Kritik:
Winter's Bone
von
Christian Mester
WINTER'S BONE
(2010)
Regie: Debra Granik
Darsteller: Jennifer Lawrence, John
Hawkes
Story:
Für die 17jährige Ree (Jennifer
Lawrence) könnte das Leben kaum
trostloser aussehen. Zusammen mit
ihrer Familie lebt sie im kargen
Nirgendwo Missouris und kämpft jeden
Tag darum, dass ihre kleinen
Geschwister nicht verhungern müssen.
Ihre verarmte Familie steht
finanziell so schlecht da, dass Ree
gezwungen ist, im anliegenden Forst
selbstständig Eichhörnchen und Vögel
jagen zu gehen. Von den Eltern sind
sie im Stich gelassen: ihre Mutter
ist ein katatonisches Wrack, ihr
Vater ein krimineller Herumtreiber,
der nie für sie da ist.
Als er eines Tages verhaftet wird,
ihr gemeinsames Haus als Kaution
hinterlegt und anschließend
verschwindet, steht ein
Gerichtsvollzieher vor der Tü.r Ree
bleibt nur wenig Zeit, ihren
Erzeuger oder einen guten Beweis seines
Ablebens zu finden, bevor sie und
ihre Familie ihr Haus an die
Regierung verlieren. Entschlossen
macht sie sich auf die Suche, wohl
wissend, dass ihre Schnüffelei
Feinde aus dem engsten
Bekanntenkreis wecken wird.
Kritik:
Manch einer hatte schon nicht mehr
damit gerechnet, jetzt gibt es ihn
also doch noch: den verspäteten
Kinostart des heimlichen
Oscar-Underdogs "Winter’s Bone". Fast
ein Jahr nach US-Start läuft der
damals noch nichts sagende Streifen
aus der Oscar-Liste der besten Filme
des Jahres auch bei uns an und weckt
neugierige Skepsis, ob er würdig mit
großartigen Konkurrenten wie
"127 Hours",
"The King’s Speech - Die Rede des
Königs",
"Black Swan"
und
"True Grit" mit halten kann.
Großes Kritikerlob aus Übersee und
vier Oscar-Nominierungen sprechen
für sich, doch ob er auch deutschen
Nerv zu treffen vermag?
Star des Films ist die junge
Jennifer Lawrence, die 2011 in
gleich zwei auffälligen Rollen zu
sehen sein wird. In Kürze spielt sie
in Jodie Fosters ungewöhnlichen
Drama "Der Biber" mit, in dem der
mittlerweile arg unbeliebte Mel Gibson
wahnsinnig wird und sein Leben von
einer pelzigen Bauchrednerpuppe dirigieren
lässt. Größeres Publikum wird sie
später im Sommer erreichen, denn in
der X-Men Vorgeschichte "X-Men: Erste
Entscheidung" ist sie es, die die
Rolle der jungen Formwandlerin Mystique übernimmt. Auch für 2012
hat sie bereits eine bekannte Rolle
erzielen können – sie spielt die
Hauptrolle in der
Bestsellerverfilmung "Die Tribute von Panem: Tödliche Spiele". Eine Rolle,
die sie speziell wegen ihres
Auftritts In "Winter’s Bone" gewann.
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In
den meisten Filmen über abgelegenes
Farmland und verstreute
Provinznester Amerikas nutzt man das
Setting in zweierlei Form: zum einen
gibt es unzählige Horrorfilme, in
denen inzuchtgeschädigte Irre
geifernd auf Menschenfleisch aus
sind, zum anderen gibt es zahlreiche
Komödien, die sich darüber lustig
machen, dass Hillbillies im Klischee
ungebildet, unhygienisch und
einfältig sind. Nachdem
"Tucker &
Dale vs. Evil" im Februar beides
amüsant verband und eine
selbstironische
Hillbilly-Horrorkomödie darstellte,
ist "Winter’s Bone" nun ein gänzlich
anderer Fall. Der Film ist eine
Mischung aus authentischem Drama und
spannender Kriminalgeschichte.
