als sie sich eines Morgens für ihr
Schicksal bereit erklärt, beginnt
ihr tödlicher Auftrag. Sie
infiltriert eine geheime
Sondereinheit der CIA und setzt
alles in die Wege, eine ehemalige
Arbeitskollegin ihres Vaters (Cate
Blanchett) zu töten. Hanna erledigt
den Auftragsmord mit Bravour, ahnt
aber nicht, dass das längst erwartet
war und sie bloß eine unglückliche
Doppelgängerin erledigt hat. Während
Hanna auf der vermeintlich leichten
Flucht zu dem Treffen mit ihrem
Vater erkennt, wie die normale Welt
ist, gerät sie ins Fadenkreuz ihrer
Verfolger.
Kritik:
Hanna wohnt im Wald. Dort ist es
finster und auch so bitterkalt. Mit
ihrem Vater lebt das junge Mädchen
in einem kleinen Häuschen und macht
den lieben langen Tag nichts weiter,
als zu jagen, zu trainieren,
Sprachen zu lernen und weiter zu
trainieren, wenn sie nicht gerade
Grimms Märchen liest. Joe Wrights
ungewöhnliches Thriller-Drama
etabliert früh und direkt sein
Hauptthema, die Grimm’sche
Märchenwelt, die sich wie ein roter
Faden und kontinuierlich deutlicher
werdend durch den Film zieht. Nach
dem gefeierten „Abbitte“ und dem
verschmähten Drama „The Soloist“
betritt Wright hier neues Terrain.
Für sich, aber auch für die
Filmwelt. Es ist eine krude
Mischung, die eigentlich nicht
funktionieren dürfte. Ein Genre- und
Stimmungsdurcheinander, das mal
donnernd und brutal, mal sanft und
zerbrechlich daherkommt und einen
großartigen Gesamtfilm ergibt.
Das Mädchen aus dem Wald erkundet
die Welt. Im Wald machen sich
Pubertät und Jugenddrang breit und
so wird der Plan des Vaters in
Angriff genommen. Ein Verständnis
von der Welt hinter den sieben
Bergen hat Hanna nur in der Theorie.
Für sie gilt die Maxime ‚Töten oder
getötet werden’, denn erzogen als
wandelnde Waffe kennt sie nur das
Gesetz der Natur. Der Stärkere
überlebt und Gefahr gilt es zu
beseitigen. Kaum verwunderlich also,
wenngleich natürlich nicht weniger
schockierend, das kaltblütige und
präzise Vorgehen der weißblonden
16-Jährigen, die, von einer
mechanischen Zielstrebigkeit
getrieben, rennt, tötet und weiter
rennt. Hanna ist kein Charakter, sie
ist eine Idee und eine Methode. Dass
man die menschliche Natur nicht
folgenlos domestizieren und
konditionieren kann, wird auf Hannas
Solo-Trip durch die Welt schnell
deutlich. Aus den eisigen Höhen
Finnlands, und von Nordafrika über
Spanien und Frankreich bis nach
Berlin geht ihre Reise, die eine
Entwicklungsreise darstellt. Hier
beginnt der märchenhafte Reigen,
ganz passend in der quasi-orientalen
Pracht Marokkos. Nach Berlin
getrieben, folgt sie einer
amerikanischen Familie bis weit aufs
europäische Festland und erhält
staunend Einblick in die sagen- und
mythenreiche Zivilisation. Musik,
Elektrizität, Jungs und
Freundschaft, mit einer frühreifen
kleinen Göre als Türöffner in
unerforschtes Gebiet. Ein Mädchen
aus der anderen Welt, das Hannas
Kulturschock durch Überstilisierung
erst so richtig griffig macht. Die
Familie ist der einzige personell
wirklich greifbare Kosmos. Die
Hippie-Mutter mit ihren Phrasen und
der versucht lockere Vater sind
ebenfalls Konstrukte und Ideen, aber
als solche dennoch lebendig. Das
hebt sie von der rein motivischen
Schar der Gewaltmenschen ab.
Denn die sensible, von schrägem Witz
und inszenatorischem Feingefühl
geprägte Coming-of-Age Story, mit
ihren Adoleszenz- und
Welterkundungsthemen, wird immer
wieder von der schillernd
präsentierten Bedrohung
unterbrochen. Da gibt Tom Hollander
ganz großartig den nicht näher
charakterisierten Handlanger, den
Auftragsmörder, den Jäger. Boshaft
und unergründlich, dabei so
zielstrebig und kaltblütig wie all
die anderen professionellen Mörder,
die wir in diesem Film abseits der
Hippie-Familie kennen lernen. Seth
Lochheads Script lässt Themen und
Ideen gegeneinander antreten. Man
könnte auch von Stereotypen
sprechen, aber dafür funktioniert es
zu gut. Regisseur Wright und ein
ungeheuer talentiertes
Darstellerensemble geben
überdurchschnittlicher Genreware
besondere Klasse und Prägnanz.
