BG Kritik:

Gefühlt Mitte Zwanzig


Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!



While We're Young (USA 2015)
Regisseur: Noah Baumbach
Cast: Ben Stiller, Naomi Watts, Adam Driver, Amanda Seyfried

Story:
Josh und Cornelia, ein kinderloses Paar im Dunstkreis der 40, fühlen sich eigentlich ganz zufrieden mit ihrem Leben. Dennoch sind beide recht schnell von zwei Mitt-Zwanzigern fasziniert, die in ihr Leben treten und eine neue, jugendliche Energie und Schaffensfreude versprühen. Doch bald stellt sich auch die Frage, wer hier eigentlich wem hilft und wer wen ausnutzt.

New York: Treffen der Generationen

James Franco, Greta Gerwig und Cate Blanchett waren zunächst für Rollen vorgesehen.


Autor und Regisseur Noah Baumbach, der zuletzt das Twenty-Something Selbstfindungsmeisterwerk „Frances Ha“ in die Kinos brachte, ist langsam aber sicher zu einem der klügsten und interessantesten Beobachter und Erforscher von Menschen im Konflikt zwischen Intellekt und Gefühl geworden. Hier lässt Baumbach zwei Generationen aufeinander prallen. Zwei Paare, im Alter zehn bis zwanzig Jahre auseinander, werden zusammengeführt und beginnen bald damit sich gegenseitig zu beeinflussen. Doch schnell wird deutlich, dass die Beeinflussung überwiegend in eine Richtung abzielt. Die „Alten“, die End-Dreißiger und Fast-Vierziger Josh und Cornelia, gespielt von Ben Stiller und Naomi Watts, sind verklemmt, in ihren alltäglichen Mechanismen festgefahren und erhalten durch Jamie und Darby (Adam Driver und Amanda Seyfried) einen Einblick, wie man das Leben im 21. Jahrhundert lockerer, entspannter und erfüllender gestalten kann. Dokumentarfilmemacher Josh findet in Jamie einen Bewunderer, denn der selbstbewusst-suave Hipster, der daheim Unmengen Vinyl im Regal stehen hat und gerne Filme auf VHS schaut, hat selbst Ambitionen als Doku-Filmer. Die „Jungen“ haben sich mit den unbegrenzten technischen Möglichkeiten ihrer Zeit neu arrangiert, greifen ganz „retro“ auf Altes zurück, während unsere „Alten“ im Informationszeitalter feststecken und nicht mehr ohne Handy, Computer, Internet und Co. können. So besteht einer der cleversten visuellen Gags darin, dass wir in Parallelmontage die Technikunterschiede der beiden Männer sehen, bis Josh plötzlich eine alte Audiokassette in der Hand hält, die sich aber sofort als Schutzhülle fürs Handy entpuppt.

Baumbachs Generationen sind keine allgemeingültigen Universalausgaben ihrer Gruppe. Sie sind Individuen, natürlich, aber sie sind auch ganz spezielle Individuen. Wie bei Baumbach üblich und wie auch schon in seinem Durchbruchsfilm „Der Tintenfisch und der Wal“ ausgiebig erforscht, sind unsere Hauptfiguren Intellektuelle, Künstler, Freigeister, Unabhängige oder eben Hipster, die low-key Dokumentarfilme drehen und ihr eigens kreiertes Eis verkaufen. Doch mit einem leicht überspitzten Ton und zunehmend absurderen Erlebnissen in der ersten Hälfte macht sich Baumbach auch ein wenig über die New Young Intellectuals des Informationszeitalters lustig. Eine mentale Reinigung durch fröhliches Übergeben ist genau so eindeutig als albern und „zu viel des Guten“ dargestellt, wie auch die neue Kopfbedeckung, zu der Josh sich überreden lässt. Das ist effektiv, doch manchmal wird Baumbach mit seinem Ton und seinen Figuren auch etwas faul und plump. So sind gleichaltrige Freunde von Josh und Cornelia jüngst Eltern geworden und leben ihnen damit eine Art Alternativleben vor. Und natürlich sagen diese Eltern oder Freunde der Eltern in ihren wenigen Szenen genau das Richtige, um die „Alten“ auf ihrem eingeschlagenen Weg weiter zu beeinflussen.