Der Dramenaspekt des Films ist dabei
außerordentlich gelungen. Der Film
zeigt ein düsteres, aber stets
ernstes und melancholisches Bild der
perspektivlosen Hinterwäldlerwelt,
die größtenteils ohne Technik
auskommt und in welcher Blut immer
dicker als Wasser ist. Lawrence und
ihre Familie werden darin als
glaubwürdige, traurige Gefangene
ihres Daseins dargestellt, deren
Schicksal wirkungsvoll
niederschmetternd ist. Die Schwere
der drohenden Obdachlosigkeit und
Hungersnot wird zum realen Schrecken
und intensiviert das Ganze noch.
"Winter’s Bone" ist jedoch nicht
bloß Portrait erschreckender
Umstände: inmitten dieser wird eine
Kriminalgeschichte entwickelt, die
Rees tägliches Leid noch erweitert.
Plötzlich hat sie eine zeitliche
Frist, in der sie heraus finden muss,
was mit ihrem Vater geschah. Da in
ihrer Ecke jeder jeden kennt und
jeder irgendwie mit dem anderen
unter der Decke steckt, tritt sie
mit ihren Nachforschungen schnell
unangenehm auf Füße. Da niemand
auffliegen will, droht ihr recht
schnell der Tod, verstummt sie
nicht frühzeitig. Sie wird eingeschüchtert,
zusammengeschlagen, und spätestens
als sie man sie eines Nachts mit
einer Kettensäge im Gepäck auf einen
großen See führt, wird Rees Suche
zum Horrortrip. Für sie gibt es
jedoch keine Alternative, weswegen
sie den sicheren Tod in Kauf nimmt. Die
Spannung des Films verläuft dabei
relativ untypisch: es gibt keine
Verfolgungsjagden, keine Kämpfe,
Schießereien oder hollywoodreifen
Rettungen in letzter Sekunde. Der
Film behält seinen realistischen
Dramencharakter bei, sorgt jedoch
mit vielen ungemütlichen Szenen und
schonungslosen Konflikten dafür,
dass man immer wieder gebannt ist.
Wer Jennifer Lawrence in bälde als halbnackte
Comic-Figur Mystique sieht, würde
kaum glauben, welche Leistung sie in
ihrem großen Erfolgsfilm liefert.
Schmutzig, leicht pausbäckig und von
zukunftsloser Selbstaufgabe
gekennzeichnet, liefert sie eine
hervorragende Darbietung als
knallharte Spürnase, die dem Tod
wiederholt furchtlos trotzt und
unter ihrer Maske reifer Stärke ein
zerbrechliches junges Mädchen ist.
Lawrence war somit zu Recht für den
Oscar nominiert und lässt eine
interessante Zukunft erwarten.
Ebenso überraschend ist John Hawkes,
der im Film Rees mysteriösen Onkel
spielt. Ein Mann, der mit hagerer
Gestalt und von langen Nächten
gezeichneten Augen auf den ersten
Blick schwach und wehrlos wirken
mag, erscheint einnehmend und droht
ständig zu explodieren, sodass er in
sämtlichen Szenen fasziniert. Der
Rest der Besetzung ist solide, wobei
auffällt, dass fast alle Beteiligten
ausnahmsweise einmal wie echte
Durchschnitts-menschen, und nicht wie
herunter geschminkte Schönlinge
wirken.
Ähnliches lässt sich auch über das
Produktionsdesign sagen. Regisseurin
Debra Granik lässt "Winter’s Bon"e vor
allem echt aussehen – nichts
erinnert an den gekünstelt dreckigen
Look, den es etwa bei den
Hinterwäldlern im "The Texas Chainsaw
Massacre" Remake zu sehen gab. Dazu
kommt, dass Regie und Soundtrack
gleichauf arbeiten: beide sind
zurückhaltend, aber bedrohlich,
düster und stimmig umgesetzt. Ein
exzellente Komposition, die als Film
fantastisch ausfällt.
Fazit:
Mit seiner düsteren Art erinnert
das zu Recht Oscar nominierte Drama
an einen anderen Volltreffer der
letzten Jahre: "No Country for Old
Men". "Winter’s Bone" ist ein
ebenfalls unnachgiebig harter
Überlebenskampf, stark inszeniert
und fesselnd gespielt.
8 /
10
10
- Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel
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