BG Kritik:

Whiplash


Hat BG vor 10 Jahren gegründet und seither eine Menge neuer Filme gesehen. War als Redakteur für GameStar und Gameswelt tätig.

Whiplash (US 2015)
Regisseur: Damien Chazelle
Cast: Miles Teller, JK Simmons

Story: Schlagzeuger Andrew schafft es endlich in die prestigeträchtige Band der Shefferton Hochschule und ist seinem Ziel, einer der größten Jazzdrummer aller Zeiten zu werden damit ein ganzes Stück näher. Dort trifft er jedoch auf den Lehrer Fletcher, der seine ganz eigene Auffassung von Talentförderung hat…

Full Metal Jacket mit Drums.

Teller spielte viele der Schlagzeug-Szenen selbst


Bis ans Äußerste zu gehen und dann noch weiter zu kommen ist eine Eigenschaft, die viele Ausnahmetalente in ihrem jeweiligen Fachgebiet auszeichnet. Whiplash, benannt nach einem bekannten, besonders schwierig zu spielenden Jazz-Stück, befasst sich mit genau diese Thema, allerdings einmal völlig frei von Hollywood-Kitsch. Das ist kein Step Up, Pitch Perfect oder Karate Kid, in dem Familie, Freundschaft und Liebe mit zum großen Aufstieg dazu gehören und sich am Ende alle drücken und lieb haben. Es ist andererseits aber auch kein plattes Warnsignal über hochmütige Rocker in ihrem Drogensumpf, sondern ein subtileres, ambivalentes Werk geworden.

Hauptfigur Andrew ist prinzipiell ein Underdog. Er kommt zwar aus gutem Hause, wird dort aber kaum wahrgenommen und bleibt auch sonst eher ein einsamer Wolf. Außer dem Pflichtunterricht, Drums-Training und zumeist einsamen Kinobesuchen gibt es nicht viel in seinem Leben und selbst als ihn Hormone kurzzeitig an eine Freundin binden, hat die Sache aufgrund seiner Zielstrebigkeit keine große Zukunft. Er ist ein Underdog, aber aus eigener Entscheidung. Den Ruf eines Charlie Parkers zu erreichen ist das einzige Ziel in seinem Leben, und als er auf Lehrer Fletcher stößt, bringt ihn dieser weiter denn je. JK Simmons bekam den Oscar für seine Darbietung als überpenibler Talentsucher, der ganz wie der ikonische Sarge im Film Full Metal Jacket am laufenden Band brüllt, beleidigt und handgreiflich wird. Alle haben Angst vor ihm und wenn es sein muss, lässt er seine Schlagzeuger die gleichen Notenpassagen über Stunden blutig spielen, um Milisekunden-Perfektion zu erreichen.

Teller wird in Kürze als Mr Fantastic in Fantastic Four zu sehen sein


Während die meisten daran kaputtgehen würden, fühlt sich Andrew jedoch auf verrückte Art verstanden und findet genau den Ansporn, um über sich hinauswachsen zu können. Je mehr Fletcher ihn verbal misshandelt, desto besser wird er, und jeder Rückzieher ist nur ein temporärer. Interessanterweise sind beide Figuren auf ihre Art Soziopathen. Fletcher ist grundlegend ein ruhiger, liebevoller und respektvoller Kerl, der jedoch meint eine solche Show abziehen zu müssen um Talente zu ihren Höchstleistungen bringen zu können. Das gleiche gilt für Andrew, der jede Regel oder Selbstachtung aufs Spiel setzt, um jeder noch so großen Blockade entgegen treten zu können. Dieser ständige Kampf gegen das Ungerechte und Unmögliche, diese seltsame Vater-Sohn artige Verbindung und der wackelige Grat, wer von beiden denn nun zu weit geht und letztlich recht hat, wird von Regisseur Damien Chazelle erstklassig gesteigert und lässt nie ab.

Sowohl Simmons als auch Miles Teller sind großartig in ihren beiden Rollen, die insgesamt vielleicht etwas einsilbig erscheinen, doch damit perfekt zur präsentierten Story passen. Simmons schafft dabei die Schwierigkeit, nicht zur Witzfigur zu werden und selbst nach miesesten Momenten Augenblicke der Sympathie durchscheinen zu lassen, während Teller trotz eremitischer Lebensweise nicht zum völlig unsympathischen Arroganzbolzen wird. Chazelle gewährt uns nur dezente Einblicke in die Familien und Vergangenheiten, die lediglich andeuten und damit vermuten lassen. Während in anderen Filmen glasklar mit Rückblicken erklärt würde, wieso Fletcher so hart geworden ist, interessiert sich der Film wie auch in allen anderen Belangen nicht für klares Verständnis. Am Ende des Films lässt sich nicht klar sagen, wer gut und wer böse ist, wer es übertrieben hat oder auch, ob diese Art des Trainings absurd und schädlich, oder ein notwendiges Übel ist, das für manche funktionieren kann.

Und das ist auch unnötig, da der Film genug Ansätze vorgibt um sich ein eigenes Bild machen zu können. Inszenatorisch ist Whiplash für einen Debütfilm unglaublich gut geraten. Zwar ist man meistens nur in Übungsräumen oder auf der Bühne, aber Chazelle fängt das ganze so abwechslungsreich und taktgenau ein, dass sich viele Konzertfilmer eine Drumscheibe davon abschneiden könnten. Was die Musik betrifft: wer Jazz völlig abgeneigt ist, der mag vielleicht davon überzeugt werden, dass im Film kein Noise Jazz a la Birdman gespielt wird. Anstatt schwer zu identifizierbarer Melodien und Rhythmen setzen die Stücke im Film auf klare Abfolgen, und spätestens bei einem gewaltigen Solo müsste auch der letzte gewaltig grinsen, wenn auch nur, weil man zu dem Zeitpunkt versteht, welche Anstrengung es Andrew abverlangt. Dass Miles Teller selbst seit 15 Schlagzeug spielt und die meisten Drumszenen von ihm selbst sind, lassen Whiplash wunderbar persönlich wirken.

Fazit:

Mit Trommelwirbel lässt sich verkünden, dass Whiplash schon jetzt einer der besten Filme des Jahres ist. Furios gespielt, inszeniert und in Spannung steigend packt Fletchers gnadenloses Boot Camp über unzähmbaren Willen, den Preis des Erfolgs und die ebenso beachtliche wie besorgniserregende Intensität, die so manches Ausnahmetalent erleben und leben muss, um auf seinen Olymp zu kommen.

9 / 10
10 - Meisterwerk // 8-9 - sehr gut // 6-7 - gut // 5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend // 0-2 - gar nicht mal so gut

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