BG Kritik:

Wie der Wind sich hebt


von Christian Westhus

Kaze tachinu (Japan 2014)
Regisseur: Hayao Miyazaki
J-Sprecher: Hideaki Anno, Miori Takimoto u.a.

Story:
Das Leben von Flugzeugingenieur Jiro Horikoshi, der die Flugzeuge entwarf, die Japan im 2. Weltkrieg benutzte.

Angekündigt als finaler Film einer langen und erfolgreichen Karriere, liefert Animationsgenie Hayao Miyazaki seinen wohl persönlichsten Film ab. Maßgeschneidert als finale Abschlussevaluation eines großen Geschichtenerzählers, der sein eigenes Werk, das Leben, den Tod und die Kunst reflektiert. Als Projektionsfläche nimmt der seit jeher fliegereibegeisterte Miyazaki die Lebensgeschichte von Flugzeugingenieur Jiro Horikoshi, erweitert und verfremdet dessen Biographie jedoch, um etwas viel Größeres und Essentielleres zu erzählen, als eine Lebensgeschichte.

In der Figur Jiro vereint Miyazaki Flugzeugdesigner Jiro Horikoshi und Tatsuo Hori.


Wer Miyazakis Filme kennt, wird sich häufig zu allererst an ungewöhnliche und faszinierende Fantasy-Welten aus „Mein Nachbar Totoro“, „Prinzessin Mononoke“ oder „Chihiros Reise ins Zauberland“ erinnern. Doch derart Fantastisches gibt es hier nur äußerst selten. Plötzlich regen sich unter der Erde gewaltige Mächte. Wenn sich die Erde zum großen Kanto-Beben von 1923 auftut, wirkt und klingt es, als hole ein gewaltiger Erd-Gott einmal tief und folgenschwer Luft, um seine Position zu verändern. Miyazaki kontrastiert den schwerelosen Traum vom Fliegen vor dem Hintergrund des 2. Weltkriegs mit einer ganz und gar erdgebundenen Katastrophe. „Wie der Wind sich hebt“ ist der realistischste Miyazaki seit „Das Schloss des Cagliostro“, einem Krimi-Action-Abenteuer der Marke „James Bond trifft Indiana Jones“, das zufälligerweise Miyazakis erster Langfilm war.

„Wie der Wind sich hebt“ ist ein biographischer Film, geduldig erzählt in unaufgeregten, bedächtigen Schritten. Wenn Jiro nicht gerade vom Fliegen träumt, von eigentümlich anthropomorphen Bomben, die ganze Landstriche im Feuer verschlucken, oder wie er mit seinem Idol, dem italienischen Flugingenieur Gianni Caproni, über Flugzeuge kraxelt, erzählt Miyazaki eine erwachsene und komplexe Lebensgeschichte eines Mannes, dessen Lebenswerk untrennbar mit dem Tod verbunden ist. Der Caproni aus Jiros Träumen sagt, die Luftfahrt sei verflucht. Die Schönheit vom Fliegen und von Flugzeugen sei untrennbar mit Gewalt, Krieg und Tod verbunden. Doch Jiro will einfach nur etwas Schönes kreieren und will nicht, einer Metapher Capronis folgend, in einer Welt „ohne Pyramiden“ leben. Japan selbst erlebte als Täter und als Opfer die Schrecken, die durch Flugzeuge gebracht werden können. Doch trotz einiger effektiver Bilder verzichtet Miyazaki auf große Kriegsszenen, auf plakative Bilder eben dieses Terrors, den Jiros schöne Erfindungen stiften. Das hat dem Film im Heimatland, aber auch im Ausland, nicht zuletzt in China, auch Kritik eingebracht. Man warf Miyazaki eine naive, undifferenzierte Sicht vor.

Miyazaki entwickelte die Geschichte zunächst als Manga in 2009.


Dabei ist Miyazaki nur konsequent und vielleicht subtiler, als man das von seinen bisherigen Filmen gewohnt ist. In seinen Filmen sind Kinder und Frauen die Helden. Filme, die von einer starken Naturverbundenheit und einem unmissverständlichen Pazifismus zeugen. In „Das wandelnde Schloss“ zeigte Miyazaki einen finster-zerstörerischen Luftkrieg, doch solche Bilder sind in „Wie der Wind sich hebt“ nicht nötig. Miyazaki entwirft Jiro als naive, aber auch absolut reine Figur. Zu keiner Zeit werden die Folgen dessen, was in den japanischen Fabriken unter anderem durch die technologische Allianz mit Deutschland hergestellt wird, unter den Teppich gekehrt. Um die geforderte Höchstgeschwindigkeit zu erreichen schlägt Jiro einmal vor, auf die Bewaffnung zu verzichten, um den Luftwiderstand zu verringern. Was wie Sarkasmus klingt, kommt aus einem reinen, aber nicht blinden Herzen. Jiro baut keine Tötungsmaschine, er baut Kunstwerke, um den uralten Traum des Menschen vom Fliegen wahr werden zu lassen, um ihn zu verbessern, um ihn zu verschönern.

Jiro erscheint im japanischen Original mit der zurückhaltend-höflichen Stimme von „Neon Genesis Evangelion“ Regisseur Hideaki Anno, der, obwohl kein Ghibli Mitglied, schon seit „Nausicaä“ mit Miyazaki bekannt und befreundet ist. Wir lernen Jiro als tagträumenden Jungen kennen, der kein Pilot werden kann, stattdessen Flugzeuge entwirft. Wir lernen Jiro als fleißigen Studenten kennen, als hochbegabtes Genie, das bald schon eine große Anstellung bei Mitsubishi erhält. In Jiros Leben ist die zentrale Naturgewalt der Wind. Der Wind verleiht seinen Träumen Flügel, der Wind spielt mehrere Male Schicksal, um Jiro und die junge Naoko zusammenzuführen. Doch der Wind ist auch Komplize im Krieg und wird bald zur Gefahr für die Liebe zwischen Naoko und Jiro, da Naoko schwer krank ist. Für die Kunst, so Caproni, und die Liebe wird Jiro nicht sein gesamtes Leben Zeit haben. Diese Zeit gilt es zu nutzen, doch Opfer sind unvermeidlich. In den letzten Augenblicken seiner Karriere zieht der vielleicht größte Animationsregisseur aller Zeiten ein bedrückendes und doch stolzes Resümee. Jiro auf einem weiten Feld, der sein Werk und sein Leben überblickt. Ein passendere Bild zum Karriereende kann es kaum geben.

Fazit:

Der wohl letzte Film von Anime Meisterregisseur Hayao Miyazaki ist auf den ersten Blick ganz anders, als seine fantasiereichen Märchen, die ihn berühmt gemacht haben. „Wie der Wind sich hebt“ ist realistischer, ernster, erwachsener, beschreibt mit seiner fiktiv erweiterten Biographie so viel mehr, als nur das Leben eines Flugzeugbauers. Ein würdiger Abschluss für einen großen Regisseur.

8,5 / 10
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