Speziell die Märchenaura hüllt die
Geschichte aus Jugendthemen, der
Abnabelung vom Vater und dem Kampf
für ein indoktriniertes Lebensziel,
in einen eigentümlichen Glanz. Da
hat besonders Cate Blanchett
sichtbar Freude dran, die wahlweise
als Hexe, Stiefmutter und böser Wolf
auftritt und natürlich auch die
Beißerchen immer schön pflegt.
Geradezu gigantisch in seiner
symbolischen Konsequenz das Finale
im Spreepark, einem still gelegten
und zunehmend verwahrlosten
Freizeitpark an der Spree, als es
durchs Lebkuchenhaus bis zum
Wolfskopf geht. Da ist Eric Bana
inzwischen zum Stichwortgeber
reduziert. Die Hintergrundstory, die
Motive und Erklärung zusammenhält,
ist ein nötiges Allerlei aus
bekannten Versatzstücken. Wichtiger
ist das Jetzt und da räumt Hanna
weiterhin auf und stolpert
ungehindert in die unerfreuliche
Erkenntnis ihrer eigenen Existenz.
Und Saoirse Ronan kann mit ihren 16
Jahren mühelos dieses ungewöhnliche
Action-Thriller-Märchen-Drama
tragen. Nicht mehr nur für ihre
Altersklasse muss man die junge Irin
mittlerweile als überragendes Talent
bezeichnen, die eine unglaubliche
Präsenz hat und den vielschichtigen
Kosmos ihrer Figur jederzeit
greifbar macht. Die brutale Kälte
und Präzision, wie auch die
kindliche Sensibilität und die
gierige Faszination für’s Neue im
unbekannten Märchenland Welt. Dass
sie auch in den ausreichend
dosierten Actionszenen zu überzeugen
weiß, darf sie mehrfach unter Beweis
stellen. Wrights Stil ist
körperlicher geworden, kühler, aber
noch immer beeindruckend. Besonders
mit der beweglichen Kamera vollführt
er Wunderdinge, was die immer mal
wieder kurz, knackig und hart
aufblitzenden Actionszenen betrifft.
Es ist ein zielstrebiges Vorgehen
der Gewalt und der Gewalttäter. Die
Choreographie erinnert an Jason
Bourne, nur weniger hysterisch und
epileptisch in der Umsetzung. Das
Actionhighlight gehört dann, bei all
der überzeugenden körperlichen
Arbeit Ronans, Eric Bana, denn
plötzlich haut Wright mit seinem
Kamerateam um Steadicam-Meister
Tilmann Büttner mal eben eine
Actionszene zum Niederknien raus.
Ein brutales und effizientes
Scharmützel in einer U-Bahn Halle,
eingefangen in einem einzigen Take.
Das ist dann doch typisch Wright.
Eine Wucht, gerade weil es so
realistisch und knackekurz ist. Umso
nützlicher der elektronische
Action-Disco Score der Chemical
Brothers, der sich mit zunehmender
Spieldauer immer prominenter mit
Bass und elektronischem Geschwurbel
in den Vordergrund spielt. Nach
Trent Reznor und Daft Punkt beweisen
auch die „Brüder“, dass
ambitionierte Filmmusik auch aus dem
Popmusik-Bereich kommen kann. Und
dass sich eine wiederkehrende
Jahrmarktmelodie zum „Twisted Nerve“
des 21. Jahrhunderts aufspielen
könnte, unterstreicht die kongeniale
Synthese aus Bild und Ton.
Am Ende bleiben trotz etwas arg
abruptem Ende nur weiterführende
Fragen. „Was ist mit…?“ und „Was
wird aus…?“ Ein gutes Zeichen, weil
der Film rund wirkt und man dennoch
immer mehr will. Ein ungewöhnlicher
Actionthriller, in Gestalt eines
Jugenddramas, in Gestalt einer
Märchenallegorie, in Gestalt eines
Actionthrillers. Ein kreativer Film
mit Köpfchen, der gleichermaßen
unterhaltsam wie mitreißend ist.
Fazit:
Ein rasanter und ungewöhnlicher
Actionthriller mit Märchenmotiven
und Jugenddrama Kern. Die
ungewöhnliche Mischung geht dank
einer tollen Inszenierung, einer
großartigen Hauptdarstellerin und
einigen mitreißenden wie
unterhaltsamen Momenten voll auf.
8,5 /
10
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