Baumbach drehte diesen Film und "Mistress America" im selben Jahr.


Gerade als man denkt, den Bogen raus, den Film als Midlife Crisis Bewältigung durchschaut zu haben, als wechselseitige Beobachtung von Retro vs. Nostalgie in einem Film, in dem ständiges Gerede von Kindern und Kinderkriegen die Idee der Elternschaft als Ende des vorherigen Lebens auflädt, aus dem es keine Alternative, kein Dazwischen gibt, gerade dann wandelt sich „Gefühlt Mitte Zwanzig“. Baumbach, der insbesondere in Ben Stiller und Adam Driver zwei perfekte Typen für seine facettenreichen und wunderbar komplizierten Männerfiguren gefunden hat, schaffte es zuvor auf gleichermaßen witzige wie anschauliche und kluge Art, Figuren, Lebensstile und Ideale vorzuführen und zu ergründen. In der zweiten Hälfte rückt zunehmend ein gemeinsames Doku-Projekt von Josh und Jamie ins Zentrum der Handlung. Josh will seine kreative Blockade überwinden, Jamie will sich in der Szene etablieren, also vereinen sie ihre Kräfte. Baumbachs Film wird damit konkreter, weniger frei und episodenartig, verliert aber auch ein wenig an Reiz.

Weil die kreative Fusion von Josh und Jamie natürlich nicht reibungslos verläuft wird „Gefühlt Mitte Zwanzig“ deutlicher zu einem Drama und zu einer überraschend deutlichen Kritik an der Natur des Dokumentarfilms. Natürlich ist Baumbach zu clever, um diese Ansätze einfach für sich stehend in den Film zu quetschen. Über die beiden Generationen kommentiert Baumbach das Wesen des Dokumentarfilms, spiegelt diese Erkenntnisse aber auch wieder zurück zu seinen Figuren. Josh ist der ewig unzufriedene, penible Künstler, der nie fertig wird, dem an ultimativer Wahrheit und Authentizität gelegen ist. Jamie hingegen ist ein Repräsentant seiner Generation, in der alles frei ist, allen gehört und neu verwendet werden kann. So werden Josh und Jamie am Ende doch noch zu Chiffren ihrer Generation, glücklicherweise ohne dabei an Glaubwürdigkeit als Filmfiguren einzubüßen.

Obwohl Baumbach am Ende eines zuvor wunderbar komplexen und entschieden uneindeutigen Films klar zu einer Seite steht (die aber auch nicht unverändert aus dieser Geschichte gegangen ist), ist sein Urteil nicht abfällig. Einen Film wie diesen könnte man sich auch leicht von einem Alexander Payne („Nebraska“) vorstellen, der jedoch dafür bekannt ist, die Makel und Kleingeistigkeit seiner Figuren hervorzuheben und missbilligend den Finger zu heben. Auch Baumbach erkennt und vertieft Fehler, Ängste und Unsicherheiten in all seinen Figuren, nimmt sich diesen auch mal gallig an, doch er verweilt nicht im Zynismus, belächelt seine Geschöpfe nicht, sondern versucht sich ihnen zu nähern, ihre individuelle Wahrheit zu erkennen und anzunehmen. Das macht Baumbach dann auch, selbst wenn ihm die Leichtigkeit seiner „Frances Ha“ Drehbuchkollegin Greta Gerwig hier fehlt, zu einem so interessanten und klugen Filmemacher.

Fazit:

Häufig witziges, durchgehend interessantes und facettenreiches Treffen der Generationen. Ein fein beobachteter, aufschlussreicher Film mit großen Zweitsichtungspotential.

7,5 / 10

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