BG Kritik:

Wild - Der grosse Trip


Hat BG vor 10 Jahren gegründet und seither eine Menge neuer Filme gesehen. War als Redakteur für GameStar und Gameswelt tätig.

Wild (US 2015)
Regisseur: Jean-Marc Vallee
Cast: Reese Witherspoon, Laura Dern

Story: Nach vielen schlechten Entscheidungen und familiären Tragödien kommt der jungen Chery Strayed in den Sinn, ihr Leben zu rebooten. So beginnt sie den 2600 Meilen langen Pacific Trail Wanderweg quer durch Kalifornien, von der mexikanischen hoch bis zur kanadischen Grenze.

Reese Witherspoon strullt in den Wald, außerdem.

Basiert auf dem Buch "Der große Trip: Tausend Meilen durch die Wildnis zu mir selbst"


Groß auszureißen scheint für viele ein heimlicher Traum zu sein. Weg von Büros und heimischem Windeln wechseln, von Fussballstadien und Clubs, von Unis und Nachtschichten. Wilde Tiere in ihrer eigenen Wildnis sehen, wild ins Gebüsch pinkeln und wildsplitternackt in den See springen. Klingt herrlich und ist es auch, doch für manche ist so ein Trip nicht nur willkommene Abwechslung zum Alltag und Freiheitsgenuß, sondern auch Erlösung von der täglichen Ablenkung. Wem was schwer auf der Seele liegt, der kann es in der Stadt oft nicht verarbeiten, bzw. kommt nie dazu, da immer etwas los ist und man praktischerweise ständig zu tun hat.

Draußen in der Natur jedoch ist man zwischen Schweiß und Blasen an den Füßen dazu gezwungen, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen und sich damit zu befassen. Erschöpft von den täglichen Strapazen ist man sich selbst ausgeliefert, und das wirkt dann so reinigend. Genau das macht Cheryl im Film, die vor ihrem Ausriß ein gewaltiges Drogen- und Sexproblem hat. Für sie ist der Trip also auch eine Art cold turkey Prozess, der ihr die Abhängigkeiten nehmen soll. Kompliziertes Charakterzeug, das sich Witherspoon da ausgesucht hat. Als Producerin hat sie sich die Vorlage selbst ausgesucht und den Film mitentworfen, und steckt auch merklich ihr ganzes Herzblut rein. Mutig zieht sie blank, um die Sexkapaden der echten Strayed darzustellen und wirft sich ungeschminkt in jeden Schmutz, den die Wandertour von ihr fordert. Dabei sieht sie zwar nie so ausgemergelt aus wie Mia Wasikowska bei ihrem Wüstenabenteuer Tracks, doch die Anstrengungen sind nicht nur platt gespielt; Witherspoon ist sehr zu loben für ihren Einsatz. Die vielen Meilen sieht man ihr an.

Wer die Wildnis mag, kommt hier reichlich auf seine Kosten. Witherspoon stapft über Stock und Stein, durch Flüsse, über Berghänge und über Schnee, und lässt einen solchen Trip trotz der Schwierigkeiten interessant wirken. Schade ist, dass sie häufig auf Busfahrten und Mitfahrten zurückgreift und ihr im Film relativ wenig Tiere begegnen. Dafür stößt sie auf zahlreiche andere Wanderer, womit ihr Trip sehr viel geselliger wird als bspw. der in Into the Wild. Ein Großteil des Films wird auf Erinnerungen konzentriert. Wir erfahren viel über Cheryls Kindheit mit Laura Dern als arme, aber herzensgute Strahle-Mutti und wie das sorglose Leben recht fies in Tragik und Selbstzerstörung unterging. Da es gekonnt Stück für Stück offenbart wird, bleibt diese Spurensuche genau so spannend wie der eigentliche Marsch, der mit kaputten Körperteilen, gefährlichen Begegnungen und viel Haferbrei unterhält. Besser keinen Survival-Thriller erwarten. Witherspoon muss sich nichts abhacken und es gibt keine Höllentorturen zu überstehen. Drama überwiegt.

Witherspoon könnte den Oscar für ihre Rolle bekommen


Wie so oft bei solchen „Auf in die Natur“ Filmen kommt es zum Ende hin zu Problemen. Geschichten wie diese wahre sind nicht darauf ausgelegt, im letzten Drittel noch einmal besonders spannend zu werden, im Gegenteil. Spannung gibt’s zum Anfang, als sie noch ahnungslos umherirrt, aber nach 600 Meilen ist sie Expertin in beinahe allem, und nichts scheint mehr gefährlich werden zu können. Der Film ist gut und Reese Witherspoon wohlverdient Oscar nominiert, doch es überrascht, dass Jean-Marc Vallee Regie geführt hat. Der Mann hat den letztjährigen Dallas Buyers Club sehr viel intensiver und packender hinbekommen. Was dem Ganzen vielleicht gut getan hätte und übersehen wirkt: der Entzugscharakter. Heroin- und Sexabhängige Menschen durchlaufen bei Entzug Visionen, körperliche Qualen und transzendentale Erlebnisse. Witherspoon das auf ihrem Trip erleben zu sehen hätte ihn wirklich groß machen können, wie James Francos in 127 Hours, doch obwohl Reese die Rolle gut spielt, spielt sie sie so, als wäre sie bereits bei Beginn des Trips in guter gesunder Verfassung. Das macht den eigentlichen Ausflug nicht so emotional und besonders, wie er als Film hätte werden können. Dennoch. Wild ist ein guter Ausflug mit einer souveränen Reese Witherspoon in der Hauptrolle.

Der Film ist schön geschnitten und liefert Dank der facettenreichen Gegenden viele Schauwerte. Der Soundtrack ist kaum zu hören, hin und wieder gibt es bekannte Oldies, auf die Strayeds Story ebenso setzt wie Zitate von anderen Autoren. Überhaupt ist die Figur Strayed an sich wenig inspirierend. Dass sie später von anderen Hikern Königin des Trails genannt wird scheint nur darin begründet, dass sie relativ hübsch (und trotz Muffes wochenlangen Nichtduschens begehrt) ist, nicht, weil sie eine treffenswerte, denkwürdige Persönlichkeit ist. Glücklicherweise baut der Film nicht bloß auf die Figur Cheryl, sondern auf das Gesamtbild ihres Werdegangs und Wanderprozesses, der ihr das interessant sein passend abnimmt.

Fazit:

Viel schöne Natur, interessantes Hiking und stattliches Drama im Hintergrund. Wild mag nicht der größte Kinotrip seit langem sein und nicht so stark wie des Regisseurs Vorgängerfilm Dallas Buyers Club, ist aber einen Ausflug wert.

6 / 10
10 - Meisterwerk // 8-9 - sehr gut // 6-7 - gut // 5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend // 0-2 - gar nicht mal so gut

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